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Sandschichten des Vertrauens

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Der März hat bisher die Aktienbesitzer erfreut. Der Deutsche Aktienindex Dax ist in diesen Tagen endlich und nachhaltig (was für ein schönes Wort, es verspricht so viel und ist deshalb bei Managern, Bankern und PR-Agenten beliebt) über das alte Hoch vom Februar 2020 gestiegen. Im vorigen Jahr war unser guter deutscher Index im März krass eingebrochen, bis zu 40 Prozent unter die alten Höchstkurse. Das war die Coronabaisse. Dank des vielbesungenen Geldeinsatzes der Notenbanken und Finanzminister war der Kurseinbruch kein bisschen nachhaltig. Vielmehr erholten sich die Aktienkurse fast ebenso rasch, wie sie gefallen waren. Aber das alte Hoch vom Februar wurde nicht ganz erreicht, geschweige denn nachhaltig übertroffen. Das ist seit Anfang dieses Monats endlich anders. Aktienmäßig ist die Coronakrise überwunden. Jetzt gilt es zu neuen Rekorden aufzusteigen.

Ganz blöd sind Aktienhändler und -anleger ja nicht. Soll heißen, sie haben meist Gründe für ihr Handeln. So auch jetzt für ihren Optimismus. Man kann sich diesen als ein Sediment aus verschiedenen Sandschichten aufgebaut denken, das insgesamt die Basis für das Vertrauen dafür bildet, dass alles wieder so wie früher wird, als Konzerne von Jahr zu Jahr höhere Gewinne produzierten und die Aktienkurse deshalb von Hoch zu Hoch und alsdann zu »Allzeithochs« kletterten. Die erste Schicht wurde schon erwähnt. Es ist das viele Geld der Notenbanken, das den Investoren und Vermögensverwaltern keine Wahl als die notorisch unzuverlässigen Aktien ließ, weil der Zins auf alles andere so niedrig war. Die zweite Schicht bestand darin, dass selbst so knausrige Finanzminister wie der deutsche ihre Klientel nicht verkommen lassen würden. Ab einer gewissen Größe würde jedes Unternehmen so lange gestützt werden, bis es wieder profitabel ist. Dritte Schicht: Die staatsmonopolistischen Regimes mögen fast auf bis zur Unfähigkeit verschlankte Gerippe abgemagert worden sein. Sie lassen mittels schlecht organisierter Impfkampagnen dennoch genug Arbeitskräfte durch die Pandemie kommen, damit der Verwertungsprozess von der Inputseite wieder Fahrt aufnehmen kann.

Mit der vierten sandigen Vertrauensschicht gab es im Februar ein kleines Problem. Was würde passieren, überlegten die Klein- und Großanleger, wenn die Realökonomien des »Westens« tatsächlich Fahrt aufnehmen sollten? Wenn im Extremfall mehr Geld als bisher üblich in die Hand gemeiner Lohnabhängiger oder gar bisher nur prekär Beschäftigter geriete? Die Löhne also ein paar Quartale lang so stark wie die Gewinne (oder – entsetzlicher Gedanke gar noch stärker) steigen würden? Inflation wäre die Folge, zumindest aber die Furcht davor. Schon stiegen die Zinsen ein klein wenig. In dieser heiklen Lage erwiesen sich der US-Kongress, US-Notenbankpräsident Jerome Powell und zuletzt EZB-Präsidentin Christine Lagarde als Meister des »Erwartungsmanagements«. Wir schütten zuverlässig Geld in die bewährten Kanäle, sagten sie, auch wenn die Inflation vorübergehend zwei Prozent erreicht. Im übrigen werde die Inflation nicht nachhaltig steigen. So wurde die vierte Schicht just in diesen Tagen aufgetragen. Und der Aktienmarkt nimmt auf dieser festen Vertrauensbasis Fahrt auf.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main.

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