Gegründet 1947 Dienstag, 13. April 2021, Nr. 85
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.03.2021, Seite 1 / Titel
Angriffe auf junge Welt

Wer hat Angst vor wem?

Von Stefan Huth
WEbbild 1 1100 x 526 WhAvw.png
Das Motiv der aktuellen Probeabokampagne der jungen Welt

Poster, Flyer, Aufkleber sind gedruckt und verteilt, Werbespots fürs Radio produziert, Anzeigenflächen in Medien und im öffentlichen Raum gebucht. Auch jW-Leserinitiativen warten landesweit darauf, dass es endlich losgeht. So weit, so gut, und nun könnte sie routiniert starten, die seit langem geplante große Frühjahrskampagne unter dem Motto »Wer hat Angst vor wem?« – mehr als 100.000 Euro in Werbemaßnahmen hat jW dafür bislang investiert. Liefe alles nach Plan, ginge es ab diesem Wochenende marketingmäßig in die vollen.

Geht es aber nicht, denn seit kurzem werden dieser Zeitung verstärkt Hindernisse in den Weg gestellt. In der Vergangenheit gab es bereits eine lange Kette von Angriffen auf die junge Welt, die gegenwärtigen markieren jedoch einen neuen Höhepunkt. Der Schaden für die Aktion ist bereits jetzt erheblich: Diese ist crossmedial angelegt, ihr Erfolg gefährdet, wenn einzelne Bausteine fehlen.

Neben der hauptstädtischen BVG verweigerten auch die Verkehrsbetriebe in Hamburg, Köln und Leipzig das Aufhängen von jW-Plakaten mit dem hier abgebildeten Motiv. Die Begründung lautete meist ähnlich wie hier: »Sowohl Kunde als auch Motiv entsprechen nicht unserer im Vertrag festgelegten politischen Neutralität.« Davon, dass andere Tageszeitungen von solchen Boykottmaßnahmen betroffen waren, hat man bislang nichts gehört. Und selbst die Bundeswehr darf auf Bahnhöfen und Transportmitteln mit martialischen Bildern großflächig werben – in ihrem Fall fürs Sterben.

Ein Hinweis auf die Gründe für die genannten Ablehnungen erreichte den Verlag Mitte der Woche. Eine Druckerei im schwäbischen Esslingen verweigerte die Herstellung des Magazins Antidot, einer vom »Bündnis Marxismus und Tierbefreiung« herausgegebenen Publikation. Die Rechtfertigung des Unternehmens lässt aufhorchen: »Sie (haben) eine Anzeige für Tageszeitung junge Welt geschaltet, welche als solche im Verfassungsschutzbericht unter ›Überblick mit Strukturdaten zu Beobachtungsobjekten‹ erwähnt wird. Dies widerspricht leider unserem Grundsatz, für Organisationen, die im Verfassungsschutzbericht benannt sind, nicht zu drucken.« Die langjährige Kampagne des Inlandsgeheimdienstes gegen die junge Welt trägt also Früchte. Auch die immateriellen Folgen dieser beispiellosen Brandmarkung eines Mediums sind offenbar erwünscht.

Bislang konnte sich die junge Welt als kleine Zeitung mit kleinem Budget, aber gut durchdachten Werbekonzepten, gegen alle Trends auf dem hart umkämpften Pressemarkt behaupten und ihre Auflage sogar steigern. Mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz stellt sich jW nun ausgerechnet jene Behörde in den Weg, die spätestens nach den NSU-Morden und dem Anschlag vom Breitscheidplatz in Berlin jede Legitimation verloren hat.

