Gegründet 1947 Mittwoch, 14. April 2021, Nr. 86
Die junge Welt wird von 2500 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.03.2021, Seite 10 / Feuilleton
Film

Was will man machen?

Blinde Flecken des Idealismus: Der Film »FREIZEIT oder: das gegenteil von nichtstun« bei der 7. »Woche der Kritik«
Von Holger Römers
e.jpg
Betont alltäglich: Szenen aus dem Leben einer Politjugend

Wie die Berlinale muss auch die unabhängige Parallelveranstaltung »Woche der Kritik« zur Zeit auf die gewohnten Vorführungen im Kino verzichten. Während das große Festival sein Streamingangebot dem Fachpublikum vorbehält, ist die diesjährige Ausgabe der seit 2015 von Filmkritikern kuratierten Programmreihe aber allen Interessierten online zugänglich. Bis zum 7. März sind 16 Kurz- und Langfilme aus aller Welt zu sehen, täglich begleitet von Diskussionsrunden.

Dabei hat auch eine unscheinbare, aber doppelbödige Produktion aus Berlin Weltpremiere: Caroline Pitzen lässt in ihrem Langfilmdebüt fünf Jugendliche auftreten, die eng befreundet sind und sich in einer Schülervertretung und bei Protesten gegen Gentrifizierung engagieren. Die Konstellation verknüpft also das Politische mit dem Privaten, ohne dass letzteres schon vom Erwerbsleben überschattet wäre. Indem die Filmemacherin gleich zu Beginn einen Talkshowauftritt Ronald Schernikaus von 1980 einspielt, greift sie außerdem eine interessante Frage auf, die der Schriftsteller in seiner »Kleinstadtnovelle« anriss: ob nämlich Freizeit überhaupt Möglichkeiten zu gesellschaftlich wirksamem Handeln bietet. Als ein Film, der die vermeintlich freie Zeit eines Quintetts junger Berliner lieber problematisiert, als sie zu zelebrieren, erscheint »FREIZEIT oder: das gegenteil von nichtstun« somit als reizvolles Gegenstück zum Klassiker »Menschen am Sonntag«.

Noch bevor die Titelsequenz beginnt, deuten ein Kameraschwenk über eine Berliner Großbaustelle sowie distanzierte Bilder einer Antifademo das gesellschaftliche Umfeld an, in dem die betont alltäglichen Szenen danach stehen. Wir sehen die Teenager beim Schlafen, beim Anfertigen von Transparenten, beim Wäscheaufhängen, beim Besprechen von Protestaktionen, beim Schwimmen und Tanzen. Dass es sich um beiläufig eingefangene Ausschnitte aus jugendlichem Leben handelt, lässt nicht zuletzt das – von Spielfilmproduktionen üblicherweise gemiedene – Dämmerlicht vermuten, das die Außenaufnahmen von Kameramann Markus Koob hier prägt.

Wenn Zwiegespräche über Politik und Gesellschaft minutenlang ungeschnitten bleiben, stellt sich aber unwillkürlich die Frage, wie spontan das Abgebildete tatsächlich sein kann. Der Abspann zählt das jugendliche Quintett denn auch zusammen mit Pitzen, die zusätzlich als Cutterin und Koproduzentin firmiert, zu einem »Komitee Stoffentwicklung« und differenziert zwischen Rollen- und Darsteller­namen (Jasper Penz, Juno Groth, Lilly Marie Dressel, Maxim Hartig, Mila Wischnewski).

Was zunächst dokumentarisch und konkret erscheint, gewinnt also an Abstraktheit. Damit stellt sich auch in einem allgemeineren Sinne die Frage, inwiefern junge Leute wie diese die Welt verändern können. Das gilt unabhängig davon, ob die Dialoge bewusst oder unbewusst die blinden Flecken eines Idealismus berühren, der für das Erreichen seiner guten Absichten nur auf die oft wiederholte »Moral« und das »Gewissen« des einzelnen bauen kann. Wenn die Filmfiguren sich gemeinsam die Schlusssequenz von »Kuhle Wampe« anschauen oder gegenseitig eine Passage aus dem »Kommunistischen Manifest« vorlesen, bleibt der Bezug zu ihrem Leben jedenfalls unbestimmt. Um so mehrdeutiger klingt daher der wunderbare Satz, den sie sich zuletzt aus der »Kleinstadtnovelle« vorlesen: »sie alle sind siebzehn und nie geschlagen worden, haben keine neurosen, und niemand wird ernsthaft schwierigkeiten haben später, wenn das mit der akademischen arbeitslosigkeit nicht schlimmer wird und den erlässen an den hochschulen …«

»FREIZEIT oder: das gegenteil von nichtstun«, Regie: Caroline Pitzen, BRD 2021, 71 Min., kostenpflichtiger Stream: https://kurzelinks.de/FREIZEIT

Wer fürchtet sich eigentlich vor wem?

Polizei vor Kiezkneipen- oder Waldschützern, Instagram vor linken Bloggern, Geheimdienste vor Antifaschisten? Oder eher andersherum? Die Tageszeitung junge Welt entlarvt jeden Tag die herrschenden Verhältnisse, benennt Profiteure und Unterlegene, macht Ursachen und Zusammenhänge verständlich.

Unverbindlich und kostenlos lässt sich die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) probelesen. Abbestellen nicht nötig, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton