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Aus: Ausgabe vom 12.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Entferntes Echo

Gedankensplitter der Lyrikerin Gisela Steineckert
Von Walter Kaufmann
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Die Autorin Gisela Steineckert (2016)

Über allem schwebt ein Hauch von Melancholie, ein Entrücktsein, ein Abschiednehmen – »Langsame Entfernung«, in der Tat! Der Titel erweist sich als allumfassend für das jüngste Buch der mittlerweile 90jährigen Gisela Steineckert. Wieder einmal teilt sie ihre Erfahrung mit Lust und Liebesleid, mit Kriegswirren, Nachkriegsmühen und sozialistischem Aufbau, offenbart ein Leben, geprägt von Höhen und Tiefen, von Erfolgen, Mühen und Anfechtungen insbesondere im Zusammenhang mit Maueröffnung und dem jähen Zerfall der DDR.

Der Ton dieser Prosa macht die Musik – oft ist nur ein leises, weit entferntes Echo zu hören, und manch ein Bild, das hier veranschaulicht wird, mutet an wie durch ein umgedrehtes Fernrohr gesichtet, weit entfernt wie eben jener Ton, dabei bunt und klar. Ein wundersames Buch ist »Langsame Entfernung«, mit Gedankensplittern, Erinnerungen, Reflexionen, die einen Grad Verklärung erkennen lassen, auch Enttäuschung bei den Zeitläuften, dem gegenwärtigen Chaos in der Welt. Halbwegs durchs Buch aber taucht die durch ungezählte Lieder, Gedichte und Prosabände bekannte und geliebte Gisela Steineckert von einst wieder auf. Im Abschnitt »Grundsätzlich« nimmt sie Stellung. »Meine Herkunft: die dreckigste Ecke im Keller …« und, noch auf der gleichen Buchseite: »Ich habe eine andere DDR erlebt, als sie mir von genervten Bürgern der DDR geschildert wurde. Wir mussten nichts, das uns nicht lag …«

Ausgrenzung und tatsächlichen Schaden habe sie erst nach 1989 erfahren, als sie ständig belästigt wurde, sie solle mit ihrem Leiden in der DDR endlich rausrücken. »Gab es in der DDR Unrecht?« fragt sie. »Ja, bestimmt. Aber es gab dort nicht nur Helden am Montagabend – sondern zunehmend tapfere Bürger, die Unrecht nicht hingenommen haben.« Und nirgends offenbaren sich ihr Wesen, ihre Beschaffenheit deutlicher als in »Einen Kopf von mir«, dem Porträt einer jungen Bildhauerin mit besonderem Blick, schönen Augen, hoher Stirn und gewinnendem Lächeln; auch um den eigenwilligen, hochbegabten Dichter Volker Braun geht es, und um den wegen seiner Staatsnähe, seiner in der DDR ausgeübten Funktionen viel geschmähten, oft verkannten Hermann Kant: »Dieser Spötter, dieser auch manchmal zynische Schlaukopf, dieser talentierte Diplomat hatte eine Herzkammer, die nach der Enttäuschung leer blieb. Wie unendlich traurig. So lange zu leben und niemals wirklich geliebt zu werden«, schreibt Steineckert, was mehr ist als nur der Widerhall eines entfernten Echos, es ist direkt und klar und zeugt von einem Erkenntnisreichtum gewonnen in Jahrzehnten schöpferischer Arbeit.

Gisela Steineckert: Langsame Entfernung. Gedanken, Gedichte und Voraussichten. Verlag Neues Leben, Berlin 2021, 192 Seiten, 15 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfram A. (12. März 2021 um 09:01 Uhr)
    Vielen Dank, lieber Walter Kaufmann, für diesen schönen Text und Empfehlung und Anregung. Wenn ich meinen Enkelinnen und Enkeln Namen von Menschen nennen soll, die es mir leichtgemacht haben, die DDR als meine Heimat zu leben und zu fühlen, dann gehören Ihrer beider Namen unbedingt dazu. Soviel Haltung, Wärme, liebevoller Humor und soviel Kraft. Danke!

    Wolfram Adolphi, Potsdam

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