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Aus: Ausgabe vom 26.02.2021, Seite 1 / Inland
Sieg der Lobbyisten

Caritas sichert Lohndumping in der Pflege

Katholischer Wohlfahrtsverband lehnt allgemeinverbindlichen Tarifvertrag in der Altenpflege ab
Von Daniel Behruzi
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Auch die Mitarbeiter bei der Caritas kritisierten die Entscheidung ihrer Chefs

Die Caritas hat den flächendeckenden Tarifvertrag für die Altenpflege abgelehnt. Die sogenannte Arbeitsrechtliche Kommission (ARK) des katholischen Wohlfahrtsverbandes, die dem Antrag auf Allgemeinverbindlichkeit nach dem Arbeitnehmerentsendegesetz ihre Zustimmung erteilen muss, hat dies laut Mitteilung vom Donnerstag verweigert. Diese Entscheidung stehe »in krassem Widerspruch zu ihren eigenen sonstigen Aussagen und Werten, wenn es um gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Bedeutung sozialer Dienste geht«, kritisierte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler am Donnerstag. »Das ist ein schlimmes Signal für die Beschäftigten in der Altenpflege.« Das Nein zum flächendeckenden Tarifvertrag mache die Caritas unglaubwürdig, so Bühler weiter. »Denn faktisch profitieren von dieser Entscheidung diejenigen privaten Arbeitgeber, die das eklatante Personalproblem in der Altenpflege durch schlechte Löhne und miese Arbeitsbedingungen verursacht haben. Ausgerechnet mit denen macht sich der kirchliche Wohlfahrtsverband gemein.«

Der Arbeitgeberverband der kommerziellen Pflegefirmen BPA reagierte entsprechend erfreut. Dessen Präsident Rainer Brüderle sagte, er habe »großen Respekt« vor der Entscheidung der Caritas. Sein Stellvertreter Bernd Meurer sagte: »Es ist kein Fortschritt, durch immer größere staatliche Einflussnahme jede wettbewerbliche Ausgestaltung der Pflegeversicherung abschaffen zu wollen.« Die Mitarbeiterseite der ARK des Caritasverbandes kritisierte die Sabotage hingegen in einer Mitteilung: »Mit ihrer Verweigerungshaltung hat die Dienstgeberseite den Ruf und die Glaubwürdigkeit der Caritas massiv beschädigt.« Dass die Beschäftigtenvertreter das Vorgehen des Verbandes ablehnen, hinderte den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, bei einer Pressekonferenz am Donnerstag nicht daran, auf jW-Nachfrage zu erklären: »Die Arbeitsrechtliche Kommission ist paritätisch zusammengesetzt von Dienstnehmern und Dienstgebern, und die entscheiden unabhängig und autonom. Das respektiere ich.«

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roland Winkler, Aue: Mittelalterlich Manche Nachrichtenmeldung geht kurz und knapp über die Bühne, wir hören fast nebenbei, zufällig und kaum über die meinungsbildenden großen Medien davon. Länger als ein Jahr, eigentlich seit vielen Jah...
  • Raimon Brete, Chemnitz: Chance vertan Zutiefst enttäuscht und dennoch nicht überrascht hat mich das Scheitern des Abschlusses eines allgemeinverbindlichen Tarifvertrages für Pflegekräfte durch die Verweigerungshaltung der Caritas. Was sin...