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Aus: Ausgabe vom 08.03.2021, Seite 12 / Thema
Arbeit, Kapital und Corona

Erschütterungen im Betrieb

Vorabdruck. Was die Coronakrise in der Arbeitswelt anrichtet
Von Richard Detje und Dieter Sauer
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Gesellschaftlich aufgewertet bei fortgesetzter Prekarität. Nicht der Hedgefonds oder die Bank, sondern oft genug die niedrig entlohnte Arbeit – ob an der Kasse beim Discounter, bei der Paketzustellung oder im Krankenhaus – hat sich als »systemrelevant« erwiesen

In diesen Tagen erscheint im Hamburger VSA-Verlag von Richard Detje und Dieter Sauer das Buch »Coronakrise im Betrieb. Empirische Erfahrungen aus Industrie und Dienstleistungen«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autoren redaktionell gekürzt das letzte Kapitel. (jW)

Es ist nicht alles Corona, was gegenwärtig die krisenhaften Entwicklungsdynamiken im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben prägt. Die Pandemie wird genutzt, um tiefer greifende Veränderungen interessenpolitisch aus Sicht der Unternehmen zu bearbeiten. Restrukturierung von Kapitalismus und Neubearbeitung von Kräfteverhältnissen stehen auf der Tagesordnung.

Der Rückblick auf die Krisenentwicklung im Jahr 2020 zeigt: Den Planungen der 30 Dax-Konzerne zufolge sollten allein bei ihnen im Laufe des Jahres mehr als 40.000 Arbeitsplätze abgebaut worden sein. Für 2021 wird mit einer zumindest doppelt so hohen Zahl gerechnet. Das würde die Jobverluste aus der Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor gut zehn Jahren bei weitem übertreffen. Um nicht im Ungefähren zu bleiben: Bei der Deutschen Bank und der Commerzbank könnte es zur Streichung jedes fünften Arbeitsplatzes kommen. Die frisch aus dem Dax geflogene Lufthansa will aufgrund des eingebrochenen Reiseverkehrs den Personalbestand um 11.000 Stellen zurückfahren. »Galeria Karstadt-Kaufhof« hat die Schließung von mindestens 62 Kaufhäusern angekündigt, mehr als ein Drittel des Bestandes. Beim Stahl- und Metallwarenhändler Klöckner schließen laut Handelsblatt (29.9.2020) 19 Standorte. Den Vogel schießt Volkswagen ab: Auf 27.000 Stellen soll sich der Abbau summieren, bei BMW sind es weltweit rund 6.000 plus 10.000 Leiharbeiter.

Personalabbau ist Cost-Cutting. Doch das ist in einem komplexeren Krisenzusammenhang bei weitem nicht die ganze Geschichte. Das zeigt ein Blick auf die Betriebe, die wir in unsere Untersuchung einbezogen haben: Es werden Restrukturierungsprogramme intensiviert, die mit Umschichtungen im Personalbestand einhergehen. Fachkräfte in IT, Software, Forschung und Entwicklung, Elektroniker und Techniker werden verstärkt nachgefragt, um die Digitalisierungsprozesse in den Unternehmen voranzutreiben oder betriebliche Abläufe den politischen Anforderungen des Klimawandels anzupassen. Gesprochen haben wir mit Betriebsräten, denen auf der Gewinnerstraße der IT-Industrie mit erheblichen Personalengpässen interessenpolitisch nichts geschenkt wird, oder in der Energieversorgung, die sich mit auf kommunale Bedarfe orientierten Kraftwerken zukunftsorientiert aufgestellt sehen.

Neben Betrieben, die kaum Krisenfolgen spüren, gibt es »Krisengewinner« im Automatisierungsmarkt, in Teilen des vom Lockdown nicht betroffenen Einzelhandels oder im Logistik- und Transportgewerbe, die gleichsam neben den »Krisenverlierern« in der automobilen Zulieferindustrie, der Gastronomie, der Tourismus- und der Kulturbranche stehen, deren wirtschaftliches Leben höchst unsicher geworden ist. Die Folgen für die Beschäftigten sind noch differenzierter: Während in einigen Betrieben schon seit längerem Beschäftigung abgebaut wird, erwarten Betriebsräte aus anderen Firmen und Unternehmen, dass damit spätestens nach dem Auslaufen der verlängerten Frist zur Insolvenzanmeldung im Ausklang der Krise begonnen wird.

