Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 17. / 18. April 2021, Nr. 89
Die junge Welt wird von 2503 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 03.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Berlinale

Die ganze Gegenwart

Von Krise zu Krise: Die Retrospektive der Phantom-Berlinale passt bestens zu unserer Zeit
Von Peer Schmitt
imago0094607800h.jpg
Vielleicht der beste Film aller Zeiten: Carole Lombard (l.) in Ernst Lubitschs »To Be Or Not To Be«

Selbstverständlich ist auch die diesjährige Online-Phantom-Berlinale nicht völlig von allen guten Geistern verlassen. Nicht einmal »Hollywood« ist ganz weg.

Die Retrospektive beispielsweise wäre in vollem Ausmaß nichts anderem als genau »Hollywood« gewidmet gewesen. Ironischerweise ist diese Sektion, die nunmehr aus nichts anderem als aus einer Liste mit 27 Filmen besteht (eine Liste anwesender Abwesenheit; ein Phantom, reine Virtualität), genau der Programmteil, der einer allgemeinen Öffentlichkeit zu weiten Teilen ohne größeren Aufwand jederzeit zugänglich ist.

Niemand dürfte allzu große Schwierigkeiten haben, sich beispielsweise »To Be or Not to Be« (Sein oder Nichtsein, Ernst Lubitsch, 1942) in irgendeiner Form zu besorgen. Ob das wirklich der beste Film aller Zeiten ist, weiß ich nicht – genaugenommen ist es nicht einmal mein mir persönlich liebster Ernst-Lubitsch-Film –, aber ich wüsste auch nicht, welchem Film sonst diese Ehre gebühren sollte. François Truffaut hatte, als er noch Kritiker war, geschrieben, dass es unmöglich sei, den Plot von »To Be or Not to Be« nachzuerzählen. Natürlich könnte man bestimmte Felder anvisieren: Hitlers Schnurrbart, das Theater, die Todesgefahr, der Ehebruch usw. Der Grund für die Brillanz des Films (Truffaut: »Wir, die Zuschauer, befinden uns im Dunklen, was aber auf der Leinwand geschieht, ist brillant«) ist letztlich ein ökonomischer, die Sparsamkeit, die Lakonie. Truffaut: »Keine einzige Einstellung ist Dekoration. Nichts ist in einem Lubitsch-Film, nur weil es schön aussieht.«

So gesehen sind die meisten Filme so ziemlich das Gegenteil von Lubitsch. Sie sind vorhanden, weil sie nach irgendwas aussehen. Sie sind voller Kram und genau deshalb sind sie »leer«, entsprechen der Definition eines »leeren Zeichens« – ein Zeichen, dessen wesentliche Funktion es ist, lediglich auf die Abwesenheit anderer Zeichen zu verweisen.

Ein Beispiel. Die Eröffnungsszene, und mehr als diese konnte ich im ruckelnden Stream zugegebenermaßen leider auch nicht ertragen, von Maria Schraders »Ich bin dein Mensch« aus dem Wettbewerb. Im Grunde die unfreiwillige Parodie einer klassischen Hollywoodszene. Eine Frau betritt einen Nachtclub – und wenn in einem deutschen Film eine Frau einen Nachtclub betritt, wird sie auch anständig begrüßt: »Guten Abend, Frau Doktor«.

Der Nachtclub sieht entfernt aus wie einer aus den 1930ern. Die Leute tanzen zu dem Swing-Musicalklassiker »Bei Mir Bistu Shein«. Aber weder Interieur noch Kleidung oder selbst die Musik »stimmen«. Sollen sie auch nicht. Sie sollen lediglich die Dekoration eines »klassischen« Nachtclubs darstellen, der in Wahrheit »Zukunftsmusik« ist. Frau Doktor hat ein Date mit einem Androiden. Und da Frau Doktor nicht auf den Kopf gefallen ist, unterzieht sie den Androiden einer Art Date-Turing-Test. Fragt ihn nach dem Sinn des Lebens, nach seinem Lieblingsgedicht etc. Warum tut sie das? Sie weiß doch, dass sie einen Androiden bestellt hat?

Sie tut es, weil der Film annimmt, dass der Zuschauer, anders als Frau Doktor, wohl ganz schön auf den Kopf gefallen sein muss. Der Android wiederum zählt in den aufgeworfenen Rilke-Versen nicht die »Gefühle«, sondern die Buchstaben. Nun weiß auch der Zuschauer, dass er es mit einer Maschine zu tun hat und wissenschaftlich gerechnete Literaturwissenschaft in der Tat damit beginnt, erst einmal die Buchstaben in einem Vers zu zählen.

