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Aus: Ausgabe vom 01.03.2021, Seite 6 / Ausland
Afrika

Mörderische Ausbeutung

DR Kongo: Schnelle Schuldzuweisungen nach Mord an italienischem Botschafter. Hinter ausufernder Gewalt steht Kampf um Rohstoffe
Von Christian Selz, Kapstadt
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Sicherung des Tatorts: Kräfte der UN-Truppe Monusco am Montag in der Nähe des Dorfes Ruhimba

Der Tod des italienischen Botschafters Luca Attanasio hat den Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo einmal mehr in den Fokus gerückt. Der Diplomat war vor einer Woche erschossen worden, nachdem bewaffnete Angreifer einen UN-Konvoi attackiert hatten, mit dem Attanasio unterwegs war. Auch ein italienischer Militärpolizist, der zum Schutz des Botschafters eingeteilt war, sowie der Fahrer des Wagens, ein kongolesischer Angestellter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) wurden bei dem Angriff 15 Kilometer nördlich der Stadt Goma getötet. Wer für die Attacke verantwortlich war, ist weiter unklar.

Wie verschiedene Medien unter Berufung auf den Gouverneur der Provinz Nordkivu, Carly Nzanzu Kasivita, berichteten, hätten die Angreifer den aus zwei Fahrzeugen bestehenden Konvoi zunächst mit Warnschüssen gestoppt, ehe sie einen der beiden Fahrer an Ort und Stelle erschossen und die weiteren Fahrzeuginsassen dann in den angrenzenden Virunga-Nationalpark verschleppten. Dort sei es schließlich zu einem Gefecht mit Parkrangern gekommen, wobei die Angreifer die beiden Italiener erschossen hätten. Drei Menschen werden noch vermisst, einer der Angegriffenen wurde lebend gefunden. Parksprecher Oliver Mukisya sprach von einer versuchten Entführung und sagte, es gebe noch keine Anzeichen, wer hinter der Attacke stünde.

Das hielt das Innenministerium in der fernen Hauptstadt Kinshasa jedoch nicht davon ab, in einer Stellungnahme umgehend »Angehörige der Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas (FDLR)« für den Angriff verantwortlich zu machen. Die Rebellenmiliz setzte sich ursprünglich aus Angehörigen der Bevölkerungsgruppe der Hutu zusammen, die nach dem Völkermord an den Tutsi 1994 vor den vorrückenden Tutsi-Rebellen der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) in den benachbarten Kongo geflohen waren. Die RPF beendete seinerzeit den Genozid, übernahm die Macht und stellt in Ruanda seitdem die Regierung.

Wie die BBC am Mittwoch berichtete, streitet die FDLR jedoch jede Beteiligung an dem Angriff ab. Ein Sprecher der Miliz erklärte, in der Region agierten mehr als 100 Rebellengruppen, und er wisse nicht, warum die kongolesischen Behörden ausgerechnet seine Truppe bezichtige. Zuvor hatte die FDLR am Dienstag bereits eine Stellungnahme an die französische Nachrichtenagentur AFP verschickt, in der sie darauf hinwies, dass der Angriff auf den WFP-Konvoi »nicht weit von einer Stellung der kongolesischen Armee und ruandischer Soldaten« stattgefunden habe. Weiter hieß es in dem Schreiben: »Die Verantwortung für die abscheulichen Tötungen ist in den Reihen dieser zwei Armeen und ihrer Sponsoren zu suchen, die eine unnatürliche Allianz geformt haben, um das Plündern des östlichen Kongo fortzuführen.«

Beweise lieferte bisher keine Seite. Fakt ist, dass in der Region unzählige Milizen, Rebellenorganisationen und Splittergruppen in die Ausbeutung reicher Rohstoffvorkommen involviert sind. Der Konfliktforscher Peer Schouten vom Dänischen Institut für Internationale Studien bezifferte deren Anzahl in einem Artikel für das Analyseportal The Conversation vom Donnerstag gar auf mehr als 120. Bewaffnete Gruppen bildeten dem Experten zufolge im Ostkongo »einen essentiellen Teil der politischen Ökonomie«. Dass der Angriff ein Entführungsversuch war, hält Schouten für wahrscheinlich, die Anschuldigungen gegen die FDLR jedoch für einen Versuch, einen einfachen Sündenbock zu finden.

Wer auch immer die Urheber waren, letztlich dürften die Getöteten vom Montag ebenso wie Millionen weitere Menschen in den vergangenen Jahrzehnten einem tödlichen Kreislauf zum Opfer gefallen sein, in dem mehr Geld mehr Möglichkeiten zur bewaffneten Mobilisierung und damit mehr Macht, mehr Einfluss bei der Ausbeutung von Bodenschätzen und schließlich wieder mehr Geld bedeutet. Das Gros des Reichtums bleibt jedoch nicht im Kongo, wo vor allem ländliche Gemeinden in permanenter Angst vor bewaffneten Übergriffen, Vertreibungen und Entführungen und etwa drei Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben.

Abgeschöpft wird vor allem dort, wo Kobalt und Coltan geschmuggelt und weiterverarbeitet werden. Italiens Regierung will nun eine eigene Untersuchungskommission in das zentralafrikanische Land schicken, um die Hintergründe der Ermordung des Botschafters aufzuklären. Um die größten Drahtzieher und Profiteure der mörderischen Plünderung zu finden, müssten die Ermittler aber wahrscheinlich gar nicht so weit reisen.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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