Aber auch das zeigt unsere Befragung: Während Umsätze steigen, »dass es kracht«, gehen »die Beschäftigten (…) auf dem Zahnfleisch«, wie aus dem Lebensmitteleinzelhandel berichtet wird. Aus unserer Forschung im Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 ff. wissen wir, dass es eine arbeitsweltliche Krisendimension gibt, die gleichsam auf Dauer gestellt ist, weil sie permanenten Druck, Stress und Unsicherheit für die Belegschaften bedeutet. Das betonen auch die Betriebsräte in den sogenannten Gewinnerbranchen. Zu Recht, zielen doch die Restrukturierungsprozesse der Unternehmen in hohem Maße auf Rationalisierung, also darauf, Produktion und Dienstleistung mit weniger »Aufwand« zu organisieren. Unser bereits in früheren Untersuchungen zutage getretener Befund, dass aus Sicht der Beschäftigten in den Betrieben »immer Krise ist«, wird erhärtet. Das konjunkturelle Auf und Ab mischt Unsicherheit infolge wirtschaftlicher Einbrüche mit der arbeitsweltlichen Erfahrung, dass die Leistungs- und Flexibilisierungsschrauben Jahr um Jahr angezogen werden. Daran hat auch eine längere Prosperitätsphase zwischen 2010 und 2018/19 wenig geändert.

Auch wenn die Tiefe des wirtschaftlichen Einbruchs der »Coronakrise« zwischenzeitlich zurückhaltender beurteilt wird, sind deren Dimensionen über den projektierten Gesamtzeitraum 2020–2022 gleichwohl historisch. Es handelt sich um den schwersten Niederschlag der Wirtschaftsleistung in der Nachkriegszeit. Dessen globale Synchronizität, Wucht und Ausbreitungsgeschwindigkeit sind ohne Beispiel – aus Sicht des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) der »perfekte Sturm«. Was einen solchen Sturm auszeichnet, ist das bereits benannte Zusammentreffen der verschiedenen Wirkungsfaktoren, wozu neben dem Auslaufen eines langen Konjunkturzyklus, den Rationalisierungsfolgen der Digitalisierung und der Dekarbonisierung auch die Störung transnationaler Wertschöpfungsketten vor allem im Werkzeugmaschinenbau gehört. Berichtet wurde uns u. a., dass Grenzschließungen oder Produktionsunterbrechungen von Zulieferbetrieben beispielsweise in Norditalien Teile der Branchenproduktion in Baden-Württemberg lahmgelegt haben. In jedem Fall gilt: Die Pandemie wirkt nicht isoliert vom kapitalistischen Reproduktionsprozess, ihre Wirkungen sind durch die Gesetze renditegetriebener Akkumulation gesteuert. Die Covid-19-Pandemie ist insofern kein Ereignis, das die »Spielordnung« neu festlegt. Doch die Krisenprozesse verändern sich: Statt des einen sozioökonomischen Rückschlags beobachten wir Kaskaden, die Verstärkungs-, Krisenverlängerungs- und Ausdifferenzierungseffekte haben.

In unserem Sample taucht die »Coronakrise« Betriebe und Arbeitsmärkte nicht in ein nivellierendes Licht, sondern fächert die Lageunterschiede weiter auf. Die Unübersichtlichkeit wird größer. Das gilt auch mit Blick auf betriebliche Restrukturierungsperspektiven. Zum einen wirken die Folgen der Pandemie als Beschleuniger von Transformationsprozessen im ökologischen, digitalen und globalen Strukturwandel. Zum anderen verschlingt der »perfekte Sturm« Ressourcen und dämpft Gewinnerwartungen, was Investitionen erschwert. In der Folge gewinnen die Verteilungsauseinandersetzungen sowie unternehmerische Cost-Cutting- und Flexibilisierungsstrategien an Bedeutung.

