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Aus: Ausgabe vom 25.02.2021, Seite 16 / Sport
Japan

Moris Marionette

Olympia in Tokio: Führungswechsel im Organisationskomitee bedeutet vor allem ein »Weiter so«
Von Igor Kusar, Tokio
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Organisationschefin Seiko Hashimoto (l.) begrüßt die Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike

Am vorigen Donnerstag wurde die bisherige Staatsministerin für Olympia, Seiko Hashimoto, von einem rasch zusammengestellten Wahlkomitee zur Organisationschefin der Spiele 2021 bestimmt. Sie folgt auf Yoshiro Mori, der am 12. Februar das Handtuch geworfen hatte, nachdem seine sexistischen Bemerkungen weltweit für einen Aufschrei gesorgt hatten. Der ehemalige japanische Premier hatte nach seinen Äußerungen, Frauen würden in Meetings zu viel reden, kaum Reue gezeigt. So dauerte es mehr als eine Woche, bis Mori den Rücktritt erklärte. Niemand in seinem Umfeld hatte den Mut, den 83jährigen zur Eile zu drängen. Die graue Eminenz der japanischen Politik galt als Gravitationszentrum der Spiele. Er hielt mit seiner Autorität das Projekt trotz Widrigkeiten am Laufen und besaß einen direkten Draht zu allen beteiligten Größen in Japan wie etwa den Präfekturgouverneuren.

Es war nicht der erste Skandal, der dem Image der Spiele Schaden zugefügt hat. So leiteten etwa 2019 französische Behörden eine offizielle Untersuchung wegen Korruption ein, die jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Mit Hashimoto hoffen die Offiziellen in Tokio nun, den Schaden begrenzen zu können. Die Ernennung der 56jährigen ist die logische Reaktion auf die skandalösen Ereignisse, sie ist die Wunschkandidatin der japanischen Politik: weiblich, für japanische Verhältnisse relativ jung und ehemalige Olympionikin mit Bronzemedaille im Eisschnellauf. Mit ihr will man die Wogen glätten und die schlechte Olympiastimmung in der japanischen Bevölkerung verbessern. Mit ihrer Wahl haben die Offiziellen auch klar zum Ausdruck gebracht, dass sie die Spiele unbedingt durchführen wollen – notfalls auch ohne Zuschauer. Neue Impulse beim Organisationsmanagement sind von Hashimoto nicht zu erwarten: Die erfahrene Sportfunktionärin – seit 2006 ist sie Präsidentin des japanischen Eislaufverbandes – gilt als Marionette der Regierung und Schützling von Mori.

Moris autoritäres Verhalten, seine sexistischen Äußerungen und das undurchsichtige Ausleseverfahren im Falle von Hashimoto werfen ein Schlaglicht auf die alltäglichen Verletzungen von Frauenrechten – etwa am Arbeitsplatz –, den Sexismus und die paternalistischen Strukturen in Japan. Im Olympiaorganisationskomitee etwa war das Wort von Mori Befehl, nur der Generalsekretär Toshiro Muto konnte ihm auf Augenhöhe begegnen. Die anderen Mitglieder im Vorstand galten bloß als »Dekoration«. Bezeichnend auch, dass die japanische Politik – in der nur alte Männer das Sagen haben – lange zögerte, Mori direkt zu tadeln. Statt dessen wurde der Skandal kleingeredet, und man bequemte sich erst nach einigen Tagen zu verhaltener Kritik, nachdem die japanischen und internationalen Sponsoren wie etwa Toyota und das Internationale Olympische Komitee (IOC) mächtig Druck auf Mori ausgeübt hatten.

Doch starker Protest kam auch aus der japanischen Bevölkerung. In einer Umfrage sprachen sich 60 Prozent der befragten Japaner für einen Rücktritt Moris aus. In den sozialen Medien war die Entrüstung insbesondere der Frauen groß. Die Frustration, die sich angesichts der ungenügenden Maßnahmen der Regierung gegen die Coronapandemie angestaut hatte, entlud sich im Unmut gegen den Expremier. Außerdem hatte die japanische Frauenrechtsbewegung in den letzten Jahren durch ein stark beachtetes Gerichtsurteil Auftrieb bekommen. Im Dezember 2019 verurteilte ein Gerichtshof in Tokio den bekannten Fernsehjournalisten Noriyuki Yamaguchi zu umgerechnet etwa 25.000 Euro Schadenersatz wegen der Vergewaltigung der Journalistin Shiori Ito – eine Seltenheit in Japan. Das Urteil scheint viele Japanerinnen für das Thema sensibilisiert zu haben. Doch ob der Skandal um Moris Sexismuseklat zu einer entscheidenden Verbesserung des Ansehens der Frauen in der Öffentlichkeit beitragen wird, ist mehr als fraglich. Symptomatisch für die mangelnde Lernfähigkeit der japanischen Männer ist das Fehlen einer klaren Stellungnahme des olympischen Organisationskomitees: Mit keinem Wort wurde während der Wahl von Hashimoto erwähnt, über welche Qualitäten die neue Chefin verfügen muss, um mehr Geschlechtergerechtigkeit zu garantieren.

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