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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

Viel zu tun

Gewalt und Mobbing: Ruf nach einer zentralen Anlaufstelle »Safe Sport«
Von Andreas Müller
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Wäre ein Fall für ein »Safe Sport«-Zentrum: Freiwasser-Bundestrainer Stefan Lurz (Berlin, 11.8.2014)

Ein Zentrum für »Safe Sport«, wie es die Interessenvertretung »Athleten Deutschland« Mitte dieses Monats in einem Impulspapier vorschlug, hätte derzeit gut zu tun. Diese zentrale und unabhängige Institution solle als Anlaufstelle sowohl zur Aufklärung als auch zur Bekämpfung von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt und Missbrauch im Leistungs- und Breitensport dienen, so die Idee der Initiatoren. In den USA, Kanada, Australien, Holland und mit Beginn dieses Jahres in Belgien existieren nationale Zentren für Missbrauch- und Gewaltopfer im Sport bereits. Die Personalie Stefan Lurz legt ganz aktuell nahe, dass auch in der BRD Bedarf für so eine Institution existiert. Der Bundestrainer im Freiwasserschwimmen ist nach einem Spiegel-Bericht am vergangenen Wochenende von seinem Amt zurückgetreten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Lurz wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen.

Verdachtsfälle im Boxen

Bei Lurz stehen Übergriffe sexueller Natur, psychische Manipulation und Mobbing gegen Sportlerinnen im Raum, während sich der Landessportverband Baden-Württemberg seit dem vorigen Herbst mit gleich mehreren Verdachtsfällen gegen einen Landestrainer im Boxen und zwei weitere Beschuldigte vom Landesboxverband befassen muss, bei denen es um sexuelle Gewalt gegen Schutzbefohlene und um sexuelle Belästigungen geht. Die mutmaßlichen Täter sind inzwischen freigestellt bzw. suspendiert, die Staatsanwaltschaft Heidelberg ermittelt und hat bereits über ein halbes Dutzend mutmaßlich betroffene Athletinnen angehört.

Womöglich käme ein nationales Gremium für »Safe Sport« als »moralisches Gewissen« auch im Falle der Schikanevorwürfe gegen die Chemnitzer Turntrainerin Gabriele Frehse sehr gelegen. Jedenfalls wäre der Gegenstand dort besser aufgehoben als im Sportausschuss des Bundestages, der sich am 24. Februar mit der Personalie befasst und unter anderem die Frage behandeln wird, weshalb die vom Deutschen Turnerbund (DTB) mit einem Hallenverbot belegte Trainerin noch immer nicht das Gutachten der unabhängigen Ombudsstelle des Verbandes in dieser Sache zu Gesicht bekam.

Um dies zu erwirken, hatte sich die Turntrainerin in der Vorwoche sogar an die Ethikbeauftragte des DTB, die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, gewandt. Ein Schritt, der, so Zypries auf jW-Anfrage, »gar nicht nötig gewesen« wäre. Schließlich hätte die Turntrainerin von ihren eigenen Anwälten wissen können, dass eine juristische Entscheidung über die Einsichtnahme in den Untersuchungsbericht »am hessischen Datenschutzbeauftragten hängt«, an den sich Frehse ebenfalls gewandt hatte. In der Quintessenz legt das Gutachten dem Olympiastützpunkt Sachsen als Arbeitgeber nahe, seine Angestellte zu kündigen.

Viel Aufklärungsbedarf

Anders als Lurz scheint Frehse keineswegs an einen freiwilligen Rücktritt zu denken, sondern offensiv gegen die Vorwürfe vorzugehen. Motivierend für sie dürfte sein, dass der Olympiastützpunkt weiteren Aufklärungsbedarf sieht und die Entlassung bisher nicht ausgesprochen hat. Als zusätzliche Ermunterung dürfte sie einen offenen Brief der Eltern ihrer aktuellen Schützlinge am Bundesstützpunkt vom Dezember empfinden. Diese Woche hat sich Frehse selbst mit einem offenen Brief an den Sportausschuss gewandt und sich für »psychische Misshandlungen« entschuldigt, die von einzelnen Turnerinnen so wahrgenommen wurden. Offen bleibt, inwieweit die Vorwürfe moralischer und sportethischer Natur sind und inwieweit justitiabel sprich: arbeitsrechtlich wasserdicht? Drängende Fragen, wie gemacht als Vorlage für die Gründung eines nationalen und unabhängigen Zentrums für »Safe Sport«.

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