Der Kriseneinbruch 2020 hat gezeigt, dass seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 politische Lernprozesse stattfanden. Die umgehende Freigabe öffentlicher Stützungsprogramme konnten noch weitaus dramatischere Einbrüche verhindern. Die »schwarze Null« als Symbol vermeintlich alternativloser Austeritätspolitik wurde kassiert. Doch erfolgte dies wie in der vorangegangenen Krise in einer gleichsam als Notfall wahrgenommenen Ausnahmesituation. Weitergehende Einsichten und politische Wirkungen werden auch dadurch verhindert, dass die Coronakrise überwiegend als Naturkatastrophe wahrgenommen wird. Damit gerät der menschengemachte Charakter der Coronakrise nicht in den Blick. Es wird nicht erkannt, dass sie kein »exogener Schock« ist, sondern Teil eines systemischen Wirkungszusammenhangs, in dem die Beziehungen von Natur, Arbeit, Ökonomie und Gesellschaft krisenhaft werden. Damit werden auch die im Zeitverlauf wachsenden Risiken nicht deutlich, die in einer sich in ihren Entwicklungsabläufen beschleunigenden ökonomischen Krisenkaskade ebenso zum Ausdruck kommen wie im Krisenprozess des Klimawandels.

Kurzarbeit

Was die Folgen für die Beschäftigung angeht, ist Deutschland bislang relativ glimpflich durch zwei Lockdowns und einen Shutdown in Teilen der Industrie gekommen. Trotz Personalabbaus in vielen Unternehmen blieben die negativen Arbeitsmarktfolgen im Jahr 2020 beherrschbar. Zumindest temporär ist dies mit dem erweiterten Instrument der Kurzarbeit gelungen. Deswegen wird auch in dieser Krise Kurzarbeit als das deutsche Erfolgsmodell gehandelt. Doch unsere Studie zeigt: Eine gelingende Integration auf dem Arbeitsmarkt gründet auf mehrfachem Ausschluss. In der Finanz- und Wirtschaftskrise kam das noch nicht in aller Schärfe zum Ausdruck. Das ist in der Gegenwartskrise ganz anders. Betroffen sind nun Branchen mit hohen Anteilen an Niedriglohnbeschäftigung und Frauenarbeit sowie geringer gewerkschaftlicher Organisationsmacht.

Kurzarbeit ist sozialstaatlich finanzierte Arbeitszeitverkürzung. Sozialer Ausgleich findet dabei zunächst nicht statt. Die Folgen sind einschneidend. Beschäftigte mit geringem Erwerbseinkommen geraten schnell in Armutsbereiche, wenn sie anteilig auf 33 bzw. 40 Prozent des Nettogehalts verzichten müssen; individuelle Rücklagen, um dies auszugleichen, sind in den unteren Verdienstlagen, sofern überhaupt vorhanden, schnell aufgezehrt. So ist für Teile der Belegschaften die Grenze des »Verkraftbaren« schnell erreicht. Während die Kündigung von Leiharbeitern und Werkverträgen eine Grenze des betrieblichen Außen hochzieht, verstärkt Kurzarbeit die Prekarität für das betriebliche Unten im Innern. Aus den Interviews ist zu entnehmen, dass Kurzarbeit für das betriebliche Management erweiterte Handlungsoptionen schafft. Je nach Auftragslage sind flexible Zugriffe auf Teile der Belegschaften möglich. Über Hindernisse wurde uns in diesem Kontext nichts berichtet. Arbeitszeitflexibilisierung könnte so einen neuen Schub erhalten – in einer Zeit, in der Unternehmensverbände die Suspendierung des Acht-Stunden-Tags zugunsten von Wochenarbeitszeitarrangements propagieren.

