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Aus: Ausgabe vom 06.03.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Händler und Hunnen

Von Arnold Schölzel
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Wegen Gerhard Schröders angeblicher Nähe zu Wladimir Putin und irgendwelchen Posten in russischen Gas- und Ölkonzernen, sitzen fast alle deutschen Bürgermedienschaffenden auf dem Sofa und sind beleidigt. Oder sie entwickeln kriminelle Schlagzeilen. Bild machte am 6. Oktober 2020 Alexej Nawalny gleichsam zu Schröders Opfer und knallte in Großbuchstaben einen Satz des Russen auf den Titel: »Schröder ist ein Laufbursche Putins … der Mörder beschützt.« Bleibt die Frage, ob ein Feind Julian Reichelts ein schlechter Mensch sein kann.

Mal sehen, was dem Bild-Chef demnächst durchs Giftgemüt rauscht. Schröder hat nämlich am Donnerstag im deutschen Politgemüsegarten grob-materialistisch geackert. Er verkündete zur Eröffnung des chinesischen Volkskongresses im Tagesspiegel: »Werte sind schön, Interessen wichtiger«. Darunter war zu lesen: »Eine rein moralisierende Politik gegenüber China ist zum Scheitern verurteilt«. Alles nicht neu und auch nicht ganz ernst, denn dem Titel folgen eine Spalte lang taktische Fouls gegen die Volksrepublik (der Volkskongress – »ein Scheinparlament«; keine Illusionen über die Politik Beijings; in Hongkong lasse es »die Demokratiebewegung zerschlagen«, »im ganzen Land« – Unterdrückung religiöser und ethnischer Minderheiten, »Expansions- und Annexionsdrang« etc.), bevor es geschäftliche Ratschläge gibt: »nicht in den kalten Handelskrieg hineinziehen lassen, den die USA mit China führen«. Denn auch Joseph Biden wolle, dass sich die EU »in die amerikanischen Linien einreihen und gegen China mitmarschieren« solle. Und schließlich: »Der Ansatz, hier gehe es um einen grundsätzlichen Konflikt zwischen ›Demokratie und Autokratie‹, weist in die falsche Richtung.« Diese »moralisierende Außenpolitik« stoße »zunehmend auch im Verhältnis zu anderen Staaten an ihre Grenzen«, wirke »angesichts der globalen Herausforderungen wie aus der Zeit gefallen«.

Ist ja gut, möchte man dem Kanzler a. D. zurufen: Profit kommt vor abendländischen Werten und wird im Zweifel mit ein paar Bomben befördert. Das ist nicht neu. Schröder, der deutsche Truppen in die beiden ersten Kriege nach 1945 schickte, »vergisst«: Wenn im Abendland »Werte« und Moral Konjunktur haben, hat der nächste Feldzug schon begonnen. Das war bei den China-Expeditionen des Kaiserreichs nicht anders, etwa als Wilhelm II. im Juli 1900 die Durchsetzung deutscher Werte anordnete: »Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!« Die Männer sollten sich einen Namen machen wie einst die Hunnen.

Von der neuesten Kanonenbootpolitik gegenüber China will Schröder aber nicht reden. Das machte ebenfalls am Donnerstag die FAZ. Unter der Überschrift »Flagge zeigen« freute sich dort der Hüter transatlantischer Werte Klaus-Dieter Frankenberger, dass demnächst eine Fregatte der deutschen Marine in die Gewässer Ostasiens entsandt wird. Sie werde auch das Südchinesische Meer durchqueren, »in dem China immer größere Gebiete für sich beansprucht«. Das Kriegsschiff sei zwar nichts, was »den Machthabern in Peking den Atem stocken ließe«, aber es sei »ein wichtiges Zeichen, dass auch Deutschland an der Freiheit der Seewege nachdrücklich interessiert ist«. Endlich finde dieses Interesse »sicherheitspolitischen Ausdruck«. Im übrigen habe Horst Köhler schon 2010 gesagt: »Deutschland braucht freie See- und Handelswege und regionale Stabilität«, was zu seinem Rücktritt als Bundespräsident geführt habe. Elf Jahre später werde »das von vielen so gesehen und anerkannt«. Der chinesische Expansionismus habe »unverkennbar einen Lerneffekt«. Denn China lässt bekanntlich Flugzeugträger in der Nordsee kreuzen.

Frankenberger ist Schröder voraus: Die Vogelscheuche »Demokratie oder Autokratie« interessiert ihn nicht, nur deutsches Militär auf der anderen Seite des Globus. Frankenbergers FAZ-Kommentare sind die Hunnenreden von heute.

Frankenberger ist Schröder voraus: Die Vogelscheuche »Demokratie oder Autokratie« interessiert ihn nicht, nur deutsches Militär auf der anderen Seite des Globus. Frankenbergers FAZ-Kommentare sind die Hunnenreden von heute.

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