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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Ein Ort der Sehnsucht

Die Berliner Musikerin Masha Qrella hat Lyrik von Thomas Brasch vertont
Von Alexander Kasbohm
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Hat eine angemessene Form für die nüchterne Sehnsucht Thomas Braschs gefunden: Masha Qrella

Am 19. Februar, pünktlich zum 76. Geburtstag des 2001 verstorbenen Autors Thomas Brasch, erschien »Woanders«. Der einzig bedauerliche Aspekt an diesem rundum gelungenen Album ist dieser hier: Brasch, der sich zeitlebens eine Vertonung seiner Texte gewünscht hatte, kann es nicht mehr hören.

Doch von vorn. Masha Qrella wurde 1975 in Ostberlin geboren, zu einer Zeit also, als es noch ein Ostberlin gab. Und ein Westberlin. Viele stellen es sich ja so vor, dass Ostberlin langsam von Westberlin überwuchert wurde. Doch das alte Westberlin ist genauso verschwunden wie der alte Osten der Stadt. Ostberlin war, nach DDR-Terminologie, »Berlin, Hauptstadt der DDR«, Westberlin war die Stadt »Westberlin«, eine Exklave des imperialistischen Westens. Und dieses Westberlin oder »Berlin (West)« hatte aufgrund seines besonderen Status eine magische Anziehungskraft auf »Künstlertypen« aus Westdeutschland, die hier den Wehrdienst umgehen konnten. Dieses Berlin gibt es auch schon lange nicht mehr. Masha Qrella (geboren als Mariana Kurella) hat all diese Veränderungen vor Ort miterlebt.

Ein Jahr nach Qrellas Geburt stellte der ostdeutsche Lyriker Thomas Brasch gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Katharina Thalbach und deren Tochter Anna seinen Ausreiseantrag. Brasch war einer der Mitunterzeichner der Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann und die DDR letztlich froh, den Querulanten loszuwerden. Brasch war bereits während seines Journalistikstudiums in Leipzig wegen »Verunglimpfung führender Persönlichkeiten der DDR« aufgefallen, er wurde exmatrikuliert. Im Westen war er wohl ein geschätzter Autor, aber glücklich wurde er auch hier nicht. Er tat sich generell schwer, Regeln zu akzeptieren, die ihm nicht einleuchteten. 2001 starb er an Herzversagen.

Etwa zu der Zeit, als Brasch starb, begann Qrellas Karriere in den Berliner Postrock-Bands Mina und Contriva. Musik ohne Worte, die die Bands auf weltweite Touren führte. Aber Erfolg bedeutet auch in kapitalistischen Zusammenhängen noch lange keine Freiheit. Im Gegenteil: Je größer der Erfolg wurde, um so mehr Geld witterte die Branche, stellte Forderungen. Die Zwänge nahmen zu und nicht ab.

2012 fiel Masha Qrella der Roman »Ab jetzt ist Ruhe« in die Hände, den Marion Brasch, die Schwester von Thomas, geschrieben hatte. Es war für sie einer dieser glücklichen Momente, in denen die Kunst sich nahtlos ins eigene Leben fügt, in denen die Welt des Werkes sich deckungsgleich über die eigene legt. 2019 führte sie erstmals Songs zu Texten von Brasch auf. Begleitet wurde sie an diesem Abend im Theater Hebbel am Ufer von Chris Imler, Tarwater und Andreas Bonkowski, Gäste waren Dirk von Lowtzow, Andreas Spechtl und Marion Brasch. Und in genau dieser Besetzung wurde jetzt auch das Album eingespielt.

Qrella hat eine angemessene Form für die nüchterne Sehnsucht Braschs gefunden. Wo Lyrikvertonungen oft zur Theaterhaftigkeit, zum übertriebenen Pathos neigen, findet sie die Balance zwischen dem Gefühl der Verlorenheit und der Beobachtung der Verlorenheit. Es ist die nicht hinterfragbare Selbstverständlichkeit, mit der Geistes- oder Seelenverwandte gemeinsam Welten bewohnen können. Nichts ist gekünstelt, übertrieben oder mit der Brechstange gewollt. Desillusionierung und Hoffnung, der Glaube an die Möglichkeit eines besseren Lebens spiegeln sich in Qrellas Gesang wie in der Musik, einem zeitgenössischen Elektropop mit der Betonung auf »Pop«.

Es ist die Sehnsucht nach dem »anderen Ort«, die das Album eindrucksvoll einfängt. Nach einem Ort, der vermutlich immer nur »woanders« existieren kann, niemals dort, wo man ist. Ein Ort, der immer ein Ort der Sehnsucht bleiben muss.

Masha Qrella: »Woanders« (Staatsakt/Indigo)

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