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Aus: Ausgabe vom 02.03.2021, Seite 8 / Inland
Freiflächen in der Mainmetropole

»Investoren sollten vor Verdrängung Angst haben«

Frankfurt am Main: »Grüne Lunge bleibt« kämpft um alternative Nutzung von Grünflächen. Ein Gespräch mit Felix Wiegand
Interview: Gitta Düperthal
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Freiraum: Menschen machen Gymnastikübungen im Frankfurter Günthersburgpark (20.3.2020)

Die »Grüne Lunge«, ein Naherholungsgebiet am Günthersburgpark in Frankfurt am Main, soll Luxuswohnungen weichen. Die Instone Real Estate Group bewirbt gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG auf Flyern in Briefkästen das Bauprojekt »Günthersburghöfe«. Wie sah der Protest am Freitag dagegen aus?

Wir haben uns vor dem bereits fertiggestellten Bau »Marie« von Instone getroffen, um am Beispiel der Musterwohnungen zu zeigen, wie zynisch solche Projekte im sozialen Kontext sind. Der Immobilienkonzern baute hier mehr als 180 Eigentumswohnungen, die je nach Größe bis zu zwei Millionen Euro kosten. Das blüht auch der grünen Lunge, würde ein solches Projekt dort realisiert. Instone und die ABG werben für die »Günthersburghöfe« mit dem Slogan »Nordend für alle«. Aber selbst wenn 30 Prozent der geplanten 1.500 Wohnungen dort, wie behauptet, öffentlich geförderter Wohnraum werden sollten: Die Stadt ist voll mit solchen Luxusdomizilen, die nicht mal der gehobene Mittelstand bezahlen kann. Wir brauchen keine einzige mehr.

Um die »grüne Lunge« tobt seit Jahren ein erbitterter Kampf.

Um den Erhalt des komplexen Ökosystems sorgen sich eine Bürgerinitiative, Kleingärtner und ein Kollektiv von »GemüseheldInnen«, das gegen die Klimakrise angärtnert. Sie treiben die Kampagne »Grüne Lunge bleibt – Instone stoppen« voran. Angeschlossen haben sich Menschen, die diese Frischluftschneise wegen zunehmender Stadterhitzung erhalten wollen. Auf den politischen Druck hin initiierten Instone und die ABG ihre Kampagne, um das Projekt vor den Kommunalwahlen am 14. März im positiven Licht erscheinen zu lassen. Die Stadtregierung von CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen hatte die Günthersburghöfe fast durchgesetzt – da konfrontierte die grüne Basis Ende 2020 ihre Fraktion und stellte den Bau in Frage. Wir wollen das mit unseren Protesten verstärken. Die Zukunft des Projekts ist ungewiss, obwohl die SPD und die Immobilienkonzerne es unbedingt wollen.

Im Stadtparlament wurde die Entscheidung verschoben. Das Thema ist wohl vor den Wahlen zu heiß. Könnte danach alles wieder losgehen?

Ob das Bauprojekt ausgebremst wird, hängt davon ab, welche politischen Kräfte bei den Kommunalwahlen gestärkt werden. Von den Grünen in Hessen und in Frankfurt ist bekannt, wie schnell sie ökologische Bekenntnisse vergessen, wenn es um Machterhalt geht: Sei es der Kahlschlag im Dannenröder Forst für die A 49 oder der für den Ausbau des Frankfurter Flughafens.

Was ist Ihr Ziel?

Wir wollen es nicht nur verhindern. Es gibt viele Ideen, was mit dem Areal zu machen ist: Das mit Autohäusern bebaute Gebiet um die Grünflächen herum könnte man für dringend benötigte Sozialwohnungen nutzen. Insgesamt könnten auf dem Gelände kollektive Eigentumsverhältnisse und eine Form von demokratischer Selbstverwaltung eingeführt werden; mit landwirtschaftlichem Anbau, Kulturveranstaltungen, ökologischen Bildungsprogrammen.

Dringen die Proteste wegen Corona weniger durch?

Die grüne Lunge war im letzten Jahr gerade während der Pandemie ein Freiraum für Leute ohne dicken Geldbeutel, die in beengten Wohnungen leben. Man konnte sich da aufhalten, ohne zu konsumieren. Wir erleben, dass versucht wird, sich die Straße zurückzuerobern, je wärmer es wird.

Kann der Berliner Volksentscheid »Deutsche Wohnen & Co. Enteignen«, der am 26. Februar mit der zweiten Unterschriftensammlung startete, ein Vorbild für Frankfurt sein?

Wir sehen mit großem Interesse, wie in Berlin versucht wird, sich die Stadt wieder anzueignen. Berlin ist eine Stadt und zugleich ein Bundesland, in Frankfurt lässt sich das so nicht wiederholen. Wir verfolgen aber das gleiche Ziel: Nicht Mieterinnen und Mieter dürfen von Investoren aus der Stadt verdrängt werden, letztere sollten davor Angst haben müssen. Wir benennen sie und setzen sie unter Druck.

Felix Wiegand (Die Linke) ist Fraktionsreferent im Ausschuss für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen der Stadt Frankfurt am Main sowie aktiv bei »Grüne Lunge bleibt – Instone stoppen«

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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