In der Coronakrise 2020 sind die sozialen Bruchstellen und die betrieblichen Flexibilisierungspotentiale erheblich ausgeweitet worden. Das gilt insbesondere im Gastgewerbe, in Verkehr und Logistik sowie im Handel, also jenen großen Dienstleistungsbranchen mit hohen Kurzarbeiterquoten, in denen die Einkommen deutlich unter denen im verarbeitenden Gewerbe liegen, oft auf Niedrig- oder gar Armutslohnniveau. Dort kommt es zu einer Kumulation von prekären sozialen Lagen, von der insbesondere Frauen in hohem Maße betroffen sind. Die gesetzliche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes ab dem 4. und 7. Monat (auf 70/77 Prozent und nachfolgend 80/87 Prozent) greift zu spät. Bis dahin hängt es von betrieblichen Aufzahlungen ab, ob die verteilungspolitischen Negativfolgen abgemildert werden können. Aufgrund einer Reihe von Strukturmerkmalen (höherer Anteil von Kleinbetrieben, geringe tarifvertragliche Abdeckung, schwache betriebliche Interessenvertretung) überrascht es nicht, dass Handel und Gastgewerbe sehr niedrige betriebliche Aufstockerquoten aufweisen (35,4 bzw. 38,8 Prozent).

Allerdings liegt die Aufstockerquote im verarbeitenden Gewerbe mit 46,9 Prozent auch nur leicht über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt (46,2 Prozent). Wenn aber selbst dort deutlich mehr als die Hälfte der Betroffenen nur auf die unzureichenden gesetzlichen Leistungen zurückgreifen können, muss es um so mehr verwundern, dass Kurzarbeit nicht längst sehr viel stärker zu einem Gegenstand tarifvertraglichen Fortschritts via flächentarifvertraglicher Regelungen geworden ist. Das beschäftigungspolitisch wichtigste Instrument sowohl in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009/10 als auch im gegenwärtigen Krisengeschehen ist gewerkschaftspolitisch kaum reguliert. Angesichts der sozialen Brüche, die damit verbunden sind, muss dies als Versäumnis gewertet werden, das den Krisendruck auf die Belegschaften nicht dämpft. Die Schutzfunktion der Gewerkschaften ist hier geschwächt.

Aufwertung der Arbeit

Die Situation ist paradox. Auf der einen Seite führt die Coronakrise zu einer Neudefinition von »Systemrelevanz«. Es ist das System der gesellschaftlichen Arbeit im allgemeinen, das sich als entscheidend für die individuelle und kollektive Reproduktion erwiesen hat. Vor zwölf Jahren wurde einer Systemgefährdung entgegengearbeitet durch Sicherung der Finanzmärkte – »whatever it takes«. In der Pandemie haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Nicht der Hedgefonds oder die Bank, sondern Arbeit hat sich als »systemrelevant« erwiesen. Die Verhältnisse sind gleichsam vom Kopf auf die Füße gestellt worden. Mehr noch: »Die Menschen, die uns halfen, die Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten, befinden sich am unteren Ende der Skala, während diejenigen, die am oberen Ende angesiedelt sind, im großen und ganzen nutzlos waren«, schreibt Eva Illouz.¹ Diese Verlagerung der Systemrelevanz aus dem Feld des (Finanz-)Kapitals in das Feld der Arbeit spiegelt sich letztlich auch in den Debatten wider, ob der Aufrechterhaltung des »Wirtschaftslebens« oder der Abwehr existentieller Gesundheitsgefahren Priorität zukomme. Arbeitsplatzsicherung wird gegen Gesundheitssicherheit gestellt.

