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Aus: Ausgabe vom 02.03.2021, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Tödliche Nebensache

Arbeitsmigration mit Folgen: Vereine und Spieler in Norwegen fordern Boykott der Fußball-WM in Katar. DFB hält sich bedeckt
Von Oliver Rast
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Arbeiter im Lusail-Stadion in Katar, wo Eröffnungsspiel und Finale der Fußball-WM stattfinden sollen (20.12.2019)

Die Boykottaufrufe werden lauter. Am vergangenen Freitag forderte der norwegische Erstligist Tromsø IL Nationalteams und Verbände auf, der Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar fernzubleiben, eine Teilnahme abzusagen. »Es ist an der Zeit, stopp zu sagen«, betonte Klubchef Øyvind Alapnes angesichts der »unwürdigen Arbeitsbedingungen« beim Bau der WM-Arenen und der Infrastruktur im Wüstenstaat. Der bisherige Weg des Dialogs habe »zu nichts geführt«, ergänzte Exnationalspieler Tom Høgli in der Erklärung.

Der Hintergrund: Mehr als 6.700 Arbeitsmigranten sind seit 2011 auf den WM-Baustellen in dem Golfstaat zu Tode gekommen, bis dato (siehe jW, 25.2.21). Das berichtete der britische Guardian am Dienstag vor einer Woche. Die absolute Monarchie hatte 2010 durch das Exekutivkomitee des Weltfußballverbands FIFA den Zuschlag für das Turnier erhalten. Den Guardian-Recherchen zufolge, die sich auf Regierungsquellen stützen, kommen die Opfer vor allem aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka. Aber: Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Demnach fehlen Informationen zu Arbeitskräften von den Philippinen und aus Kenia – Länder, in denen das Emirat gleichfalls Beschäftigte anheuert.

Dem Aufruf aus Tromsø folgte gleichentags der Vorstand von Strømsgodset IF: »Wir müssen unsere Stimme erheben.« Menschen dürften nicht für die Ausrichtung einer WM sterben müssen. Deshalb werde die Boykottforderung seitens des Vereins voll und ganz unterstützt. Auch Rekordmeister Rosenborg Trondheim, Stabæk IF sowie Odds BK wollen Berichten zufolge diesen Schritt diskutieren. Der Fußballverband Norwegens indes zögert noch.

Und der Verband hierzulande? »Die Vergabe der Weltmeisterschaft an Katar ist eine in vielerlei Hinsicht pro­blematische Entscheidung, die damals nicht uneingeschränkt im Sinne des Sports, der Sportler und Fans getroffen wurde, zum Beispiel in Hinsicht auf die spätere Verlegung in die Wintermonate« – so ein Sprecher des Deutschen Fußballbundes auf jW-Anfrage. Das Massensterben vor Ort bleibt unerwähnt. Dafür viel Verlautbarungsstil – die Menschenrechtslage in Katar werde intern intensiv diskutiert etc.

Gloria Holborn, Sprecherin der bundesweiten Initiative »Pro Fans«, reicht das nicht. Die Selbstkritik des DFB sei »viel zu lasch«, eine klare Linie fehle komplett. »Aktive Fanszenen prangern seit Jahren die Auswüchse im Profifußball an«, betonte Holborn gegenüber jW. Eine deutliche Position gegen die WM in Katar von Vereins- und Verbandsseite wäre »ein längst überfälliges Zeichen in Richtung der gesamten Fußballwelt«.

Der Sportpolitiker und ehemalige Turnweltmeister am Reck, Eberhard Gienger (CDU), meint hingegen, die Vergabe von Sportwettbewerben stehe stets im »Spannungsverhältnis zwischen dem Aspekt der internationalen Einbindung von Ausrichterländern und der Wahrung von westlichen Wertvorstellungen«. Eine WM könne den Dialog und einen »nachhaltigen Gesellschaftswandel« befördern, so Gienger auf Nachfrage. Westliche Werte? Der menschenrechtspolitische Sprecher der Linke-Bundestagsfraktion, Michel Brandt, betonte jüngst gegenüber jW, dass die FIFA das ausbeuterische Profitstreben immer weiter forciere.

Ein Vorwurf, der sich mit Einschätzungen von Amnesty International in Deutschland weitgehend deckt. »Insgesamt arbeiten in Katar gegenwärtig rund 2,3 Arbeitsmigranten«, sagte Regina Spöttl, Katar-Expertin bei der Menschenrechtsorganisation, auf jW-Nachfrage. Das schließe etwa 173.000 Hausangestellte ein, »die in den Wohnungen ihrer Arbeitgeber leben müssen und dort häufig missbraucht und ausgebeutet werden«, so Spöttl. Grundproblem sei die örtliche Arbeitsgesetzgebung und das sogenannte Kafala- und Sponsorensystem, das Beschäftigte machtlos mache und eng an den Ausbeuter binde. Neue Gesetze seien im vergangenen Jahr erlassen worden, zu einer Kommission zur Schlichtung von Arbeitskonflikten etwa. »Doch weiterhin«, weiß Spöttl, »erhalten viele Arbeitsmigranten ihren Lohn verspätet oder gar nicht, werden hingehalten oder aufgefordert, ohne Bezahlung weiter zu arbeiten.« Das grenze an Zwangsarbeit auf den WM-Baustellen.

Wer hat Angst vor wem?

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