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Aus: Ausgabe vom 12.03.2021, Seite 4 / Inland
Rechte Gewalt

Urteil nach Angriff auf Eisdiele

Neonaziüberfall in der westdeutschen Provinz: Einer von sieben Beteiligten erhält Haftstrafe. Opfer weiter traumatisiert
Von Kristian Stemmler
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Justizgebäude in Heidelberg

Das Urteil war im Rhein-Neckar-Gebiet mit Spannung erwartet worden: Wegen eines rassistischen Angriffs auf Gäste einer Eisdiele in der Stadt Wiesloch südlich von Heidelberg im September 2018 sind drei der insgesamt sieben Beteiligten am Donnerstag verurteilt worden. Das Amtsgericht Wiesloch, das wegen der Pandemielage im Landgericht Heidelberg tagte, verurteilte den Hauptangeklagten, den 26 Jahre alten Neonazi Timo F. aus dem Landkreis Karlsruhe, zu zwei Jahren und vier Monaten Gefängnis – wegen gefährlicher Körperverletzung, Volksverhetzung sowie Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Das Urteil liegt nur zwei Monate unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Mitangeklagten von Timo F., ein Brüderpaar aus dem Kraichgau, bekamen wegen gefährlicher Körperverletzung eine Bewährungsstrafe von neun Monaten.

Timo F. soll der Anführer eines brutalen Angriffs auf Gäste einer Eisdiele in der Wieslocher Fußgängerzone am Abend des 8. September 2018 gewesen sein. Der heute 26 Jahre alte Industriemechaniker war im Rahmen eines Junggesellenabschieds zuvor betrunken mit sechs Kumpanen durch die Innenstadt gezogen. In einer Kneipe fielen die Männer auf, weil sie Soldatenlieder grölten. Auf dem Marktplatz der Stadt wurde wenig später aus der Gruppe mehrfach der Hitlergruß gezeigt, es wurden faschistische Parolen gebrüllt wie »Hier marschiert der nationale Widerstand!« und »Deutschland den Deutschen«. Als ein Anwohner »Verpisst euch!« rief, gingen die sechs auf die Gäste des Eiscafés los, türkisch- und portugiesischstämmige Familien mit Kindern, die friedlich vor dem Café saßen. Sie schleuderten Stühle und Tische auf die Menschen, skandierten rassistische Parolen, traten und schlugen auf Personen ein.

Clara Grube von der Antifaschistischen Initiative Heidelberg (AIHD), die das Verfahren beobachtet hatte, begrüßte das Urteil. Es sei vor allem für die Betroffenen des Angriffs sehr wichtig, dass F. »hinter Schloss und Riegel verschwindet«, sagte sie am Donnerstag im Gespräch mit jW. Die Kinder, die den Angriff miterleben mussten, seien zum Teil »schwersttraumatisiert« und nach wie vor in psychiatrischer Behandlung, so die Aktivistin. »Für uns als linksradikle Antifaschisten und Antifaschistinnen bleibt Klassenjustiz selbstverständlich Klassenjustiz«, sagte Grube. Wenn ein Nazi »im Knast« sei, könne er aber immerhin »keine lebensbedrohliche Jagd auf von ihm so genannte Nichtdeutsche mehr machen«.

Nach Einschätzung ihrer Initiative seien alle sechs Beteiligten in rechten Bezügen aktiv oder zumindest aktiv gewesen. Die Einlassung des Verteidigers von Timo F., sein Mandant habe einen »Schlussstrich« unter seine rechte Vergangenheit gezogen, bezeichnete Clara Grube als nicht glaubhaft. In den Verhandlungspausen habe sich F. jedenfalls rege mit regionalen Nazigrößen wie dem NPD-Funktionär Reinhard Schätz unterhalten, die den Prozess besucht hatten. Bis Ende 2016 war F. nach Recherchen der AIHD bei den »Freien Nationalisten Kraichgau« aktiv, danach bei der Kleinstpartei »Die Rechte«, das gelte ebenso für zwei weitere Beteiligte des Angriffs auf die Eisdiele.

Die drei Angeklagten hatten sich im Prozess bei den Geschädigten entschuldigt und beteuert, dass sie mit rechtem Gedankengut abgeschlossen hätten. Der Verteidiger von Timo F. hatte die Taten seines Mandanten vor allem mit dem Konsum von reichlich Alkohol erklärt. F. sei fest angestellt und habe eine feste Beziehung. Beides könne durch eine Haftstrafe gefährdet werden, so der Anwalt. Einer der beiden Mitangeklagten von F. hatte für Aufmerksamkeit gesorgt, weil er zum Zeitpunkt der Tat als Waffenmechaniker bei der Polizei arbeitete.

Drei andere Beteiligte des Angriffs, drei Brüder, waren bereits im Juli 2020 zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Der siebte Teilnehmer des Junggesellenabschieds hatte überzeugend darlegen können, dass er versucht hatte, den Angriff zu verhindern; er wurde nicht angeklagt.

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