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Die Kiste unter dem Bett

Anstelle der Kolumne Mumia Abu-Jamals: Ein Blick auf seine prekären Arbeitsbedingungen
Von Miranda Hanrahan und Jennifer Black
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Demonstration für die Freilassung Mumia Abu-Jamals und weiterer politischer Gefangener in Philadelphia am 28. November 2020

Gefängnisse sind als abschreckend und unzugänglich bekannt. Wir bei Prison Radio lernen jeden Tag neu, damit umzugehen, uns gegenseitig zu stärken und immer neue Wege zu finden, Stimmen der Gefangenen über die Mauern hinweg zu verbreiten, um die Kluft zwischen drinnen und draußen zu überbrücken. »Perfecting Tyranny«, der kürzlich von Prison Radio veröffentlichte dritte Band der »Murder Incorporated«-Trilogie der Autoren Mumia Abu-Jamal und Stephen Vittoria, wird uns förmlich aus den Händen gerissen.

Stellen Sie sich vor, Sie selbst müssten ein solches Meisterwerk unter den gefährlichen und drakonischen Bedingungen eines Gefängnisses in Pennsylvania schreiben. Genau das ist ­Mumias Alltag. Er ist immer noch gezwungen, mit der Hand zu schreiben oder auf einer aus Kunststoff bestehenden Schreibmaschine! Computer sind im Knast nicht erlaubt. Mit einem sehr einfachen Tablet kann er nur E-Mails von 2.000 Zeichen Länge schreiben, sie aber nicht speichern. Eingehende E-Mails kann er weder speichern noch ausdrucken.

Die Kommunikation mit den Gefangenen in Pennsylvania wurde erheblich erschwert, seit 2018 die bizarre Vorschrift erlassen wurde, dass alle per Post verschickten Briefe und Karten den Weg über eine im Auftrag der Gefängnisbehörde tätige Privatfirma namens »Smart Communications« in Florida nehmen müssen. Die kafkaeske Regelung sieht vor, dass jede Postsendung, die Mumia bekommt, erst nach Florida geschickt, dort gescannt und als Datensatz an das Gefängnis in Pennsylvania geschickt wird. Dort erhält der Gefangene einen Ausdruck der Sendung. (Die Originale werden vernichtet, Anm. jW). Indem sie das Monopol auf die »Postbearbeitung« gewährt, sichert die Gefängnisbehörde von Pennsylvania einem Privatunternehmen auch auf diesem Weg enorme Profite. Ein Geschäft, das wie üblich auf Kosten des Kontakts der Inhaftierten zur Außenwelt geht.

Was den Besitz von Büchern betrifft, so verstößt der Gefangene gegen die Vorschriften, wenn er mehr als sieben Bücher gleichzeitig in seiner Zelle hat. Im vergangenen Jahr wurde Mumia die gebundene Ausgabe von Band 2 seines Werkes »Murder Incorporated – America’s Favorite Pastime« verweigert. Statt dessen erhielt er eine zweiwöchige Disziplinarstrafe mit Telefon- und Besuchsverbot. Der Grund: Er habe seine persönliche Habe nicht auf eine Menge reduziert, die in eine Kiste unter sein Bett passt.

Stellen Sie sich vor, Sie seien wie Mumia einer der führenden Intellektuellen des Landes, der maßgebliche Beiträge zur kritischen »Rassen«-Theorie leistet, und Ihr Bücherbestand würde auf sieben Stück beschränkt – und damit auf weniger Bücher, als Sie selbst als Autor verfasst haben! Mumia hat während seiner Haft an der kalifornischen Universität von Santa Cruz promoviert, nachdem er zuvor sein Postgraduiertenstudium an der Ohio State University abgeschlossen hatte. Unter den beschriebenen Beschränkungen hat er es sogar geschafft, seine Dissertation zu schreiben.

Mit seinem Engagement und intellektuellen Leben ist er für uns von Prison Radio eine große Inspiration. Dabei beweist er uns mit jedem seiner Atemzüge nicht nur seinen eigenen Mut und seine Brillanz als Autor, sondern auch, wie widerstandsfähig der menschliche Geist ist. Seine Siege sind auch unsere Siege. Und Sie können gewiss sein, dass Sie durch Ihre Unterstützung der Arbeit von Prison Radio auch entscheidend zu Mumias Überleben beitragen.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Der Beitrag der beiden Kolleginnen von Prison Radio (San Francisco) stammt vom 2. März 2021 als Reaktion auf den Verdacht, Mumia Abu-Jamal könnte an Covid-19 erkrankt sein. Seine Infektion mit dem Coronavirus ist, wie auch jW berichtete, mittlerweile erwiesen. Ungewiss ist deshalb, wann an dieser Stelle wieder neue Kolumnen von ihm erscheinen. (jh)

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