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Aus: Ausgabe vom 03.03.2021, Seite 7 / Ausland
Hungerkatastrophe Jemen

Todesurteil der Mächtigen

Geberkonferenz Jemen: Weniger als die Hälfte der benötigten Hilfsgelder gesammelt. US-Präsident Biden kürzt noch stärker als Vorgänger
Von Wiebke Diehl
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»Eine besondere Art der Hölle«: Flüchtlinge in einem Lager in der Nähe von Sanaa am Montag

Nur 1,4 Milliarden statt der benötigten 3,18 Milliarden Euro sind bei der Onlinegeberkonferenz für den Jemen, die am Montag von den Vereinten Nationen, Schweden und der Schweiz ausgerichtet worden war, zusammengekommen. Das ist weniger als im vergangenen Jahr und es ist weniger als die Hälfte dessen, was sich Hilfsorganisationen und die Menschen im Jemen erhofft hatten. Vor allem aber ist es viel zu wenig, um die Hungersnot zu verhindern, von der fünf Millionen Jemenitinnen und Jemeniten akut bedroht sind. »Das Kürzen von Hilfsgeldern ist ein Todesurteil«, sagte UN-Generalsekretär António Guterres, der zudem die Situation von Kindern im Land »eine besondere Art der Hölle« nannte, am Montag abend.

200 Millionen Euro kommen aus Deutschland, genau wie bereits im Vorjahr, 95 Millionen gibt die EU-Kommission. Die Anführer der Kriegskoalition gegen den Jemen – Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – versprachen mit 430 Millionen und 191 Millionen Euro wie schon in den Vorjahren hohe Summen. Im Juni 2020 hatte die Ausrichtung der letzten UN-Geberkonferenz gemeinsam mit Saudi-Arabien große Kritik hervorgerufen, da Riad nicht nur Kriegspartei ist, sondern regelmäßig zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen kaputtbombt, die dann mit internationalen Mitteln wieder aufgebaut werden müssen. Zudem hat Riad im vergangenen Jahr nur 250 Millionen der zugesagten 416 Millionen Euro auch tatsächlich bezahlt.

Die USA, deren neuer Präsident Joseph Biden jüngst eine »Kehrtwende« im Jemen-Krieg angekündigt hat, bei der Frieden und Diplomatie im Mittelpunkt stehen sollten, gaben mit 159 Millionen Euro noch weniger als 2020. Dabei hatte bereits die Trump-Regierung mehrfach die Mittel für humanitäre Hilfe im Jemen gekürzt, und Guterres hatte zum Auftakt der Konferenz betont, die humanitäre Lage im Land sei noch nie schlimmer gewesen.

Eine Hungersnot wird von Hilfsorganisationen ausgerufen, wenn 20 Prozent aller Haushalte extrem wenig zu essen haben, 30 Prozent aller Kinder akut unterernährt sind und zugleich pro 10.000 Menschen täglich zwei oder mehr an Hunger sterben. Im Jemen sind bereits jetzt 20,7 Millionen Menschen von humanitären Hilfsleistungen abhängig. Bereits 2017 schlugen Organisationen Alarm, alle zehn Minuten sterbe im Jemen ein Kind an Hunger oder vermeidbaren Krankheiten. »Es ist eine einzig von Menschen gemachte Hungersnot, eine Entscheidung von Mächtigen über Machtlose«, brachte es Marc Lowcock, Leiter der UN-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), auf den Punkt. Und tatsächlich: Zwar galt der Jemen bereits vor dem 2015 begonnenen Angriffskrieg als »Armenhaus« der arabischen Welt, er verfügte aber dennoch über eine funktionierende Infrastruktur, Wirtschaft und Exportbasis.

Neben dem Krieg hat auch die Vollblockade des Landes dieses Fundament genauso zerstört wie das Gesundheitswesen, das höchstens noch zur Hälfte funktionstüchtig ist. Die jemenitische Wirtschaftsleistung ist laut einem jüngst von UN-OCHA veröffentlichten Bericht seit 2015 um die Hälfte gesunken. Kraftstoff ist längst zur absoluten Mangelware geworden, Gehälter werden schon lange nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt bezahlt, der jemenitische Rial befindet sich im Sinkflug, und Lebensmittel werden immer unbezahlbarer. Nach Aussage des UN-Entwicklungsprogramms UNDP wurde der Jemen durch den Krieg in seiner Entwicklung um ein Vierteljahrhundert zurückgeworfen.

Die Geberkonferenz sei ein »Schlüsselmoment« für die »Weltgemeinschaft«, hatten zwölf Hilfsorganisationen ihrer jetzt herbe enttäuschten Hoffnung Ausdruck verliehen, dass nach sechs Jahren »menschlich verursachter Katastrophe« endlich mehr Hilfe käme. Aber nicht das Leid der jemenitischen Bevölkerung »sprengt jede Vorstellungskraft«, wie der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) am Montag behauptete. Unfassbar ist vor allem, dass die »internationale Gemeinschaft« seit Jahren die Bilder des Grauens kennt und trotzdem nicht bereit ist, wenigstens soviel Geld zur Verfügung zu stellen, dass Menschen vor dem Verhungern gerettet werden können.

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