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Aus: Ausgabe vom 01.03.2021, Seite 10 / Feuilleton

Zweitpässe und Zweitwohnsitze

Von Erwin Riess
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Zu verkaufen: Diese Villa in Zypern und »goldene Pässe« für den EU-Mitgliedstaat

An einem sonnigen Tag im Februar führte Herr Groll seinen Freund, den Dozenten, vor die Zypriotische Botschaft im dritten Wiener Gemeindebezirk.

»Ein unscheinbarer Gründerzeitbau«, sagte Herr Groll. »Aber wenn man bedenkt, welche Wirtschaftskraft hier gebündelt und rechtskonform gemacht wird, sieht man den Bau mit anderen Augen. Es gibt kaum einen großen, mittleren oder kleineren österreichischen Wirtschaftsskandal der letzten Jahrzehnte, der nicht eine zypriotische Tangente aufweist. Es muss Zehntausende österreichische Briefkastenfirmen auf der Insel geben. Wie Sie wissen, war ich von den 80er Jahren an immer wieder längere Zeit in Zypern und konnte daher die Ausbreitung des Briefkastenwesens aus nächster Nähe mitverfolgen. Wenn ich von meinem Apartmentzimmer in der Grigori Afxentiou Road in die Downtown von Larnaka unterwegs war, kam ich jedes Jahr an neuen Bürotürmen vorbei, an denen mehrere Dutzend Firmenschilder angebracht waren. Dasselbe spielte sich in der größten Hafenstadt des Landes, Limassol, in der Hauptstadt Nikosia, ja, auch in Badeorten wie Protaras, Paphos oder Agia Napa ab. Früher hieß es, das zypriotische Bruttoinlandsprodukt setze sich zu je einem Drittel zusammen aus de facto steuerfreien Offshore-Finanzgeschäften, dem Tourismus sowie den Einnahmen aus der Billigflaggenpolitik – trotz kleinerer rechtlicher Einschränkungen durch die EU ist Zypern die elftgrößte Schiffahrtsnation und Heimat Hunderter Billigreederein aus aller Welt, darunter vieler deutscher. An die Seite dieser Säulen des zypriotischen Wohlstands ist nun eine weitere lu­krative Einnahmequelle getreten: der in großem Stil betriebene Verkauf von sogenannten goldenen Pässen. Wer mehr als 2,5 Millionen Euro in Zypern investiert – ob da Geld gewaschen wird oder Scheininvestitionen getätigt werden, wird nicht näher untersucht –, bekommt den zypriotischen Pass dazugeliefert, wobei auch Ehepartner das Geschäft abwickeln können, dann kommt eben die ganze Familie in den Genuss eines europäischen Passes mit all seinen Möglichkeiten im finanziellen, juristischen und politischen Sektor. Die EU kritisiert diese Praxis seit langem, aber Sie wissen ja, wie zahnlos die EU sein kann, wenn es ihr in den Kram passt. Neuere Berechnungen ergeben, dass die zypriotischen Regierungen durch die »goldenen Pässe« rund 8,5 Milliarden Euro lukrierten. Wenn man das der Bevölkerungszahl von 1,1 Millionen Menschen gegenüberstellt, zeigt sich, dass Zypern in Europa und wahrscheinlich sogar weltweit die Nummer eins beim Pässeschacher ist. Die ökonomische Bedeutung des Pässehandels ist also enorm. Kein Wunder, dass Verwicklungen der höchsten Regierungskreise einschließlich der Ministerpräsidenten vielfach nachgewiesen sind. In Kap Kiti bei Larnaka gibt es am Steilabfall der Küste eine ausgedehnte Siedlung. Eine Millionärsvilla reiht sich an die andere, meist sind die Bauten von ausgesuchter Hässlichkeit. Das sind allesamt Domizile von Inhabern »goldener Pässe«. Nahezu das ganze Jahr stehen die Villen leer und werden von Housekeepern und Gärtnern betreut. Die Eigentümer – reiche Araber, ukrainische und russische Oligarchen sowie deren Kollegen in anderen osteuropäischen Ländern – lassen sich nur für ein paar Tage blicken, man hat ja noch andere Heimstätten in London, Sizilien oder in Portugal – als EU-Bürger ist das ja keine Hexerei. Natürlich mischt auch die italienische Mafia in diesem Geschäft mit.«

Er erinnere sich, dass Jörg Haider und seine Freiheitlichen in Kärnten ein ähnliches Modell pflegten, ergänzte der Dozent. »Ein besonders grotesker Fall betraf einen jungen Kärntner Rennfahrer, der sich im Jahr 2005 mit russischen Sponsormillionen Einsätze im italienischen Minardi-Rennstall erkaufte, Patrick Friesacher. Für das Geld stellte Haiders Stellvertreter Uwe Scheuch den Sponsoren die österreichische Staatsbürgerschaft in Aussicht. Sein Spruch, das sei ›Part of the Game‹ erlangte Berühmtheit und verschaffte ihm eine gerichtliche Verurteilung und das Ende seiner Politkarriere. Das Team wurde im übrigen kurze Zeit darauf von Dietrich Mateschitz gekauft, es war der Beginn von Toro Rosso und Red Bull in der Formel 1.«

»Woran man wieder sieht, dass so ein Pass der edelste Teil des Menschen ist«, erwiderte Herr Groll.

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