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Aus: Ausgabe vom 02.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Ein Drama

Liebe, Pest und Ramelow

Die Pandemie in ihrer schizophrenen Phase
Von Pierre Deason-Tomory
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»Jetzt fiel mir auf, dass sie allein war, die andere Krähe fehlte«

Im heißen Sommer 1999 habe ich »Die Pest« von Camus gelesen, bei Anne in der Wohnung, auf der Matratze liegend, ich trank Dosenbier und rauchte. Anne stand vor der Staffelei, selbst ein Bild. Im Hemdchen und mit zerzauster Mähne fixierte sie, die Augen zusammengekniffen, einen Punkt auf der Leinwand, eine f6 im Mund, den Pinsel in der Hand. Den tieferen Sinn des Romans habe ich nicht verstanden. Aber ich erinnere mich, dass die Menschen in Oran noch vor dem Ende der Seuche die Angst verlieren und wieder vor die Tür gehen, trinken und tanzen.

Unsere Pandemie hat jetzt ihre schizophrene Phase erreicht. Erneut steigen die Infektionszahlen, immer noch sterben jeden Tag Hunderte von Menschen, doch die Dämme bröckeln und werden bald brechen. Die Geduld der Menschen ist am Ende, das Vertrauen in die Maßnahmen der Politik weg. Erst fehlten die Vakzine. Dann wurden mehr als 1,4 Millionen Impfdosen von Astra-Zeneca nach Deutschland geliefert, aber nur rund 364.000 verimpft. Kommunalpolitiker wie der Oberbürgermeister von Halle drängelten sich vor und halten das für eine »Privatsache«. In Nürnberg ist die Impfhotline zusammengebrochen, weil – Überraschung! – viele angerufen haben.

In Thüringen ist der Wechselunterricht nicht organisiert, die eine Schule wechselt täglich, die andere wöchentlich. Die Schulcloud funktioniert mal, mal wieder nicht. Hätte man alles im Sommer vorbereiten können, aber der Meisterregierungslinke in der Erfurter Staatskanzlei habe sich beim Nichtstun »von Hoffnungen leiten lassen«, so Bodo Ramelow Anfang Januar im Fernsehen. Thüringen ist Inzidenzspitzenreiter, im Dezember sind im Bundesland 42 Prozent mehr Menschen gestorben als im Dezembermittel der letzten vier Jahre. Das Versagen der Landesregierung ist keine Fehleinschätzung der Lage, sondern wahltaktische Feigheit vor dem Pöbel, die Menschenleben gekostet hat. Ich erwarte von dieser rot-rot-grünen Koalition wenig und schon gar keine Revolution, aber auch nicht, dass sie komplett versagt und den grenzrechten Volldeppen von der Thüringer CDU den Sieg bei der Wahl im Herbst sichert.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier will bald die Außenbereiche von Kaffee- und Wirtshäusern öffnen lassen. Sehr unvernünftig und populär. Auch bei mir. Das wunderwarme Frühlingswetter zog mich am Donnerstag nachmittag in die Stadt, ich konnte nicht anders. X und Y und ich saßen halb versteckt am Rande des Z-Platzes, wir tranken ordnungswidrig kühles Bier, und dann kamen auch der A und die B des Wegs und machten mit, und schließlich noch der C.

Am Mittwoch morgen strahlte die Sonne durchs offene Fenster auf den Schreibtisch. Da flog eine der beiden Krähen, die für die Inspektion der Straße vor dem Haus zuständig sind, in die kleine Birke vor dem Fenster und fing an zu krächzen. Eindringlich, laut, immer wieder um sich blickend. Am Donnerstag das gleiche Spiel. Jetzt fiel mir auf, dass sie allein war, die andere Krähe fehlte. Ich zirpte sie durchs offene Fenster an, und sie wechselte in den Baum daneben. Dort schrie sie weiter. Schaute und schrie. Ein Drama.

Heute früh war es ruhig, als ich das Fenster aufmachte. Etwas später flog die Krähe von links durchs Bild und setzte sich in die Krone der hohen Birke hinter dem Haus gegenüber. Sie krächzte nicht, sie putzte sich, und dann kam die andere dazu! Sie haben sich wieder.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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