Eine irreführende Frontstellung. Maßnahmen des Gesundheitsschutzes erwiesen sich als Voraussetzung für die Fortführung der Verwertungsprozesse des Kapitals: Ohne Bekämpfung des Infektionsgeschehens in den arbeitsweltlichen Bezügen kommt auch die Kapitallogik nicht zum Tragen. Damit hat zugleich eine Neubewertung des Gebrauchswerts der Arbeit – wie nachhaltig auch immer – stattgefunden. Grob gesagt: von den noch aus dem Fordismus übernommenen Ikonen der (individualisierten) Massenproduktion zu sozialen Dienstleistungen. War es 2009 noch möglich, der Automobilproduktion ein branchenspezifisches Konjunkturprogramm (»Abwrackprämie«) zuzuschieben, steht 2020 Pflegearbeit im Vordergrund. Sowohl im Gesamtsystem gesellschaftlicher Arbeit als auch in den Bereichen der sogenannten Care-Ökonomie sind es nun aber die prekären und in höherem Maße vulnerablen Berufs- und Tätigkeitsfelder, die von besonderer Bedeutung für die Reproduktion und das Überleben von Mensch und Gesellschaft sind. Niedrig-, gar Armutslöhne, miserable Arbeitsbedingungen und fehlende gesellschaftliche Anerkennung sind deren Kennzeichen.

Es findet eine Aufwertung der Arbeit gegenüber Kapitallogiken statt, während zugleich – bis auf wenige Ausnahmen, Pflegearbeit gehört dazu – in der Krisenbearbeitung Prekarität perpetuiert oder noch verstärkt wird. In der Coronakrise wird sichtbar, dass die Flexibilisierung von Arbeit an soziale Voraussetzungen gebunden ist, die selbst wiederum durch Reproduktionsarbeit geschaffen werden. Diese wiederum ist immer noch eng mit der Unterordnung von Frauen und einseitigen geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen verknüpft. Die Erwerbstätigkeit vor allem von Frauen gerät damit neu ins Blickfeld. Die Coronakrise hat das einseitig auf Profit ausgerichtete System in Frage gestellt. Es ist letztlich Arbeit und eben nicht die Kapitalverwertung, die »zählt«.

Stunde der Exekutive

Der Applaus, der den »Heldinnen und Helden des Alltags« im Frühjahr entgegengebracht wurde, ist ein flüchtiges Signal. Belastbarer sind betriebliche und gewerkschaftliche Interessenvertretungen – wo sie vorhanden sind, ist der Anteil prekärer Arbeit an der Gesamtbelegschaft geringer, der Verdienst im Durchschnitt höher, und es kann mit Aufzahlung auf das gesetzliche Kurzarbeitergeld, zudem in höherem Umfang, gerechnet werden. Doch Betriebsräte gibt es nur in rund einem Fünftel der Betriebe – die überwiegende Zahl der Klein- und Mittelbetriebe verfügt über keine autonome Interessenvertretung der abhängig Beschäftigten.

Aber auch dort, wo die Welt der Mitbestimmung noch in Ordnung scheint, fiel es in der Krise vielen betrieblichen Interessenvertretungen ausgesprochen schwer, selbst die Mitbestimmungsrechte, die man beispielsweise in der Verteilung von Kurzarbeit hat, wahrzunehmen. In einer Reihe von Interviews wird von der Rückkehr des Patriarchen berichtet, oder gar davon, dass Betriebs- und Personalräte in der Wahrnehmung der Krise als »Notfall«- oder »Ausnahmesituation« vorhandene Mitbestimmungsrechte zurückgestellt haben.

Die Monate der ersten Welle der Pandemie waren – so die Mehrzahl der von uns befragten Interessenvertreter – keine Zeit, in der Fortschritte in der betrieblichen Mitbestimmungspraxis erreicht wurden. Umgekehrt: Ebenso wie betriebliche Interessenvertretungen stecken Gewerkschaften »pandemiebedingt in vielen Betrieben in Defensiv­situationen« fest.²

