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Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 4 / Inland
Austreibung der DDR

Übelkeit im Stadtrat

Halle: Fraktionen von CDU, Grünen und AfD stimmen gegen Benennung von neuem Planetarium nach Sigmund Jähn
Von Kristian Stemmler
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Gebäude weg, Name auch: Das alte Planetarium auf der Peißnitzinsel in Halle ist Geschichte

An der Saale können liberale und rechte Kräfte einen weiteren Erfolg bei ihren Bemühungen verzeichnen, all das zu entsorgen, was sie mit einer »zu positiven« Erinnerung an die DDR verbinden. Der Stadtrat von Halle beschloss am Mittwoch abend mit einer Mehrheit von 28 Stimmen, dass das neue Planetarium auf der Peißnitzinsel nicht – wie das frühere, nach einem Hochwasserschaden abgerissene – den Namen des DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn tragen soll. Statt dessen soll es einfach »Planetarium Halle« heißen. »Damit hat sich der Rat für den mutlosesten Vorschlag entschieden, den man überhaupt machen konnte«, erklärte Katja Müller von der Linksfraktion im Stadtrat.

Nach kontroverser Debatte stimmten CDU und Bündnis 90/Die Grünen Seite an Seite mit der AfD für den von den Grünen per Änderungsantrag vorgeschlagenen Namen »Planetarium Halle«. Dagegen stimmten Die Linke, SPD und die Fraktion »Mitbürger & Die PARTEI«. Über deren gemeinsamen Antrag, das Planetarium erneut nach Sigmund Jähn zu benennen, konnte nicht mehr abgestimmt werden. Müller sagte am Donnerstag gegenüber jW, CDU und Grüne hätten den Antrag ursprünglich befürwortet, seien dann aber abgesprungen.

Es sei ein »großes Ärgernis«, dass die Grünen vor drei Wochen ihre Haltung geändert hätten. Erst einen Tag vor der Sitzung des Kulturausschusses, bei dem das Thema auf der Tagesordnung gestanden habe, hätten sie erklärt, den Antrag nicht mehr mittragen zu wollen. Auch die Unionsfraktion habe anfangs für die von der Linken vorgeschlagene Benennung votiert, so Müller. Dann habe sie das aber revidiert. Anlass für den Linke-Vorstoß sei der Tod des Kosmonauten im September 2019 gewesen. Leider habe der Linke-Antrag dann lange auf Eis gelegen; in der Zwischenzeit seien unter anderem »Stasi«-Vorwürfe gegen Jähn erhoben worden. Für eine Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR gebe es jedoch »null Beweise«, betonte Müller.

Das hielt die Union allerdings nicht davon ab, am Mittwoch im Stadtrat gegen Jähn zu schießen. Sie wolle die Leistung Jähns nicht schmälern, erklärte CDU-Stadträtin Ulrike Wünscher. Die habe er aber nur erreichen können, weil er »zu 100 Prozent im Dienste des Systems DDR« gestanden habe. Wünscher bezeichnete die DDR als »Diktatur« und »Unrechtsstaat«, zu deren »drei Säulen: Militär, Stasi und SED« der Kosmonaut Jähn »eine starke Verbindung« gehabt habe. Er habe sich »instrumentalisieren lassen«. Ihr werde schlecht, so Wünscher, wenn sie die Bilder von »zusammengetrommelten Leuten« sehe, die ihn nach seiner Rückkehr aus dem All 1978 bejubelten.

Alexander Raue von der AfD hielt sich mit Kritik an Jähn zurück. Seine Fraktion schlage vor, das Planetarium nach dem Astrophysiker Alfred Weigert zu benennen, der in Halle zur Schule gegangen sei und studiert habe. Weigert sei mit seiner Familie zuvor aus Pommern »vertrieben« worden, so Raue, und am Tag des Mauerbaus im August 1961 sei er nach München gegangen. Damit stehe er für die »vielen ähnlichen schicksalsgeprüften Lebensbiographien«.

Am Ende half es nichts, dass Müller in ihrer Rede eine Lanze für den »ersten Deutschen im All« brach. Dieser habe zwar das DDR-System repräsentiert, »aber er war nicht Erich Mielke«. »Er war jemand, der den Mut hatte, sich in eine Rakete zu setzen, als die bemannte Raumfahrt noch in den Kinderschuhen steckte«, sagte die Stadträtin. Jähn sei »menschlich integer« gewesen und habe einer ganzen Generation in der DDR gezeigt, »was man als einfacher Junge aus Morgenröthe-Rautenkranz werden konnte«. In dem Ortsteil der sächsischen Gemeinde Muldenhammer war er 1937 geboren worden. Gegenüber jW erklärte Müller, es sei bitter, dass auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR den dort aufgewachsenen Menschen vermittelt werde, ihre Erinnerungen und Idole seien nichts wert.

Unterdessen war im Stadtrat von Halle der »Impfskandal« um Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) ebenfalls Thema. Dieser solle seine Amtsgeschäfte niederlegen und suspendiert werden, forderten am Mittwoch mehrere Fraktionen. Wiegand hatte sich außer der Reihe gegen das Coronavirus impfen lassen und das Vorgehen nach Kritik verteidigt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. (26. Februar 2021 um 17:46 Uhr)
    Ein Tipp: Welcher der deutschen Raumfahrer hat ein Problem damit, dass Ihr das Planetarium nach ihm benennt? Sie haben ihn als Fachkraft und Freund kennengelernt und als große Hilfe für die Reise in den Weltraum erkannt. Er hat die Verbindung der verschiedenen Raumfahrtsentwicklungen hergestellt.

    Sigmund Jähn würde über die Idee der Ehrung lachen. Stellt sich die Frage, welches Problem entsteht, dass etwas nach seinem Tode nach ihm benannt wird. Er war eher locker. Als ich ihn in einem Interview vor vier Jahren fragte, ob es eine Mondlandung gegeben hatte, antwortete er: Ich sage nicht nein. – Besser geht’s nicht!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. (26. Februar 2021 um 01:56 Uhr)
    Stephan Balliet gefällt das. (Okay, so jemand wie der interessiert sich eher nicht für kulturelle oder wissenschaftliche Einrichtungen, abseits des Hauses der Identitären Bewegung in Halle, sofern man das als »Kultur« bezeichnen will.)

    Aber im Ernst, im Antikommunismus geben sich Grüne und AfD nicht viel. Man hätte sich ja auch enthalten können ...

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