1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Sa. / So., 12. / 13. Juni 2021, Nr. 134
Die junge Welt wird von 2546 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 15.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Genozid

Rache der Nemesis

Vor 100 Jahren wurde Talaat Pascha, der Architekt des Armenier-Genozids, von einem armenischen Revolutionär in Berlin erschossen
Von Nick Brauns
imago0060248083h.jpg
Talaat Pasha (r.) posiert in einem deutschen Flugzeug (1.1.1900)

Am 15. März 1921 um viertel vor elf verließ Talaat Pascha seine Wohnung in der Hardenbergstraße 4 in Berlin-Charlottenburg, um zum Zeitungskiosk zu gehen. Auf der anderen Straßenseite wartete ein junger Mann. Er zog einen Parabellum-Revolver (9 mm) aus der Tasche und tötete den einstmals mächtigsten Mann des Osmanischen Reiches mit mehreren Schüssen.

Der 1874 in Adrianopel geborene Mehmet Talaat, der ursprünglich eine Beamtenlaufbahn bei der osmanischen Post eingeschlagen hatte, gilt als politischer Kopf des jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt. Unter seinem Einfluss radikalisierte sich diese Partei, die in der jungtürkischen Revolution 1908 noch mit liberalen Überzeugungen zur Rettung des maroden Reiches angetreten war. 1913 putschte sich schließlich ein Triumvirat aus Talaat als Innenminister, Kriegsminister Enver und Marineminister Djemal an die Macht. Unter dem Eindruck des Verlustes der europäischen Gebiete in den Balkankriegen 1912/13 und der von anderen Großmächten ermutigten Separationsbestrebungen christlicher Nationen wie der Armenier hatte sich bei den Jungtürken die Überzeugung durchgesetzt, den weiteren Zerfall des Vielvölkerreiches nur durch dessen ethnische Homogenisierung zu einem türkisch-muslimischen Nationalstaat aufhalten zu können.

Die Chance zur Umsetzung ihrer in der Konsequenz genozidalen Pläne bot sich im Weltkrieg, dem die jungtürkische Regierung auf Seiten der Mittelmächte beigetreten war. Talaat ordnete 1915 die Deportation der Armenier, denen er Kollaboration mit dem russischen Kriegsgegner vorwarf, »ins Nichts« an. Gemeint war die mesopotamische Wüste, wo die Armenier – soweit sie nicht vorher auf Todesmärschen von kurdischen Banden ermordet und ihre Frauen verschleppt worden waren – an Hunger und Durst zugrunde gingen. Bis zu 1,5 Millionen Christen fielen dieser Politik zum Opfer. Als Großwesir stand Talaat an der Spitze eines autoritär-zentralistischen Einparteienstaates, der viele Züge späterer faschistischer Regime trug. Angesichts der Kriegsniederlage und eines Auslieferungsersuchens der Alliierten floh Talaat im Oktober 1918 mit einem deutschen Torpedoboot nach Berlin. Dort lebte er, protegiert vom Auswärtigen Amt, inkognito mit seiner Frau in einer Neunzimmerwohnung und bereitete seine politische Rückkehr in die Türkei vor, als er Opfer des Attentats wurde.

»Ich habe einen Menschen getötet, doch ein Mörder bin ich nicht«, erklärte der Attentäter, Soghomon Tehlirian, am 2. Juni 1921 vor dem Moabiter Landgericht. In erschütternden Worten schilderte der in Erzincan geborene 24jährige Armenier die von Talaat zu verantwortenden Greueltaten an seinen Landsleuten. Dies sei »der erste wirkliche Kriegsverbrecherprozess«, befand die sozialdemokratische Tageszeitung Vorwärts. »Nur mit der einen Einschränkung, dass nicht der Kriegsverbrecher, sondern der Rächer unter Anklage stand. Aber in Wirklichkeit saß in diesen zwei Tagen auf der Anklagebank der blutbefleckte Schatten Talaat Paschas.« Die deutsche Regierung hatte allerdings kein Interesse daran, das Schicksal der Armenier vor den Augen der Weltöffentlichkeit in einem deutschen Gerichtssaal zur Sprache kommen zu lassen. Denn als engster militärischer Verbündeter der Türkei trug das deutsche Kaiserreich erhebliche Mitschuld an den Verbrechen. So fiel nach nur zwei Tagen bereits das Urteil. Die Geschworenen befanden Tehlirian für »nicht schuldig«, da er zum Tatzeitpunkt psychisch unzurechnungsfähig gewesen sei.

Das Gegenteil war der Fall. Zwar hatte Tehlirian Dutzende Verwandte im Genozid verloren. Doch er war kein harmloser Student, der zufällig in Talaat den Verantwortlichen für den Tod seiner Familie erkannt hatte, wie er vor Gericht behauptete. Vielmehr war der junge Armenier ein Nationalrevolutionär, der bereits im Krieg als Angehöriger eines armenischen Freiwilligenbattailons auf Seiten der russischen Armee gekämpft hatte. Anschließend trat Tehlirian einer von Armeniern in den USA finanzierten und geleiteten Verschwörerorganisation bei, die unter dem Namen der griechischen Rachegöttin Nemesis operierte. Ziel war es, die von einem Tribunal in Konstantinopel in Abwesenheit zum Tode verurteilten, geflohenen Hauptverantwortlichen für die Ausrottung der Armenier ihrer Strafe zuzuführen. Acht führende Jungtürken fielen zwischen 1920 und 1922 der Operation Nemesis zum Opfer, drei davon in Berlin. Diesen Völkermordverantwortlichen zu Ehren trägt die Moschee des türkischen Islamverbandes DITIB am Columbiadamm, wo zwei der Toten begraben liegen, bis heute den Namen Sehitlik Cami (Märtyrermoschee).

Die sterblichen Überreste Talaats wurden 1943 von den Nazis mit militärischen Ehren in die Türkei überführt. Dort sind bis heue Straßen und Schulen nach Talaat benannt, den der Schweizer Historiker Hans-Lukas Kieser im Titel seiner fulminanten, nun auch auf Türkisch erschienenen politischen Biographie als »Vater der modernen Türkei, Architekt des Genozids« bezeichnet. Die Leugnung des Genozids gehört bis heute zur Staatsräson der von Mustafa Kemal Atatürk auf dem Fundament von Talaats Regime errichteten Türkischen Republik, während die von den Jungtürken begonnene Politik der erzwungenen ethnischen Homogenisierung bis heute ihre Fortsetzung findet, – nunmehr gegen Kurden und Aleviten.

Demonstration heute (15.3.) in Berlin: »Gerechtigkeit für die Opfer von Völkermord! Genozidverleugnung heißt Fortsetzung des Verbrechens!«. Demoauftakt 16 Uhr vor dem Zoopalast (Hardenbergstr. 29 A)

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • Türkischer Faschist mit »Graue-Wölfe«-Stirnband in Frankfurt am ...
    12.01.2021

    Ende der Schonzeit

    Druck auf »Graue Wölfe« in Deutschland wächst. Verbot bleibt unwahrscheinlich

Mehr aus: Feuilleton