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Aus: Ausgabe vom 27.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Lyrik

Die mündliche Botschaft

Lawrence Ferlinghetti, der letzte Überlebende der Beat Generation, ist gestorben. Ein Nachruf
Von Frank Schäfer
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Unverbesserlich links: Lawrence Ferlinghetti vor seinem Buchladen (2009)

Lawrence Ferlinghetti war einer der maßgeblichen Vertreter der Beat Generation. Wenn Jack Kerouac die Bewegung begründete, war Ferlinghetti ihr Motor. Während sich die etablierten Verlage noch zierten, brachte er die Werke von »Whitmans wilden Kindern« in seinem Verlag City Lights Press heraus, darunter solche Klassiker wie Allen Ginsbergs »Howl«, Frank O’Haras »Lunch Poems«, später auch Charles Bukowskis dicken Erzählungsband »Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness«.

Für »Howl« ging er sogar in den Knast, weil ein paar Bibeltreue glaubten, er habe hier »vorsätzlich und von unanständigen Beweggründen getrieben« eine anstößige Schrift veröffentlicht. Sie meinten natürlich die paar dezenten Hinweise auf Ginsbergs Homosexualität. In dem anschließenden Prozess kann er dem Gericht, unterstützt von namhaften Literaturkritikern wie Kenneth Rexroth, die literarische Bedeutung des Werks verdeutlichen und den Vorwurf der Obszönität ausräumen. Jetzt sind Autor und Verleger berühmt.

City Lights

Es hätte auch ganz anders kommen können. Sein Vater stirbt noch vor seiner Geburt, die überforderte Mutter verschwindet für Jahre in einer Nervenklinik. Tante Emily nimmt ihn zu sich, sie führt ein unstetes Leben, er muss zwischenzeitlich ins Waisenhaus. Schließlich adoptieren ihn wohlhabende Bildungsbüger aus Bronxville, einer Kleinstadt nördlich von New York. Lawrence ist einsam, aber dafür gibt es dort eine erlesene Bibliothek. Mit 16 schreibt er erste Gedichte. Er macht seinen Bachelor in Journalismus und geht mit 22 zur Navy, wo er als Kapitän bei der alliierten Invasion Truppen an die Küste der Normandie transportiert. Ein paar Jahre später sieht er auch noch »die Landschaften der Hölle« von Nagasaki. Das reicht endgültig, um ihn zum glühenden Pazifisten zu machen.

Er studiert englische Literatur an der Columbia-Universität in New York, geht nach Paris an die Sorbonne. Mit einem Doktor in Komparatistik lässt er sich schließlich in San Francisco nieder. Er schreibt für Peter D. Martins Magazin City Lights, und als Martin einen Buchladen gleich unterhalb des Redaktionsbüros aufmachen will, steigt er ein. Der legendäre City Lights Bookstore in North Beach, 261 Columbus Avenue, eine der ersten Taschenbuchhandlungen in den USA, öffnet ihre Türen und wird sofort zu einem Marktplatz des dortigen Undergrounds. Martin zieht es zurück nach New York, also zahlt ihn Ferlinghetti aus und betreibt den Laden allein weiter. Und macht gleich auch noch seinen eigenen Verlag auf. Als erste Amtshandlung bringt er 1955 sein literarisches Debüt, den Gedichtband »Pictures of the Gone World«, auf den Markt. Seine zweite Sammlung »A Coney Island of the Mind« (1958) wird berühmt. Das fünfte Gedicht aus diesem Zyklus steht in allen maßgeblichen US-Anthologien. Es handelt von einem »Zimmermann / aus irgend so ner überholten Gegend wie Galiläa«, der »voll den Durchblick« zu haben glaubt und den man »zum Abkühln« an einen Baum hängt. »Und seitdem basteln sich alle / unentwegt Modelle / von diesem Baum / mit Ihm oben dran / und singen dauernd schmachtend Seinen Namen / und rufen Er soll doch mal runterkommen / und einsteigen / in ihre Combo / als wär er der heiße Typ / der die Kanne blasen muss / ohne den sie’s nicht richtig gebacken kriegen / Nur dass er nicht runterkommt / von Seinem Baum / Hängt da bloß so rum / an Seinem Baum / und sieht ganz schön alle aus / und echt cool / und außerdem / wie’s in den letzten Schlagzeilen / der Spätnachrichten / aus wie üblich unverlässlichen Quellen heißt / echt tot.«

Der Klang der Straße

Dieser Sound ist Programm. Es ist eine konsequent mündliche Sprache. »Die Druckerpresse«, glaubt Ferlinghetti, »hat die Poesie so stumm gemacht, dass wir vergessen haben, welche Macht Dichtung als ›mündliche Botschaft‹ besitzt. Der Klang des Straßensängers wie des Predigers der Heilsarmee ist nicht verächtlich.« Das richtet sich vor allem gegen die akademische Dichtung und ihren Bildungssnobismus, der eine unstudierte Leserschaft absichtlich ausschließt. »Truth is not the secret of a few«, konstatiert er bereits in seinem Debüt »Pictures of the Gone World« und weiß sich damit in der Tradition des Urdemokraten Walt Whitman und seines Enkels im Geiste William Carlos Williams, deren freie Verse er für seine Dichtung fruchtbar macht.

Auch der Jazz hilft als Reaktionsbeschleuniger und poetologisches Muster. Die Attitüde des Improvisierten, aus dem Moment Geborenen bleibt ein offensichtliches Merkmal seiner Lyrik. Er lässt sich aber auch gern von Musikern begleiten, legendär sind die Kollaborationen von Jazz und Lyrik im Nachtklub The Cellar, wo die Hausband ihn unterstützt, seine »Oral messages« unters Volk zu bringen.

Ferlinghetti hat tatsächlich eine Message. Er stellt seine Gedichte immer wieder in den Dienst der politischen Sache und steht an vorderster Front bei Antivietnamkriegsdemos oder Aufmärschen gegen Atomwaffen. Als er mit anderen Friedensaktivisten einen Bus aufhält, der neue Rekruten zur Musterung bringen soll, steckt man ihn ein paar Wochen ins Gefängnis. Das FBI hat da längst eine Akte über ihn angelegt.

Es lag wohl an Ferlinghettis unverbesserlichem linken Engagement, dass ihn die konservativen literarischen Institutionen so lange ignoriert haben. Er war noch Underground, da hatte sich »A Coney Island of the Mind« bereits hunderttausendfach verkauft. Die bedeutenden Auszeichnungen kamen viel zu spät, erst mit 84 wählte man ihn in die American Academy of Arts and Letters. Er hatte es auch nie drauf angelegt. Die Arbeit im Verlag und auch im Buchladen, wo er sich bis zuletzt regelmäßig sehen ließ, war ihm stets wichtiger als die Egonummer im Kulturbetrieb. Bei den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag vor fast zwei Jahren klagte er über seinen Körper, der nicht mehr ganz so wollte wie sein Geist. Am 22. Februar ist Lawrence Ferlinghetti gestorben.

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