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Aus: Ausgabe vom 27.02.2021, Seite 4 / Inland
»Bruderschaft Thüringen« im Visier

Schlag gegen Neonazis

Mehrere Razzien bei der »Bruderschaft Thüringen« wegen bandenmäßigen Drogenhandels und Geldwäsche
Von Markus Bernhardt
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Unweit eines durchsuchten Hauses beziehen Nazigegner Stellung (Ballstädt, 26.2.2021)

Diverse Einnahmequellen dürften empfindlich gestört sein. Mehr als 500 Beamte – darunter Spezialkräfte aus Sachsen-Anhalt sowie Spezialisten des Bundeskriminalamtes und des Hessischen Landeskriminalamtes – haben am Freitag insgesamt 27 Wohnungen und Geschäftsräume in Gotha, den Landkreisen Gotha, Bad Langensalza, Saalfeld-Rudolstadt, im Lahn-Dill-Kreis und im Burgenlandkreis durchsucht. Die großangelegte Aktion richtete sich gegen zehn Beschuldigte im Alter von 24 bis 55 Jahren, denen von den Behörden der bandenmäßige »Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge« und Geldwäsche vorgeworfen wird. Bis jW-Redaktionsschluss am Freitag wurden acht Haftbefehle gegen Beschuldigte vollstreckt.

Darüber hinaus realisierten die eingesetzten Beamten »einen Vollstreckungshaftbefehl bei einer angetroffenen Person und eine durch die Staatsanwaltschaft angeordnete vorläufige Festnahme wegen des Auffindens von Betäubungsmitteln«, erklärte das Landeskriminalamt Thüringen am Freitag. Demzufolge bestand das Ziel der Maßnahmen darin, Beweismittel für die erhobenen Vorwürfe sicherzustellen und »in Zusammenhang mit den Taten stehendes Vermögen wie zum Beispiel Fahrzeuge, hochwertige Gegenstände bzw. Mobiliar« zu beschlagnahmen.

Bei den Beschuldigten handele es sich um Mitglieder sowie Anhänger der »Bruderschaft Thüringen«, wie der MDR berichtete. Die setze sich aus den militanten Neonazibruderschaften »Turonen« und der »Garde 20« zusammen, die offenbar seit Jahren in die organisierte Kriminalität verstrickt sind und weite Teile des Handels mit der äußerst gefährlichen chemischen Droge »Crystal Meth« in Thüringen organisieren. Auch in Waffengeschäfte sollen die Neonazis verstrickt sein.

Betroffen von den Durchsuchungen der Behörden waren neben der Kanzlei eines rechten Szeneanwalts in Hessen unter anderem die bereits ab 2013 von Faschisten genutzte Immobilie »Gelbes Haus« in Ballstädt (Landkreis Gotha). Wie die Einsatzkräfte am Freitag mitteilten, wurden dort »nach ersten Erkenntnissen unter anderem Langwaffen, eine größere Menge Bargeld und rechte Devotionalien gefunden«. Die Waffen bedürften jedoch zunächst einer waffenrechtlichen Begutachtung, um etwas über deren Zustand sagen zu können, hieß es in einer Mitteilung.

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) zeigte sich zufrieden mit den polizeilichen Maßnahmen und maß den Durchsuchungen »einen hohen Stellenwert« bei. Er hoffe, dass die Ermittlungen dazu führen, diese Strukturen der organisierten Kriminalität und des Rechtsextremismus »beseitigen zu können«. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte Maier, dass dem Schlag gegen das kriminelle faschistische Netzwerk jahrelange Vorbereitungen vorausgegangen seien. »Der Verfassungsschutz war der Impulsgeber.« Bei der Gruppe habe man festgestellt, »dass es weitere Ermittlungsansätze über den Rechtsextremismus hinaus in die organisierte Kriminalität hinein gibt«, betonte Maier gegenüber dem RND.

Unterstützung bekam er von Katharina König-Preuss, der Sprecherin für Antifaschismus der Linksfraktion im Thüringer Landtag. Sie hoffe, »dass die Durchsuchungen der Polizei erfolgreich sind, nachdem sich das Netzwerk der Turonen lange weitgehend ungestört nicht nur mit Rechtsrock-Konzerten, sondern mutmaßlich auch mit Drogen- und Waffenhandel eine goldene Nase verdienen konnte«.

Der Linke-Politikerin zufolge seien für die Neonazis in der Region um Ballstädt und Gotha auch Auslandskontakte für die kriminellen Entwicklungen prägend gewesen. »Gerade die intensiven Beziehungen zur Gruppierung ›Objekt 21‹ in Österreich, wo Neonazis auch durch Waffen- und Drogenhandel und im Rotlichtmilieu Geld verdienen konnten, dürften dazu Inspiration gewesen sein«, so König-Preuss. Ausschlaggebend dürften ihr zufolge aber Verbindungen zum verbotenen Netzwerk »Blood and Honour« sowie zu dessen militantem Arm »Combat 18« in der Schweiz sein. Dort hätten die »Turonen« mit einem einzelnen Rechtsrock-Konzert bereits mehr als 150.000 Euro einnehmen können.

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