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Aus: Ausgabe vom 02.03.2021, Seite 11 / Feuilleton
Philosophie

Natürlich künstlich

Die 8. Hans-Heinz-Holz-Tagung widmete sich dem Verhältnis von Umwelt, Mensch und Technik
Von Marc Püschel
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Konkreter geht’s nicht: Gegenständliche Tätigkeit unter Tage (Zeche Ewald, Herten 1995)

Der Mensch ist von Natur aus auf Kultur angelegt. Eine simple Feststellung, die aber bereits auf die komplizierte Sonderstellung des Menschen als Natur- und zugleich aus ihr herausgehobenes »Kunstwesen« verweist. Dem schwierigen Themenkomplex von Natur, Mensch und Technik versuchte sich am vergangenen Sonnabend die 8. Hans-Heinz-Holz-Tagung der Gesellschaft für dialektische Philosophie anzunähern.

Der Pandemie geschuldet, fand sie als Onlinekonferenz statt. Immerhin wurden so die Teilnehmerzahlen der letzten Jahre deutlich übertroffen: Bis zu 120 Zuhörer fanden sich gleichzeitig im digitalen Raum zusammen. Im ersten Vortrag beschäftigte sich Jörg Zimmer mit Fragen einer dialektischen Anthropologie bei Helmuth Plessner und Hans Heinz Holz. Die Stufentheorie des Organischen und die als »exzentrische Positionalität« begriffene Stellung des Menschen in der Welt bei Plessner wird von Holz aufgegriffen, in einem Brückenschlag zur Marxschen Auffassung des Menschen als eines »gegenständlichen Wesens«, aber dialektisch-materialistisch reformuliert. Erfreulich klar arbeitete Zimmer heraus, wie Holz über Plessner hinausgehend den Menschen »in den Zusammenhang eines Weltbegriffs« stellt und eine dialektische Ontologie entwirft.

Im zweiten Vortrag referierte Martin Küpper über gegenständliche Tätigkeit, Arbeit und Praxis – Begriffe, die mit Ausnahme von Alfred Kosing und Hans Heinz Holz im Marxismus nie in einen systematischen Zusammenhang gebracht wurden. Mit Holz wird einsichtig, wie sich durch gegenständliche Tätigkeit sowohl das Gattungswesen des Menschen als auch der Gattungscharakter der Dinge (Werkzeuge etc.) realisiert und sich zur Praxis als Gesamtheit der gesellschaftlichen Prozesse ent­wickelt. Sie stellen somit Basis­kategorien des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur dar. In seinen philosophiehistorischen Streifzügen konnte Küpper nicht nur die Begriffe selbst beleuchten, sondern auch bestehende Defizite der Theorie und Streitpunkte in der Forschung herausarbeiten.

Den dritten Part bestritt Lena Kreymann mit einem Abriss über die Probleme der Philosophie der Kognitionswissenschaften. In einer anschaulichen Präsentation zeigte sie die Spaltung dieses Forschungsgebietes in zwei entgegengesetzte Strömungen auf, die jeweils einer positivistisch-analytischen und einer phänomenologisch-lebensphilosophischen Philosophie entsprechen. Die starre Entgegensetzung von Subjekt und Objekt in diesen Schulen führe zu einem einseitig subjektivistischen Standpunkt oder zu einer problematischen Ausweitung des Kognitionsbegriffs auf die Umwelt und damit zu einer undialektischen Einheit. Ihre Kritik verband Kreymann mit der Aussicht auf eine Überwindung der Schwächen beider Ansätze durch Rückgriff auf Holz, wodurch sie die Fruchtbarkeit von dessen Philosophie auch für Wissenschaftsprobleme der Gegenwart verdeutlichte.

Andrea Schön brachte im vierten Vortrag die Tagung zu konkreten gesellschaftlichen Problemen. Sie behandelte die Rolle von Technik und Wissenschaft in einer auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln fußenden Gesellschaft und warf die Frage nach einer bedarfsorientierten Umgestaltung der Produktivkraft auf – denn der Versuch, innerhalb des Kapitalismus Nachhaltigkeitskonzepte umzusetzen, rufe immer neue Widersprüche hervor. Noch politischer wurde es mit Philipp Eichhorns Referat über »Menschheitsfrage(n)?«. Er verglich die alte Friedensbewegung mit der neuen Umweltbewegung und stellte gezielt provokativ die Frage, ob die Marxisten heute nicht zu wenig über Klassenfragen und zu viel von Menschheitsproblemen sprechen. Eichhorn verwies auf die Gefahr, sich als Kommunist von bürgerlichen Appellen zu einem gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel dahin drängen zu lassen, eigene Ziele aufzugeben.

Doch wie kann eine Versöhnung mit der Natur gelingen? Mit einem Zitat Ernst Blochs lieferte Doris Zeilinger ein hübsches, wenn auch inoffizielles, Schlusswort: »Naturströmung als Freund, Technik als Entbindung und Vermittlung der im Schoß der Natur schlummernden Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten an konkreter Utopie. Doch auch nur der Anfang zu dieser Konkretion setzt zwischenmenschliches Konkretwerden, das ist, soziale Revolution voraus.«

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