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Aus: Ausgabe vom 24.02.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Finanzmärkte

Superzyklus für Spekulanten

Rohstoffpreise gehen durch die Decke. Aussicht auf Wiederanlaufen der Wirtschaft lockt Investoren an
Von Simon Zeise
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Die Nachfrage nach Kupfer ist ungebremst. Lieferanten vor der Freihandelszone Shanghai

Nach der Krise startet die Aufholjagd um entgangene Profite. An den internationalen Rohstoffbörsen ist das Rennen bereits in vollem Gang. Am Montag kletterte der Preis für eine Tonne Kupfer an der Rohstoffbörse in London mit 9.270 US-Dollar (7.634 Euro) auf den höchsten Stand seit zehn Jahren. Der Nickelpreis übersprang erstmals seit etwa sieben Jahren die Marke von 20.000 Dollar je Tonne.

Die Europäische Zentralbank erklärte in ihrem jüngsten Wirtschaftsbericht vom 8. Februar, die Gründe für den starken Preisanstieg von mehr als zehn Prozent für Rohstoffe lägen in der gestiegenen globalen Nachfrage vor allem in China. Kupferpreise stiegen, weil Regierungen Infrastrukturprojekte auflegten und den Bau von Elektroautos förderten, für die viel Kupfer benötigt werde. Lebensmittelpreise stiegen, weil Regierungen Vorräte anlegten und es wegen Trockenperioden in Südamerika Versorgungsengpässe gegeben habe. Der Ölpreis habe im Januar wegen der steigenden Nachfrage zugelegt und weil Saudi-Arabien angekündigt hatte, die Fördermenge um eine Million Barrel (ein Barrel sind 159 Liter) pro Tag zu drosseln.

Rohstoffanalyst Daniel Briesemann von der Commerzbank sieht hingegen Spekulanten am Werk. Gegenüber jW erläuterte er am Dienstag, dies gehe aus Daten der US-Terminbörsenaufsicht CFTC hervor. »Sie bilden die Marktpositionierung spekulativer Finanzinvestoren ab.« Das sind institutionelle Anleger, also Großinvestoren. »In diesen Statistiken ist zum Beispiel klar ein Anstieg von Wetten auf steigende Preise bei Öl zu beobachten. Bei Kupfer hingegen ist das noch nicht so ausgeprägt, wir vermuten es hier aber stark. Denn es fällt uns schwer, den Preisanstieg nur rational zu begründen«, so Briesemann.

Banken bieten Spekulationsinstrumente passgenau an. Die Schweizer Großbank UBS etwa hat diesen Monat einen börsengehandelten Fonds (Exchange-Traded Fund, ETF) aufgelegt. Es werden jeweils die Energierohstoffe Öl und Gas sowie die Industriemetalle Aluminium, Zink, Nickel und Kupfer berücksichtigt. Ziel sei die Maximierung der Rendite durch Handelsstrategien, »bei denen Zins- oder, wie in diesem Fall, Zeitwertdifferenzen ausgenutzt werden«, teilte die Deutsche Börse am 11. Februar mit.

Banker von Goldman Sachs und J. P. Morgan sprechen bereits von einem »Superzyklus« bei Rohstoffen. Die kommenden »goldenen 20er Jahre« werden von einer lockeren Geld- und Fiskalpolitik, einem schwachen US-Dollar und einer stärkeren Inflation begleitet sein, teilte J. P. Morgan am 10. Februar mit.

Der letzte »Superzyklus« startete Anfang der 2000er und endete mit der Finanzkrise 2008. Wegen der lockeren Kreditvergabe waren die Rohstoffpreise in dieser Zeit durch die Decke gegangen. Um das Ausmaß zu illustrieren, hob die Financial Times am vergangenen Dienstag hervor, dass das global eingesetzte Kapital für Fusionen und Übernahmen von Minenbetreibern zwischen 2002 und 2007 von zehn Milliarden auf 150 Milliarden US-Dollar gestiegen war. Im vergangenen Jahrzehnt habe sich das Blatt dann gewendet: Der Ausbau der US-Schieferölindustrie, ein starker Dollar, Handelskriege und der sinkende chinesische Konsum hätten zu einem Preisverfall geführt. Augenscheinlich sei dies in den negativen Ölpreisen im vergangenen April gewesen.

Die Aussicht auf ein Ende des Shutdowns gebe Schub für einen neuen Superzyklus. Trotz der gewinnträchtigen Aussichten seien derzeit nur relativ wenige Investoren in der Branche aktiv. So mache der Energiesektor nur drei Prozent der im Standard & Poor’s 500 gelisteten US-Konzerne aus. Daraus ergebe sich Spielraum für Fonds: Denn das in Aktien angelegte Kapital habe in den vergangenen zehn Jahren erheblich zugenommen, während Investitionen in den Energiesektor deutlich zurückgegangen seien. Schon eine kleine Umschichtung könne zu einem »übergroßen Schritt« führen, frohlockten die J.-P.-Morgan-Banker.

Einen Tipp, den die schwersten Finanzhaie beherzigen. Warren Buffett ist zum Beispiel im Februar mit 4,1 Milliarden Dollar eine Beteiligung beim US-Ölmulti Chevron eingegangen. »Energiewende« ist Kapitalisten ein Fremdwort.

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