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Warnung vor Inflation

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Wer jammert, hat mehr vom Leben. Denn in der Regel sind die unermüdlichsten Jammerer über gewisse Nachteile des Kapitalismus seine größten Profiteure. Ein besonders beliebtes Klagethema der vergangenen Jahre droht gerade verloren zu gehen. Denn der Zins steigt. Jedenfalls ein bisschen. Wie so oft am Finanzmarkt kommt der aktuelle Trend aus den USA, wo die Zinsen der Staatsanleihen gerade ruckweise höher werden. Für zehnjährige Papiere des US-Finanzministeriums müssen jetzt mehr als 1,5 Prozent Zins bezahlt werden. Ein wahrer Schocker, bedenkt man, dass sie zu Beginn der Coronafinanzkrise vor einem Jahr zum ersten Mal unter 1,5 Prozent gesunken waren und noch vor einem Monat erst ein Prozent betragen hatten.

In Deutschland geht es exotischer zu. Hier ist die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen auf stolze minus 0,23 Prozent gestiegen. Vor einem Monat hatte sie noch minus 0,55 Prozent betragen. Der geneigte Investor oder die Bank muss also nur noch 23 statt 55 Cent zehn Jahre lang zuzahlen, um der Ehre teilhaftig zu werden, dem deutschen Staat heute 100 Euro leihen zu dürfen. Wenn das keine Erleichterung ist! Hören wir jetzt verhaltene Jubelschreie? Schließlich sieht es so aus, als könne die fürchterliche Periode der extremen Niedrigzinsen zu Ende gehen, die von Versicherungen und Banken, von Focus, Spiegel und Bild und auch seriöseren Publikationen so laut beklagt worden war. Vielleicht kommt das ja noch.

Zunächst kommt etwas anderes. Denn so ein schneller Zinsanstieg kommt nicht von ungefähr. Richtig, gelegentlich hat er mit dem bekannten Phänomen der Inflation zu tun. In den USA ist sie von einem Prozent in der Krise im vorigen Jahr auf aktuell 1,5 Prozent gestiegen. In Deutschland war ihr Anstieg noch radikaler. Im gesamten zweiten Halbjahr 2020 lag die Inflationsrate unter null Prozent. Kein Wunder, denn in dieser Zeit galt der von Olaf Scholz verordnete verminderte Satz der Mehrwertsteuer. Im Januar, mit dem »normalisierten« Satz von wieder 19 Prozent sprang der Inflationsindex auf plus ein Prozent. Dass auch die neue CO2-Steuer zuschlug, tat ein Übriges.

Es wirkt jedenfalls viel seriöser, über die drohende Inflation zu zetern, als über die steigenden Zinsen zu jubilieren. Zunächst ist beides vor allem albern. Denn der große Konjunkturaufschwung, der nach der großen Impfkampagne und dank der billionenschweren Rettungsprogramme und Zuschüsse ab sofort folgen soll, ist noch nicht vorhanden. Ohne ihn wird es weder höhere Zinsen noch Inflation geben. Spekulanten, Kapital und Meinungsbildung sind sich noch nicht schlüssig, ob noch mehr Großbeträge aus den Staatshaushalten eingefordert werden müssen oder ob es Zeit ist, mit den Inflationsklagen zu beginnen. Solche Klagen sind, wie schon Ludwig Erhard wusste, das publizistisch am besten geeignete Instrument, um das gemeine Volk zum »Maß halten« zu bewegen. Dazu finden gerade Vorübungen statt.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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