Für das Gros der von uns befragten betrieblichen Interessenvertretungen ist das ökonomische Feld nicht wirklich umkämpft. Nicht, weil man nicht um dessen Relevanz wüsste. Die Crux liegt woanders: Man sieht sich selbst eher nicht als Akteur in diesem Feld. Zum einen, weil es dem Kapital als Entscheidungsraum zugeschrieben wird. Zum anderen, weil die Ökonomie letztlich als »fremdes« Terrain wahrgenommen wird, dessen Entscheidungsparameter nicht nur intransparent sind, sondern zu dem man auch keinen Zugang hat. Sicher: Der Zugang wird verweigert. Aber ihn aufzustoßen hieße, mit eigener Kompetenz Investitions- und Strategiealternativen erzwingen zu wollen, also selbst die Rolle des bestimmenden Akteurs im ökonomischen Feld zu beanspruchen. Dies kann nicht aus der interessenpolitischen Unten-Perspektive allein erzwungen werden – obgleich entsprechende Mobilisierungs- und Bildungsarbeit hier eine unverzichtbare Grundlage schafft. Dass die »Ökonomie« des Betriebs auf die Agenda gehört, muss eine verstärkende Bestätigung aus den gewerkschaftlichen Führungsstäben erhalten.

Demokratie und Solidarität

Wie in der Politik die Beschränkung von Grundrechten und die fehlende demokratische Legitimation staatlicher Maßnahmen kritisiert werden, stößt auch in den Betrieben der autoritäre Durchgriff von Geschäftsleitungen auf Kritik. Vor allem die Frühphase der Pandemie war die Zeit der Anordnungen und Verfügungen: Maßnahmen zum Gesundheitsschutz und andere organisatorische und personelle Veränderungen wurden per Anordnung durchgesetzt. In Betrieben mit sozialpartnerschaftlich geprägten industriellen Beziehungen kam es dabei zu keinen Konflikten, die Entscheidungen des Managements wurden akzeptiert oder zumindest hingenommen. Hier bestätigt sich eine schon länger anhaltende Transformation der früheren Konfliktpartnerschaft zu einer »Partnerschaft ohne Konflikt« oder zu einer »Partnerschaft pur«.

Aber es gibt auch die andere Welt der Betriebe, in der der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit nicht glattgebügelt ist, sondern den betrieblichen Alltag bestimmt. In unseren Interviews berichten zahlreiche Betriebs- und Personalräte von den autoritären Durchgriffsversuchen des Managements, aber auch vom Widerstand der Interessenvertretungen, die auf ihren Mitbestimmungsrechten beharrten und sich zur Wehr setzten. Es dauerte zwar in manchen Fällen einige Zeit, bis sich die Betriebsräte aus der »Coronastarre« befreit hatten und gegenüber dem Management deutlich machten, dass auch in einem Katastrophenfall ihre Mitbestimmungsrechte in Kraft sind. Und es gab umgekehrt Belegschaften und Interessenvertretungen, die die Initiative ergriffen und Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit im Konflikt gegen das Management durchgesetzt haben.

In der Coronakrise wurden sicher keine Fortschritte in Sachen Demokratisierung erreicht, aber es wurden zum Teil erfolgreiche Abwehrkämpfe zur Sicherung der Mitbestimmung als Gegenmachtressource geführt. Diese Erfahrungen in einigen Betrieben haben das Selbstbewusstsein von konfliktorientierten Betriebsräten und Belegschaften gestärkt, was auch in den Nach-Corona-Zeiten wirksam sein könnte.

Eine andere Erfahrung sind die veränderten Handlungsbedingungen für die Arbeit von Betriebsräten und Gewerkschaften. Unsere Befragungsergebnisse stützen die Einschätzung von IG-Metall-Vorstand Christoph Ehlscheid: »Wenn betriebliche Kooperations- und Kommunikationsprozesse zunehmend auf Datennetze verlagert werden sowie örtlich und zeitlich asynchron stattfinden, dann schrumpft mit einer solchen ›Auflösung des Betriebes‹ eine bedeutende Arena für soziale Erfahrungen, Interaktion (z. B. Betriebsversammlungen) und Konfliktregulation.«³ Auf die dadurch bewirkte Schwächung von Demokratiepotentialen verweisen auch von uns befragte Betriebsräte und Gewerkschaftssekretäre. Aber unsere Befunde sind ambivalent: Digitale Kommunikation kann auch Betriebsrats- und Gewerkschaftsarbeit ergänzen und unterstützen, und sie kann auch neue Chancen für eine aktivierende, beteiligungsorientierte Interessenpolitik ermöglichen. Eine auf den ersten Blick als Einschränkung politischer Arbeit erfahrene Entwicklung kann Wege öffnen für mehr demokratische Beteiligungsmöglichkeiten von unten. Maßnahmen zur Bewältigung der Coronakrise wie Kurzarbeit, mobile Arbeit oder auch der Gesundheitsschutz verstärken bestehende Ungleichheiten und schaffen neue Fragmentierungen.

