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Aus: Ausgabe vom 08.03.2021, Seite 2 / Inland
Ökonomisierung der Hochschulen

»Sonst steht der Profit noch mehr im Vordergrund«

Marburger Studenten protestieren gegen Mittelkürzungen am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. Ein Gespräch mit Marie Bonath
Interview: Milan Nowak
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Sozialwissenschaftliche Lehre und Forschung auf dem Abstellgleis: Universitätsstadt Marburg

Sie und Ihre Kommilitonen protestieren gegen Kürzungen am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Marburg. Worum geht es genau?

Wir sind Studierende verschiedener Studiengänge: Politologie, Soziologie, Kultur- und Sozialanthropologie, vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft. Im Bündnis »Revolte gegen die Vermarktlichung des Bildungswesens« – kurz »Reverbi« – wehren wir uns gegen Kürzungen. Im Kern fordern wir wirkliche Entscheidungseinbindung der Studenten und ausreichende Grundfinanzierung. Zudem verlangen wir transparente Kommunikation – denn wir haben von den Kürzungen nur erfahren, weil einzelne von uns in universitären Gremien sitzen.

Wieso werden diesem Fachbereich die Mittel gekürzt?

Der Fachbereich ist hoch verschuldet. Das liegt vor allem an struktureller Unterfinanzierung von Hochschulen und von Bildung allgemein. Außerdem hat dieser Fachbereich bei der Drittmittelvergabe das Nachsehen, da Sozialwissenschaften anderen Verwertungslogiken als zum Beispiel Pharmazie unterliegen – und kritische Wissenschaft für die Wirtschaft irrelevant ist. Doch die Universitätsleitung geht das Problem individuell an: Durch Sparmaßnahmen soll das Defizit des Fachbereichs verringert werden. Doch das ist ein Trugschluss.

Wie wirken sich die Streichungen auf Ihre Studienbedingungen aus?

Wir sitzen in Vorlesungen mit über 200 und in Seminaren mit über 70 Personen. Nun werden noch Stellen bei den Erstsemestertutorien gekürzt. Diese werden von Studierenden höherer Semester geleitet und sollen elementare Grundlagen vermitteln. Den Tutoren wird so die Möglichkeit genommen, Lehrerfahrung zu sammeln, und die Anzahl der Studierenden in einem einzelnen Tutorium wächst noch weiter. Dabei haben Erstsemester sonst kaum Austauschmöglichkeiten, um schwierige Grundlagentexte zu verstehen. Kleine Studiengänge wie Kultur- und Sozialanthropologie oder vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft haben es noch schwerer. Sie halten den Kürzungen nicht mehr stand. Eine Professur muss dort alles tragen: das Institutsmanagement, die Lehre, die Drittmittelakquise – um überhaupt forschen zu können.

Auch die Beschäftigten des wissenschaftlichen Mittelbaus wehren sich gegen die Kürzungen. Mit welchen Problemen sind sie konfrontiert?

Vor allem mit Ungewissheit hinsichtlich ihrer Arbeitsverträge: Die sind auf zwei Jahre befristet und werden nur nach Bedarf verlängert. Im Moment bleiben alle offenen Stellen unbesetzt, was den Arbeitsdruck für die Verbliebenen erhöht. Promovierende können ihre Forschungsarbeit nicht vorantreiben, da sie zusätzlich Verwaltungs­arbeit übernehmen, überfüllte Seminare leiten und Drittmittel einwerben müssen. Über eine Promotionsdauer von durchschnittlich sechs Jahren soll sich dann niemand beklagen! Laut dem DGB-Hochschulreport vom November 2020 machen 78 von 100 wissenschaftlichen Mitarbeitern Überstunden und decken dadurch ein hohes Arbeitsvolumen ab.

Sollten in der aktuellen Krise die Sozialwissenschaften nicht den Gürtel enger schnallen?

Nein, denn gerade die Coronapandemie zeigt, wie wichtig sie für das Zusammenleben sind. In Talkshows sitzen neben Virologen ja auch Soziologen. Sie zeigen auf, wie Maßnahmen umgesetzt werden können, so dass Menschen weiter ihr Leben bewältigen. Hier braucht es innovative Ideen – um Menschen nicht die Lebensgrundlage zu nehmen und zugleich einen Alltag zu ermöglichen, der nicht den Mitmenschen schadet. Sozialwissenschaften dürfen nicht unterfinanziert werden, sonst steht der ökonomische Profit noch mehr im Vordergrund – auf Kosten des Wohls und der Gleichstellung der Menschen.

Wie kann man Ihr Bündnis unterstützen?

Mitmachen. Es liegt in der Hand von uns Studenten und Mittelbauangestellten, auf die Universität und das Land Druck auszuüben. Wir lassen uns die Uni nicht nehmen! Unsere Lage ist kein Einzelfall. Auch an anderen Hochschulen formiert sich Widerstand. Streiks und Besetzungen sind nicht ausgeschlossen. Wer an anderen Hochschulen von Sparmaßnahmen betroffen ist und hört, es liege an der Verschuldung des Fachbereichs, hört nur die halbe Wahrheit. Lasst uns die strukturelle Unterfinanzierung enttabuisieren und die Ökonomisierung der Bildung bekämpfen!

Marie Bonath studiert an der Universität Marburg und ist Sprecherin des Protestbündnisses »Reverbi«

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

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