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Verspießern/Entspießern

Von Helmut Höge
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Trotz diverser Distanzmaßnahmen ließen wir uns neulich zu fünft lang und breit über die sozialen Auswirkungen von Corona aus. Dabei kamen wir nicht auf die z. T. erschreckende Ängstlichkeit vieler Leute zu sprechen, deren gerauntes Credo da lautet: »Nach Corona wird nichts mehr so sein, wie es war« – ein ähnliches Mantra wie zuvor das »Wir müssen uns neu erfinden«. Nein, es ging uns um die Verspießerung infolge der Pandemie und der Gegenmaßnahmen, denn es schien uns, dass nur die Verheirateten oder Quasiverheirateten (Paare mit und ohne Kinder) gute Überlebenschancen haben. Und zwar solche, bei denen der oder die eine noch täglich in einer Firma arbeitet und der oder die andere zu Hause bleibt. Nach Feierabend ruft er oder sie dann vom Supermarkt aus an und fragt, was für das Abendessen noch eingekauft werden muss, das der oder die andere dann zu Hause zubereitet. Selbst die modernsten und politisch korrektesten Paare würden sich derzeit auf dieses spießige Minimalfamilienmodell zurückgeworfen fühlen – und es gutheißen. Statt Plädoyers für Polyamorie wird jetzt ein Buch nach dem anderen über Corona veröffentlicht!

Zu diesem erzwungenen Kleinfamilienkonzept fiel einem am Tisch das Buch »Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft« des früheren FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher (1959–2014) ein. Es war 2006 veröffentlicht worden und galt als ebenso konservativ wie frauenfeindlich. Im Wikipedia-Eintrag über das Buch des früh verstorbenen Hype-Feuilletonisten steht: »Der Titel ›Minimum‹ verweist auf Schirrmachers Analyse der Folgen der Auflösung der Familie als ›Keimzelle der Gesellschaft‹ und damit der Schrumpfung sozialer Beziehungen auf ein Minimum. Die soziale Überlegenheit der ›Überlebensfabrik Familie‹ in Notzeiten lässt sich seiner Argumentation nach besonders mit einem amerikanischen Mythos belegen: der Tragödie der Siedler am Donnerpass, wo überwiegend ›Einzelkämpfer‹ ohne familiäre ›Blutsbande‹ im Schneesturm zu Tode kamen, Familienmitglieder hingegen überlebten.«

Unter dem Eintrag »Donnerpass« erfährt man: 1864 machten sich 87 Siedler auf den Weg in den Westen der USA, der Führer ihres Trecks hieß George Donner. Aufgrund einer Fehlentscheidung von ihm wurden sie in den östlichen Bergen der Sierra Nevada vom Winter überrascht. Etwa die Hälfte von ihnen starb, die andere Hälfte überlebte nur deswegen, weil sie Teile der Gestorbenen aßen, darunter die Ureinwohner Luis und Salvador, »sie wurden erschossen«. Zuletzt war nur noch eine Handvoll Siedler übrig. »Der Donner Memorial State Park nahe dem Ostufer des Donner Lake erinnert an die Katastrophe. Die Stelle, an der die Familie Donner am Alder Creek lagerte, wurde zur National Historic Landmark erklärt.«

Schirrmacher machte aus diesem Irrsinnstreck ein Plädoyer für die Kleinfamilie, die einzig das Überleben im sozialen (und nun zudem pandemischen) Winter ermöglicht, alle allein oder in Gruppen Lebenden gehen zugrunde. Seine Ehefrau Angelika Klüssendorf, mit der er ein Kind hatte, ließ sich von diesen kühnen Gedanken jedoch nicht überzeugen und reichte die Scheidung ein. Jahre später schrieb sie über ihre »schwierige Ehe« und den darauffolgenden »Scheidungskrieg« einen Roman: »Jahre später« (2018).

Was Schirrmacher in seiner Analyse der Siedlertragödie am Donnerpass vernachlässigte, war dass die (Ehe-) Paare nur deswegen überlebten, weil sie die Nichtverpaarten aßen. Und zwar, indem einer das Fleisch besorgte, während der andere dann am Lagerfeuer das Essen zubereitete. Diese aus Europa stammenden Siedler aßen nämlich nichts Rohes.

Damit wäre Schirrmachers Plädoyer für die Kleinfamilie jedoch erst realistisch geworden, wie wir jetzt während der Coronarestriktionen im Winter 2020/21 sehen. Wobei es die heutigen Liebes- oder Ehepaare zum Glück nicht mehr nötig haben, auf das magere Fleisch von Singles zurückzugreifen: In den Kühltruhen der Supermärkte finden sie einstweilen noch genügend Hähnchen- und Putenfilets, Rindersteaks und Lammlachsstreifen. Auch Fisch, frisch und in Dosen, ist noch genug da.

Man kann sagen: Angelika Klüssendorfs Erzählung über ihre Ehe mit Schirrmacher ist weitaus näher an der Wirklichkeit als dessen Interpretation der Donnerpass-Tragödie – wenn man den Kannibalismus der Siedler nicht als Entspießerung ihres »Go West«-Kitsches ansieht. Über ihr Buch »Jahre später« heißt es auf Amazon: Die Autorin entwickelt darin die »Anatomie einer toxischen Partnerschaft. Als Leser wünscht man bis zuletzt, dass es gelingen möge, und zugleich, dass es endlich ein Ende hat mit den beiden.« Was dann ja auch der Fall war. Aber immerhin entgingen die beiden dadurch den Durchhalte-»Werten des Bürgertums« – wie man »Spießertum« definieren könnte.

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