Zur Liste der Phantomretrospektive gehört »To Be or Not to Be«, weil die weibliche Hauptrolle von Carole Lombard gespielt wird. Das ist das Thema: »No Angels – Mae West, Rosalind Russell und Carole Lombard«.

Es ist der Beginn des »goldenen Zeitalters« der Komödien der Studioära in den 1930ern und 1940ern. Zugleich ein Zeitpunkt fundamentaler Krise. Zum einen allgemeiner ökonomischer Krise, zum anderen ein technischer Wendepunkt – Tonfilm.

In ihren berühmten Memoiren »Goodness Had Nothing to Do with It« (1959) erinnert sich Mae West daran, dass sich Hollywood zu dem Zeitpunkt, da sie ihre Heimat New York verließ, sie notiert den 16.6.1932, im Zustand der Panik befand: »Die berühmte Bestie (die ›goldene Gans‹ P. S.) stellte fest, dass ihr Inneres leer war.« Eine Ära ging zu Ende. Plötzlich brauchte man in Hollywood Personal, das tatsächlich Worte sprechen, singen, schreiben konnte. Bühnenschauspieler, Theaterpferde und Stückeschreiber. So wie Mae West, Meisterin der Worte, höchstselbst.

Vorher hatte daran ja niemand denken müssen. Mae West vermutete sogar, dass die Leute in Hollywood nicht einmal lesen konnten. Dass sie dennoch New Yorks Theaterlandschaft verließ, war ebenfalls krisenbedingt: »Von den 152 Stücken der Saison, gingen 121 ein. Vielleicht, entschied ich, sollte ich doch mal ’nen Ausflug nach Hollywood machen.«

Als der Film zum gesprochenen Wort kam, erwachte pünktlich auch der Zensor. 1930 wurde der Hays Code eingeführt, das Regelwerk des Erlaubten, benannt nach Will H. Hays, dem damaligen Präsidenten des Verbandes der sechs großen US-amerikanischen Filmproduktionsgesellschaften. Ab 1934 wurde der Hays Code zur Pflicht, de facto als Selbstzensur. Auch das ein bekannter filmhistorischer Einschnitt.

Die Filme von und mit Mae West fielen der Zensur nicht selten zum Opfer. In ihren Memoiren widmet sie den Zensoren daher auch ein gesondertes Kapitel. Ihre Ansichten zum Thema sind beinahe freudianisch: »Jede Person, die kein Volltrottel oder in irgendeiner Form geistig beeinträchtigt ist, trägt einen sehr effektiven Zensor und Superkritiker seiner Handlungen in seinem Hinterstübchen (cerebral cortex) und seinem Herzen. Sobald das nicht funktioniert, wird kein Ausmaß an Zensur irgendjemanden etwas Gutes bringen. Mein Privatleben berührte das alles überhaupt nicht«.

Technologischer Umbruch, moralische Panik, Selbstzensur, Wirtschaftskrise – das volle Programm. Das wahrhaft Gegenwärtige dieser Berlinale ist wohl die Phantom-Retro.

»Sein oder Nichtsein«, Regie: Ernst Lubitsch, USA 1942, 93 Min.

»Ich bin dein Mensch«, Regie: Maria Schrader, BRD 2021, 105 Min.

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Kommen Se rinn, da können Se raus kieken: Die Berlinale als Insi...
    27.02.2021

    Wo der Hammer hängt

    Stufe eins gezündet: Am Montag beginnt die Berlinale. Zumindest der Teil, der die Branche interessiert
  • Plötzlich Teil ungeheuerlicher Ereignisse: Pollyanna
    16.09.2020

    Die Knarre auf dem Klo

    Schattenarmee am Off-Theater: Das Regiekollektiv Suka dramatisiert in Berlin die Folge des Hannibal-Komplexes aus postmigrantischer Perspektive
  • Was sollte außer dem Bösen zu erwarten sein? »Malmkrog«, Preistr...
    02.03.2020

    Die explizite Gegenthese

    »Malmkrog« allein war schon die ganze Berlinale wert. Ein Festivalrückblick

Regio:

Mehr aus: Feuilleton