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Aus: Ausgabe vom 15.03.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Spielsucht

Game over

Anbieter von Onlinecasino muss Opfer entschädigen. Änderung des Staatsvertrags für Glücksspiele ab dem Sommer droht Suchtgefahr zu erhöhen
Von Simon Zeise
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Nur wenige drehen die richtige Zahl, der große Rest verzockt viel Bares (Aukrug-Homfeld, 15.3.2019)

Zu Hause sitzen und zocken. So verbringen viele die Zeit während der Coronapandemie. Doch was aus Langeweile beginnt, kann drastische Folgen haben. »Riskante Onlineglücksspiele drohen immer populärer zu werden«, warnt die Beratungsstelle »Sucht Hamburg«. Schon seit einiger Zeit bemühten sich die Anbieter von Glücksspielen im Internet mit erheblichem Werbeaufwand um Spielernachwuchs. »Jetzt, mitten in der Coronapandemie, könnte diese Rechnung aufgehen.« Denn vor allem Menschen, die sich durch die Einschränkungen im Shutdown stark belastet fühlten, und jene, die schon vor der Pandemie regelmäßig um Geld gespielt haben, seien anfällig für die Lockangebote der Glücksspielanbieter im Internet.

Dabei sind die Onlineofferten bislang in Deutschland illegal. Dies bestätigte das Landgericht Gießen in einem aufsehenerregenden Urteil vom 25. Februar. Die Richter hatten der Klage eines Mannes stattgegeben, der von dem in Malta ansässigen Betreiber Casinoclub.com sein verlorenes Geld zurückforderte, berichteten mehrere Medien am Freitag. Rund 12.000 Euro plus Prozesskosten muss die Internetspielhalle an Entschädigung zahlen, weil der Kläger nachweisen konnte, dass er unter Spielsucht litt. Der Rückforderung der Spielverluste stehe auch nicht entgegen, dass der Spieler an dem unerlaubten Glücksspiel gar nicht hätte teilnehmen dürfen, stellten die Richter fest.

Boombranche

Die Glücksspielbranche boomt. Wie aus dem »Jahrbuch Sucht« der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hervorgeht, betrug der Jahresumsatz zuletzt 46,3 Milliarden Euro. Doch gewinnen kann immer nur einer. »In den vergangenen Jahren hat die Zahl derer, die wegen Onlineglücksspielen unsere Beratung in Anspruch nehmen, stetig zugenommen«, sagte Sophie Schmid vom Berliner »Präventionsprojekt Glücksspiel« am Freitag gegenüber jW. »Auffällig ist, dass die Anbieter eine aggressive Werbestrategie verfolgen. Dies könnte zur Folge haben, dass Menschen süchtig werden, die bislang nicht gespielt hatten.« An deutschen Gerichten sind Tausende Klagen gegen Onlineanbieter anhängig. Die Spieler könnten wie im Gießener Fall entschädigt werden oder sich mit den Betreibern auf einen Vergleich einigen.

Doch ab dem 1. Juli wird ein anderer Wind durch die Gerichte wehen. Dann tritt die Reform des Glücksspielstaatsvertrags in Kraft, der die Legalisierung der Internetcasinos vorsieht. Um den »natürlichen Spieltrieb« der Bevölkerung zu befriedigen, wie es dort heißt, werden nur geringe Auflagen gemacht. So sollen in einer Sperrdatei künftig Zocker mit Selbst- oder Fremdsperre erfasst werden. Werbung für Onlineglücksspiele darf täglich zwischen sechs und 21 Uhr nicht im Rundfunk erfolgen. Für Spieler soll ein individuelles monatliches »anbieterübergreifendes« Einzahlungslimit festgelegt werden, das 1.000 Euro im Monat nicht übersteigen darf.

Glücksspielbehörde

Wer das überprüfen soll, ist allerdings unklar. Vorgesehen ist eine neue zentrale Glücksspielbehörde, die ihren Sitz in Sachsen-Anhalt haben soll. Für Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht e. V., geht das nicht weit genug. Wenn ab dem 1. Juli die Novellierung des Glücksspielstaatsvertrags in Kraft trete, sei die zentrale Behörde noch gar nicht aufgebaut. Zudem werde sie nur mit 120 Mitarbeitern ausgestattet. »Das ist viel zuwenig«, so Füchtenschnieder am Freitag gegenüber jW. Es gebe »ein deutliches Ungleichgewicht zwischen der Macht der multinationalen Firmen und derjenigen der Verbraucher«. Eine Firma, die Onlinecasinos anbietet, habe in einem Monat 15 Millionen Euro in TV-Werbung investiert. Das sei mehr Geld als allen Beratungs- und Präventionsstellen für Spielsucht in Deutschland im ganzen Jahr zur Verfügung stehe. Die Glücksspielbetreiber bekämen durch ihren Internetauftritt Zugang ins Private. »Es ist, als ob standardmäßig neben meiner Wasserleitung noch eine Bierleitung in die heimische Küche verlegt wird«, sagte Füchtenschnieder im Gespräch mit jW. Und das Ganze ist kein Spiel. Denn »die Suizidrate unter den Betroffenen ist sehr hoch«.

Die Regierung müsse die Unternehmen in die Schranken weisen: »Prohibition ist keine Lösung. Ein kleiner, gut regulierter Markt wäre am besten.« »Wir fordern, dass – solange Glücksspielwerbung noch erlaubt ist – alle Glücksspielanbieter exakt die gleiche Summe, die sie in Werbung investieren, in einen Topf einzahlen müssen, der für Glücksspielsuchtprävention, -beratung und -forschung verwendet wird«, fasste Füchtenschnieder zusammen. Insbesondere in Fußballstadien solle Glücksspielwerbung verboten werden, weil hier vielen sportbegeisterten Kindern und Jugendlichen vermittelt werde, Sportwetten seien normale Freizeitbeschäftigungen.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (15. März 2021 um 15:25 Uhr)
    Für meine Begriffe ist das Boomen der Glücksspielbranche nur eines (von vielen) Symptomen des immer weiter verwahrlosten und verwahrlosenden Spätkapitalismus, in dem der schnelle Glücksklick erstens eine unkomplizierte Ablenkung von der Tristesse des Lebens in eben jenem ermöglicht, gekoppelt zweitens mit der Verheißung auf einfaches und schnelles Geld, um an den Konsumverheißungen partizipieren zu können, um darüber Zufriedenheit zu simulieren. Glücksspiel ist für jedermann zugänglich, man muss nicht erst Zeit aufwenden, um irgendwas zu lernen oder Fähigkeiten zu erwerben, um auf diese Weise sein Einkommen zu steigern (sofern man eben nicht ohne XXL-Fernseher leben kann). Man könnte ja auch zum Beispiel Schach spielen (oder jedes andere Spiel) um seinen »Spieltrieb« zu befriedigen, aber das muss man erstens können und auch noch gut können, wenn man eher öfter gewinnen als verlieren will. Andererseits, das Positive am Glückspiel ist, dass alle gleich sind, da nutzt dem Hochschulprofessor seine Bildung nicht viel gegenüber einem Schulabbrecher. Wäre also irgendwie positiv, wenn am Ende nicht sowieso alle verlieren würden.

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