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Aus: Ausgabe vom 25.02.2021, Seite 10 / Feuilleton
Zeitgeschichte

»Tausendmal nein!«

Vor 80 Jahren: Angeführt von der Kommunistischen Partei streiken die Niederlande gegen die deutsche Judenverfolgung
Von Gerrit Hoekman
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»Wir streiken gegen die Judenverfolgung, macht ihr mit?« – Judenviertel in Leeuwarden, 1944

»Staakt!!! Staakt!!! Staakt!!!« ruft ein Flugblatt am frühen Morgen des 25. Februar 1941 alle Werktätigen in Amsterdam auf, gegen die deutschen Besatzer aufzustehen: Streikt! Der flammende Appell ist wohl das berühmteste Pamphlet der jüngeren niederländischen Geschichte. Die Communistische Partij van Nederland (CPN) verteilte es. Es ist das Fanal zum »Februarstreik«.

»Seid solidarisch mit dem schwer getroffenen, jüdischen Teil des arbeitenden Volkes«, steht auf dem Papier. »Legt das gesamte Amsterdamer Betriebsleben einen Tag lahm: die Werften, die Fabriken, die Werkstätten, die Büros und Banken, die Gemeindebetriebe und die Arbeitsbeschaffung.« Das Flugblatt wird im Untergrund gedruckt und verteilt. Die deutschen Besatzer haben bald nach ihrem Einmarsch am 10. Mai 1940 die CPN verboten. Lou Jansen, Jan Dieters und Paul de Groot führen die Partei aus dem Untergrund.

Die Königsfamilie und die Regierung sind ins Exil nach London geflohen. Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart hat jetzt das Sagen. In der niederländischen Nationaal-Socialistische Beweging (NSB) mit ihren 85.000 Mitgliedern findet er eifrige und treu ergebene Handlanger. Die WA, die Schlägertruppe der NSB, macht Jagd auf Juden und Kommunisten. Die wehren sich. Es kommt zu wüsten Schlägereien. Bei einer stirbt am 11. Februar ein Nazi.

Im fernen Berlin befiehlt Heinrich Himmler, ein Exempel zu statuieren. Am 22. und 23. Februar fällt die deutsche Polizei in das jüdische Viertel von Amsterdam ein. »Rasend, johlend, prügelnd und schießend stürzten sie sich mit ihrer bewaffneten Übermacht auf die wehrlosen Männer, Frauen und Kinder«, beschreibt die CPN am nächsten Tag auf einem Flugblatt die Ereignisse. Fast 400 Juden werden verhaftet und nach Buchenwald und Mauthausen deportiert, nur zwei von ihnen überleben.

»Arbeitende Bevölkerung von Amsterdam: Könnt Ihr das dulden? Nein, tausendmal nein! Habt Ihr die Macht und die Kraft, diesen abscheulichen Terror in Zukunft zu verhindern? Ja, die habt Ihr!« macht die streikerprobte CPN den Werktätigen einen Tag später Mut. Abends treffen sich mehr als 200 Genossinnen und Genossen kurz auf der Noordermarkt. Es ist nicht schwer, sie zu mobilisieren. Viele Mitglieder der KP sind wie Paul de Groot jüdischer Herkunft. Sie bekommen Pakete mit Flugblättern, die sie in der Stadt verteilen.

»Morgens kam einer von den Kommunisten auf meine Arbeit und sagte: ›Wir streiken gegen die Judenverfolgung, macht ihr mit?‹« erinnert sich die Arbeiterin Semmy Woortman auf der Internetseite des Widerstandsmuseums in Amsterdam. Sie machten mit. Der Februarstreik beginnt im Straßenbahndepot. Gegen Mittag ziehen dann Tausende Werftarbeiter gemeinsam in die Innenstadt. »Schluss mit der Judenverfolgung, weg mit den Nazis, es leben die freien Niederlande!« skandieren sie.

Immer mehr Betriebe, Behörden, Geschäfte, Banken, Kneipen, Kinos und Museen schließen. Geschätzt 60.000 Werktätige legen die Arbeit nieder. Schülerinnen und Schüler verlassen den Unterricht, Studierende die Uni. Am 26. Februar weitet sich der Generalstreik auf Utrecht, Haarlem, Zaandam und Hilversum aus. Das laut Naziideologie »rassenmäßig artverwandte Volk« der Niederlande widersetzt sich der Nazifizierung.

Die Besatzer sind anfangs überrascht, dann eröffnen sie das Feuer. »Auf der Bilderdijkkade wurde ein Junge, der dort mit dem Rad entlang fuhr, einfach so erschossen. Ich sah sein Gehirn gegen einen Baum fliegen«, erzählt Semmy Woortman. Die Nazis drohen in einer Bekanntmachung allen mit der Todesstrafe, die nicht am nächsten Tag wieder auf der Arbeit erscheinen. Die Drohung wirkt. Am 27. Februar ist der Februarstreik beendet. Radio Oranje, das Sprachrohr der Exilregierung, erwähnte den Streik übrigens mit keinem Wort.

Nun beginnt die Rache der Nazis. Hunderte Genossinnen und Genossen kommen in Haft und werden gefoltert. Hermanus Coenradi, Joop Eijl und Eduard Hellendoorn werden am 13. März in den Dünen von Scheveningen mit 15 anderen Widerstandskämpfern standrechtlich erschossen. Willem Kraan richten die Deutschen im November 1941 hin. Die Parteiführer Lou Jansen und Jan Dieters werden im April 1943 aufgespürt und am 9. Oktober ebenfalls ermordet. Paul de Groot kann den Häschern entkommen, seine Frau und Tochter sterben jedoch in Auschwitz.

Der Februarstreik konnte die Judenverfolgung nicht verhindern. Beim Einmarsch der Wehrmacht lebten ungefähr 140.000 Juden in den Niederlanden. 102.000 sind bis zum Ende des Krieges in deutschen Konzentrationslagern umgekommen. Nirgendwo in Europa sind im Verhältnis mehr Juden ermordet worden.

Vielleicht stärkte der Streik aber den Zusammenhalt der Niederländer. Die Solidarität untereinander. Anfang 1943 hielten sich nach Angaben der Internetseite Joods Monument ungefähr 25.000 jüdische Niederländer bei Nichtjuden versteckt. »Wir haben den Selbstrespekt zurückbekommen«, resümiert ein Zeitzeuge in einem aktuellen Podcast des Radiosenders NPO.

Die Bronzeskulptur »De Dokwerker« erinnert an den Februarstreik. Der kernige Hafenarbeiter mit den geballten Fäusten steht am Jonas Daniël Meijerplein, wo nach der Razzia von 1941 die 400 verhafteten Juden stundenlang mit erhobenen Händen vor den deutschen Besatzern knien mussten, bevor sie deportiert wurden. Nach dem Krieg wollten die bürgerlichen Parteien den Kommunisten das Verdienst streitig machen, den Streik organisiert zu haben. 20 Jahre lang gab es deshalb am 25. Februar zwei Gedenkfeiern. 1962 legte auch eine Delegation des VEB Automobilwerk Eisenach am »Dokwerker« einen Kranz nieder.

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Debatte

  • Beitrag von Peter S. aus B. (25. Februar 2021 um 10:01 Uhr)
    Liebe jW-Redakteure, auch auf Euren Computern sind Taschenrechner installiert. Rechnet doch bitte noch mal nach, wieviel 2021 minus 1941 ist und korrigiert wenigstens noch die Onlineausgabe!
    • Beitrag der jW-Redaktion (25. Februar 2021 um 10:20 Uhr)
      Vielen Dank!

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