Redaktion, Verlag und Genossenschaft betrachten diese Stigmatisierung der jW vor allem als politischen Skandal. Sie sahen sich erstmals in der Geschichte dieser Zeitung veranlasst, einen offenen Brief an die politischen Entscheidungsträger im Deutschen Bundestag zu schreiben. Darin baten sie die Abgeordneten am Freitag um Stellungnahme zu dieser in anderen bürgerlichen Demokratien unvorstellbaren Gängelung eines Presseorgans.

junge Welt: Offener Brief an Bundestagsfraktionen:

https://www.jungewelt.de/artikel/398350.html

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Debatte

  • Beitrag von Matthias M. aus H. (12. März 2021 um 20:28 Uhr)
    Zusammen mit Organisationen wie der Roten Hilfe oder der VVN-BdA in Verfassungsschutzberichten aufzutauchen, ist eigentlich sogar ein ganz dickes Kompliment.

    Ganz im Sinne der Kampagne: »Wer hat Angst vor wem ...«
  • Beitrag von Ralf S. aus G. (13. März 2021 um 13:29 Uhr)
    Man müsste mal recherchieren, ob es besagte Druckereien mit rechten Publikationen ebenso handhaben. Aber vermutlich sind es einfach nur stumpfbürgerliche Eigentümer, für die der VS eine ehrbare Institution darstellt, der man mit vorauseilendem Gehorsam begegnet. Deswegen ist es wichtig, dass es linke Druckereien gibt.

    Und überhaupt, wenn man konsequent oppositionelle, systemkritische und in der Regel antikapitalistische linke Organisationen, die aus VS-Logik allein deswegen »verfassungsfeindlich« sind, weil dem Kapitalismus Verfassungsrang beigemessen wird, obwohl nirgends in der Verfassung was von Kapitalismus steht, einfach gewähren lassen würde, dann wär's halt auch nicht das Schweinesystem.

    Die eklatante Doppelmoral und Verlogenheit, dass nämlich Anzeigen anderer Zeitungen und der Bundeswehr in Ordnung sind, von wegen »Neutralität«, ist natürlich völlig offensichtlich, die Empörung bei bürgerlichen Parteien und Medien darüber wird sich aber arg in Grenzen halten.Man müsste mal recherchieren, ob es besagte Druckereien mit rechten Publikationen ebenso handhaben. Aber vermutlich sind es einfach nur stumpfbürgerliche Eigentümer, für die der VS eine ehrbare Institution darstellt, der man mit vorauseilendem Gehorsam begegnet. Deswegen ist es wichtig, dass es linke Druckereien gibt.

    Und überhaupt, wenn man konsequent oppositionelle, systemkritische und in der Regel antikapitalistische linke Organisationen, die aus VS-Logik allein deswegen »verfassungsfeindlich« sind, weil dem Kapitalismus Verfassungsrang beigemessen wird, obwohl nirgends in der Verfassung was von Kapitalismus steht, einfach gewähren lassen würde, dann wär's halt auch nicht das Schweinesystem.

    Die eklatante Doppelmoral und Verlogenheit, dass nämlich Anzeigen anderer Zeitungen und der Bundeswehr in Ordnung sind, von wegen »Neutralität«, ist natürlich völlig offensichtlich, die Empörung bei bürgerlichen Parteien und Medien darüber wird sich aber arg in Grenzen halten.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Emre Ögüt: Nicht nachgeben! Ich habe Euren Artikel zur Antipropaganda durch den Verfassungsschutz gelesen und möchte Euch sagen: Bleibt standhaft! Wir brauchen Euch! Dass der Verfassungsschutz Euch ins Visier nimmt, deute ich al...
  • Lothar Böling, Düren: Auf richtigem Weg In der Tat, was hatte man erwartet? Seit 1945 leben wir in einer vom Kapital dominierten, postfaschistischen Gesellschaft. Aufgebaut von Leuten, die im Hitlerfaschismus aufgewachsen waren und das Wort...
  • E. Rasmus: Kapitaler Horror Die »politischen Entscheidungsträger« sind doch selbst, wie auch der Maskenskandal zeigt, nur die politischen Auftragsnehmer des Kapitals, seiner Oligarchie, die natürlich Horror vor sozialen Bedürfni...
  • alle Leserbriefe

Ähnliche: