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Aus: Ausgabe vom 03.03.2021, Seite 1 / Titel
Arbeitskampf

Kreativ und schlagkräftig

Tarifkampf: IG Metall mobilisiert Zehntausende Beschäftigte für Warnstreiks. Produktion über Stunden lahmgelegt. Bosse demonstrativ gelassen
Von Oliver Rast
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Entschlossen: Protest von Metallern gegen weitere Nullrunde (Stuttgart, 2.3.2021)

Der Protest ist vielfältig. Versammlungen vor Werkstoren mit Bengalos, Lichtinstallationen an Fabrikmauern, Autokorsos durch Innenstädte. Die IG Metall mobilisierte am Dienstag bundesweit Zehntausende Beschäftigte aus der Metall- und Elektroindustrie. Mit Grund, denn vier Verhandlungsrunden in den Tarifbezirken gingen über die Bühne – ergebnislos. Die Friedenspflicht endete am Montag. Folge: Warnstreiks!

Birgit Dietze, Bezirksleiterin der IGM Berlin, Brandenburg und Sachsen, sagte am Dienstag im jW-Gespräch: »Die Empörung unter unseren Kolleginnen und Kollegen wegen des ›Nullangebots‹ der Arbeitgeber ist groß.« Nicht nur dort. Den Widerstand von etwa 9.000 bayerischen Metallern am ersten Streiktag hätte die Gegenseite provoziert, ergänzte gleichentags Johann Horn, Bezirksleiter der IGM im Freistaat.

Worum geht es? Die IGM fordert ein Tarifvolumen von vier Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, das zur Entgelterhöhung oder zum Joberhalt, etwa durch eine Viertagewoche mit Teillohnausgleich, eingesetzt werden soll. Des weiteren geht es um »betriebliche Zukunftstarifverträge« und um eine Arbeitszeitangleichung in Ostdeutschland. Die fehle noch immer, moniert Gewerkschafterin Dietze. »Die Beschäftigten arbeiten im Osten drei Stunden mehr, unbezahlt wohlgemerkt.« Konkret: 38 statt 35 Wochenstunden. »Wir haben kraftvoll begonnen«, so Dietze, »unser Aktionsauftakt war bereits am Montag mittag im Mercedes-Werk in Ludwigsfelde.« Die Produktion dort stand für zwei Stunden still, rund 300 Beschäftigte beteiligten sich am Warnstreik.

Auch in Norddeutschland waren Belegschaften im Ausstand. Mehr als 2.600 Beschäftigte aus zwölf Betrieben in Bremen, Hamburg, Nordwestniedersachsen und Schleswig-Holstein haben in der Nacht zu Dienstag an bis zu zweistündigen Arbeitsniederlegungen teilgenommen, schilderte Daniel Friedrich, IGM-Bezirksleiter Küste, via Pressemitteilung. »Sie haben ein deutliches Zeichen für unsere Forderungen gesetzt.«

Reichen dürfte das noch nicht – denn die Unternehmerverbände haben bislang nur eine Einmalzahlung und eine Tabellenerhöhung der Tarife ab 2022 ins Spiel gebracht. Als Vorschlag, bestätigte Nordmetall-Sprecher Alexander Luckow am Dienstag auf jW-Anfrage. Die Kernziele bleiben: Nullrunde und Absenkung von Tarifstandards. »Im Jahr der größten Krisenbewältigung gibt es keine Verteilungsspielräume«, behauptete ­Luckow. Und Luitwin Mallmann, Hauptgeschäftsführer von Metall NRW, meinte zu jW: Jede tarifliche Zusatzbelastung könne »nur toxisch sein«. Panikmache, meinen die Metaller.

Krisenprofiteure wie Daimler verbuchten 2020 Milliardengewinne, schütteten trotz Coronastaatshilfen üppig Dividenden an Aktionäre aus. Malocher an der Werkbank und am Förderband hingegen gehen leer aus: »Seit drei Jahren haben sie keinen Cent extra in der Lohntüte«, sagte IGM-Frau Dietze.

Was passiert nun? Demonstrativ gelassen wirken die Kapitalbosse. Luckow von Nordmetall verneint gleich gänzlich den Einfluss temporärer Streiks auf Verbandsentscheidungen. Und ein Gesamtmetall-Sprecher meinte gegenüber dieser Zeitung, Arbeitskampfmittel dienten der gewerkschaftlichen Mitgliederwerbung. »Die wirtschaftlichen Realitäten ändern sich nicht durch Warnstreiks.« Jörg Hofmann, Erster Vorsitzender der IGM, kontert: »Wir werden mit kreativen und schlagkräftigen Aktionen und Warnstreiks den Arbeitgebern zeigen, dass wir jetzt ernsthaft ins Gespräch jenseits inhaltsleerer Vorschläge kommen müssen«, sagte er am Dienstag gegenüber jW.

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