Doch es werden in unserer Befragung nicht nur die zusätzlichen Risiken sichtbar: In der Ausnahmesituation werden von den Kollegen auch Zusammenhalt und gemeinsame Sinnstiftung erlebt, Arbeit als solidarischer Zusammenhang erfahren. Neben der gesellschaftlichen Aufwertung erfahren sie auch eine subjektive Aufwertung ihrer Arbeit, die ihr Selbstbewusstsein stärkt. Und diese Solidaritätserfahrung verbindet sich mit dem Wissen um die Bedeutung, die ihre Tätigkeit für das Überleben von Mensch und Gesellschaft hat. Darin steckt auch ein Demokratisierungspotential für Arbeitskräfte, die in einer hierarchisch strukturierten betrieblichen Kooperation an unterster Stelle stehen. Von ihnen wird – ob an der Kasse beim Discounter, bei der Paketzustellung, im Krankenhaus oder im Produktionsbetrieb – verantwortliches Handeln in riskanten Situationen verlangt. Sie wissen, dass die Folgen der Pandemie nur mit ihrer Hilfe bewältigt werden können. Nur wenn sie die enormen physischen und psychischen Herausforderungen annehmen, können – wie in den Krankenhäusern – Menschenleben gerettet werden.

Dieses (Selbst-)Bewusstsein bricht sich an der strikten Unterordnung in einem autoritären Betriebssystem, das durch die pandemische Notfallsituation noch verstärkt wird. Die Hinweise auf neue Kollegialitäts- und Solidarerfahrungen sowie auf das Bedürfnis, aus der virtuellen in die reale Kommunikation mit den Kollegen zurückzukehren, mobile Arbeit also nicht dauerhaft, sondern meist nur im Wechsel mit stationärer Arbeit von den Kollegen anzustreben, verweisen darauf, dass der Betrieb als Ort sozialer Interaktion trotz aller schon lange existierenden Tendenzen seiner »Auflösung« ein wichtiger Bezugspunkt des kollegialen Austausches bleibt – und damit eine Vorstufe von Solidarität.

Anmerkungen

1 Eva Illouz: Acht Lehren aus der Pandemie, in: Die Zeit v. 18.6.2020

2 Jörg Köhlinger/Jakob Habermann: Was kommt nach der Pandemie? Herausforderungen für die gewerkschaftliche Betriebs-, Tarif- und Organisationspolitik der IG Metall, in: WSI-Mitteilungen, Heft 6 2020, S. 508–512, hier: S. 510

3 Christoph Ehlscheid: Mitbestimmung in der Transformation, in: Christoph Schmitz/Hans-Jürgen Urban (Hg.): Demokratie in der Arbeit – Eine vergessene Dimension in der Arbeitspolitik. Jahrbuch Gute Arbeit, Ausgabe 2021. Frankfurt am Main 2020, S. 128–144, hier: S. 133

Richard Detje/Dieter Sauer: Coronakrise im Betrieb. Empirische Erfahrungen aus Industrie und Dienstleistungen. VSA-Verlag, Hamburg 2021, 144 Seiten, 12,80 Euro

Richard Detje ist Mitarbeiter der Wissenschaftlichen Vereinigung für Kapitalismusanalyse und Gesellschaftspolitik Wissentransfer. Dieter Sauer ist Sozialforscher am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München.

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