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Aus: Ausgabe vom 06.03.2021, Seite 4 / Inland
Kommando Spezialkräfte

Mit der großen Kelle

Prozess gegen KSK-Soldaten in Leipzig: Zeuge räumt Regelverstöße bei Munitionsausgabe ein
Von Kristian Stemmler
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Keine Fragen zum Munitionsverbrauch: KSK-Soldat bei einer Übung

In den multiplen Skandalen um das Kommando Spezialkräfte (KSK) im baden-württembergischen Calw geht es auch um die Frage, wie über Jahre große Mengen Munition verschwinden konnten. Im Prozess gegen den KSK-Unteroffizier Philipp Sch. vor dem Landgericht Leipzig wurde am Freitag zumindest eine Teilantwort auf diese Frage gegeben. Ein Offizier schilderte als Zeuge den lockeren Umgang mit der Ausgabe von Munition bei Schießübungen. In dem Verfahren muss sich Sch. wegen Verstößen gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Waffengesetz und das Sprengstoffgesetz verantworten. In seinem Garten im nordsächsischen Collm hatten Ermittler im Mai 2020 zwei Kilogramm Sprengstoff, mehrere tausend Schuss Gewehr- und Pistolenmunition und diverse Waffen entdeckt.

Der Zeuge, ein Oberstleutnant, der für die Waffenbewirtschaftung der Einheit zuständig ist, sagte laut der Nachrichtenagentur dpa vor Gericht aus, es habe Schießübungen gegeben, bei denen die vorgeschriebene Trennung zwischen dem Leitenden der Übung und dem Herausgeber der Munition nicht erfolgt sei. Offenbar wird bei der Truppe die Munition mit der ganz großen Kelle ausgegeben. Bei Gefechtsübungen, die über Stunden und auch Tage gingen, habe sich jeder Soldat soviel Munition genommen, wie er glaubte zu brauchen.

Der Zeuge betonte, dass die Gefechtsübungen beim KSK komplexer seien als bei »herkömmlichen« Schießübungen der Bundeswehr. Es werde sehr viel mehr Munition verschossen. Anschließend sei nicht überprüft worden, wieviel jeder einzelne Soldat tatsächlich verschossen hatte. Nach Angaben des Oberstleutnants wurden bei der »Amnestie« für Munitionsdiebe vor einem Jahr mehr als 50.000 »Munitionsartikel« abgegeben. Erkenntnisse, woher diese stammen, gebe es aber nicht. KSK-Kommandeur Markus Kreitmayr hatte seinen Soldaten in einem mündlichen Befehl am 1. April 2020 Straffreiheit zugesichert, wenn sie ihre Munition in sogenannten Amnestieboxen abgeben. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) prüft wegen dieses Vorgehens derzeit, ob ein gerichtliches Disziplinarverfahren gegen Kreitmayer eingeleitet wird.

Unterdessen müht sich die PR-Abteilung der Bundeswehr, etwas Druck vom KSK zu nehmen. Ein Sprecher des Heeres sagte am Freitag gegenüber dpa, der Krankenstand bei der Einheit sei »besorgniserregend hoch«. Rund 100 der etwa 1.600 Angehörigen des Verbandes bekämen zur Zeit Unterstützung. Diese reiche »vom Gespräch mit dem Standortpfarrer bis zur klinischen Behandlung«. Dabei spielten »Ängste um die Auflösung des Standortes und Anfeindungen aus dem zivilen und privaten Umfeld« eine Rolle. Der Focus berichtete am Freitag, fast ein Drittel der Kommandosoldaten habe sich behandeln lassen, ein Großteil leide unter psychischen Problemen – offenbar wegen der öffentlichen Kritik am KSK.

Mit Sarkasmus reagierte Tobias Pflüger, verteidigungspolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, auf die Berichte über einen hohen Krankenstand beim KSK. »Offensichtlich ist es nicht so leicht zu verarbeiten, dass Elitedünkel, rechtes Denken und laxer Umgang mit Waffen und Munition inzwischen auch offiziell nicht mehr so gut ankommen«, sagte er am Freitag gegenüber jW. Die Probleme habe die Einheit durch ihr elitäres Gehabe selbst erzeugt, so Pflüger. Der aus Calw kolportierte Spruch »Ich bin beim KSK und will nicht zurück zur Bundeswehr« zeige, was für ein »unglaubliches« Selbstverständnis sich im KSK festgesetzt habe. Nicht wenige in der Spezialeinheit hätten sich vom »normalen« Bundeswehr-Betrieb und offensichtlich auch von der Gesellschaft abgekoppelt. Dass immer weniger Soldaten des KSK einsatzfähig seien, sei ein weiterer Grund, die vollständige Auflösung der Einheit zu fordern.

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