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Aus: Ausgabe vom 15.03.2021, Seite 10 / Feuilleton

Salzburg, die Stadt der Schiffahrt

Von Erwin Riess
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Die Prominenz schätzt das sehr: Kaffee- und Gasthäuser säumen die Altstadt Salzburgs

Das »Café Bazar« am Ufer der Salzach vis-à-vis der Salzburger Altstadt ist eines der berühmtesten Kaffeehäuser Österreichs. Seit Jahrzehnten geht hier die internationale politische und künstlerische Prominenz ein und aus. Herr Groll schätzte das Café aus drei Gründen. Zum einen hat man vom Garten einen großartigen Blick auf die am anderen Ufer der Salzach liegende Altstadt und die pittoreske Festung Hohensalzburg, zum anderen kann man vom Café aus die Abfahrts- und Wendemanöver des Speedboots »Amadeus Salzburg« verfolgen, das bis zu 80 Personen mit hoher Geschwindigkeit zum Schloss Hellbrunn, einem Prachtbau aus der Zeit des Manierismus, bringt. Schließlich schätzte Herr Groll das über hundertzwanzig Jahre alte Haus an der Salzach wegen seines großartigen Wendeltreppenliftes zur Behindertentoilette im ersten Stock. Man kann die Fahrt mit dem langsamen Lift kurzweilig gestalten, an den Wänden hängen fotografische Porträts von Max Reinhardt über Arturo Toscanini bis zu Curd Jürgens und Senta Berger.

Im März 2021 waren Café und Terrasse pandemiebedingt geschlossen. Also ließen sich Herr Groll und der Dozent auf einer Bank am Uferweg nieder. Die »Amadeus Salzburg« fuhr eben eine Wende vor dem traditionsreichen Restaurant »Fisch-Krieg« und nahm die Bergstrecke in Angriff.

»Ich habe gehört, dass hinter dem ›Café Bazar‹ auf dem Mirabellplatz jeden Donnerstag ein sogenannter Schrannenmarkt abgehalten wird, der dem Münchner Viktualienmarkt nicht nachsteht«, bemerkte der Dozent.

»Spezereien aus dem ganzen Land, und das zu Apothekerpreisen«, bestätigte Herr Groll. »Es gibt Stammkunden, die nehmen einen Kredit auf, wenn sie auf die Schranne gehen. Und es gibt auch auf dem Markt einen Stand, der Fischsuppen anbietet, deren Ruf bis Hallein dringt.«

»Papier- und Salzarbeiter schätzen frischen Fisch«, meinte der Dozent. »Und wodurch unterscheiden sich die beiden Fisch-Krieger?«

»In dem einen wird den Fischen mittels einer fettriefenden Panade der Krieg erklärt, im anderen den Geldbörsen der Marktbesucher.«

Mit aufheulendem Motor unterquerte das Panoramaboot die Staatsbrücke.

»Eine seltene Aluminiumkonstruktion, der Motor leistet 1.000 PS«, zitierte der Dozent aus einer Broschüre. »Die groß dimensionierten Glasscheiben ermöglichen einen hervorragenden Panoramablick. Das Schiff hat nur 38 Zentimeter Tiefgang.« Der Dozent blickte auf. »Was sagt uns das?«

»Dass flussaufwärts im gletscherkalten Wasser viele Untiefen lauern.«

»Und was noch?«

Herr Groll dachte nur kurz nach. »Dass das Schiff windanfällig ist und sehr wenig Eigenstabilität aufweist. Flußaufwärts geht’s ja noch, da sorgt der Motor für einen ruhigen Vortrieb, heikel wird die Sache aber bei der Talfahrt. Um manövrierbar zu bleiben, muss das Schiff ja die ohnehin beachtliche Strömung um einiges übertreffen.«

Der Dozent las in der Broschüre. »Bereits 1891 wurde versucht, eine Personenschiffahrt auf der Salzach zu etablieren. Der Versuch musste wieder eingestellt werden, die Maschinen waren zu schwach.«

Herr Groll nickte zustimmend. »In jener Zeit versuchte man auch in Graz auf der reißenden Mur eine Personenschiffahrt einzurichten. Nachdem aber eines der beiden Schiffe an einem Brückenpfeiler zerschellt war, wobei sechs Personen einer sogenannten Bereisungskommission ums Leben gekommen waren, ließ man es wieder bleiben. Im übrigen ist das Vorgängerschiff der ›Amadeus Salzburg‹ beim Jahrhunderthochwasser des Jahres 2002 auch abgesoffen. Glücklicherweise nicht während der Fahrt, sondern vertäut am Steg. In der Linzer Schiffswerft erfolgte dann Jahre später der Neuaufbau des Schiffes.«

Der Dozent wandte sich um und musterte das Kaffeehaus. »Wissen Sie, was ich mich frage? Ich sehe hier weit und breit keinen Bazar. Woher also der Name des ›Café Bazar‹?«

»Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich hier eine Geschäftszeile mit vielen kleinen Läden, Bazargebäude genannt.«

»In der Salzburger Lokalgeschichte sind Sie bemerkenswert beschlagen.« Der Dozent warf seinem Freund einen anerkennenden Blick zu.

Er habe in den 70er Jahren die Sommerferien bei seinem gleichaltrigen Cousin in Salzburg-Parsch verbracht, erklärte dieser. »Der gegenwärtige Hauptsponsor der Festspiele, der Hamburger Großreeder Kühne, wurde reich, indem er ab 1942 die Möbel deportierter Juden nach Deutschland verschiffte. 65.000 Wohnungen aus Paris, den Niederlanden und Belgien wurden ausgeraubt, 500 Frachtkähne und 674 Züge waren im Einsatz. Davon später mehr. Lassen Sie uns aufbrechen, es wird kühl.«

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