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Aus: Ausgabe vom 15.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Das Meer, blutrot

Musik zur Klimakrise: »Ignorance« von The Weather Station
Von Frank Schwarzberg
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Gegen verschüttete Gefühle anspielen: Tamara Lindeman von The Weather Station

Tanz den Brecht – wie soll das gehen? »Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?« Kann man gut diskutieren, aber tanzen? Schwierig. Wie wär’s hiermit? »No, the robber don’t hate you. He had permission – permission by words, permission of thanks, permission of laws, permission of banks, white table cloth dinners, convention centres, it was all done real carefully.« Darunter ein treibender Beat à la Kraftwerk oder Neu! und akzentuierender Gesang.

Aha, die Systemfrage tanzen geht also doch. »Robber« heißt der Eröffnungstrack des neuen Albums »Ignorance« von Tamara Lindemans Bandprojekt The Weather Station, und da der straighte Beat und die karge Nichtmelodie umspielt werden von beinahe free-jazzigen Saxophontönen, fiebriger Percussion und vielem mehr, hört er sich auch noch großartig an. Im Verlauf des zehn Stücke langen Albums wird deutlich, dass dieser Raub, um den es Lindeman geht, die Umweltzerstörung meint – legal, für Geld und mit, positiv sanktioniert durch Gesetze, Banken, Politik und Wirtschaft. Die Aufnahmen sind von 2018, aus einer Zeit, in der die 36jährige kanadische Musikerin sich bei Fridays for Future engagierte, Gesprächsreihen über die Klimakrise organisierte, vor allem Artikel las über Ölmulti Exxon, wo man schon 1982 wusste, wie die Klimaerwärmung 2019 ausfallen würde und viel Geld in die Hand nahm, um Zweifel zu streuen.

Lindemans Kunstgriff besteht darin, Metaphern von scheiternden Beziehungen, von Verlust zu verwenden, um ihren persönlichen climate grief, ihren Klimaschmerz, zu artikulieren. Dieser Schmerz gilt also nicht einer geliebten Person, sondern dem Planeten. (Eine ähnliche Herangehensweise lag dem – in jW besprochenen – positiver gestimmten Album »The Hummingbird Revolution« von Lesley Kernochan aus dem Jahr 2019 zugrunde.) Interessanterweise kommt bei Lindeman keine Betroffenheitslyrik heraus, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir beim Hören etwa des Tracks »Robber« an uns selbst, nämlich als Räuber, Verbrecher etc. denken müssen. Eine Wahrnehmungsfrage.

Und eine der Entfremdung. Denn Entfremdung heißt ja auch, kein Gespür für solcherlei Verbrechen zu haben. Verschüttete, verdeckte, versteckte Gefühle dieser Art mit den Mitteln der Musik wiederzubeleben oder neu zu erwecken, darum geht es Lindeman. (Der Albumtitel »Ignorance« meint hier, im Sinne Virginia Woolfs, eine bewusste Ignoranz, in der die Zukunft im Dunklen, Unklaren liegt, die Realität so überhaupt erst neu erfahrbar und darüber veränderbar wird.)

Es ist das fünfte Album von The Weather Station; von ihren Anfängen in der Indiefolkszene Torontos hat sie sich hier am weitesten entfernt. Erstmals entstanden ihre Songs am Klavier und nicht auf der Gitarre. Sieben der Songs sind sehr rhythmusbetont, vieles erinnert Fleetwood Macs Album »Avalon«. Die freieren Elemente (Saxophon, Percussion, E-Gitarreneinsprengsel, Piano­akkorde, atmosphärische Streicher) in Verbindung mit Lindemans gehauchtem, beinahe vorsichtig wirkendem Gesang lassen das Ergebnis anspruchsvoll, unterschwellig neurotisch und eingängig zugleich erscheinen.

Überwältigt vom Sonnenuntergang am Atlantik, ein Glas Wein in der Hand, liegt die Protagonistin im zweiten Song, »Atlantic«, auf einem Feld, während (von der Meereserwärmung bedrohte) Sturmtaucher über ihr Pirouetten drehen. »My god, my god, what a sunset, blood red floods the Atlantic.« Wie groß die Bedrohung ist, wissen wir erst, wenn wir lieben lernen.

The Weather Station: »Ignorance« (Fat Possum/Membran)

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