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Aus: Ausgabe vom 23.02.2021, Seite 5 / Inland
Folgen der Pandemie

Mit Vollgas in die Ausbildungskrise

Immer weniger Lehrstellen in BRD wegen Coronakrise. Fachkräftemangel befürchtet
Von Raphaël Schmeller
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Vor allem kleine Betriebe wollen ihr Angebot an Ausbildungsplätzen verringern

Das Problem ist nicht neu, doch die Coronapandemie verschärft die Lage dramatisch: In der BRD gibt es zuwenig Lehrstellen. Der deutsche Ausbildungsmarkt steuert deshalb auf eine Krise zu, warnen nun Forscher in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die am Montag in Berlin gemeinsam mit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vorgestellt wurde. Demnach könnte jeder zehnte Betrieb zum neuen Ausbildungsjahr weniger Lehrstellen anbieten als noch im Vorjahr. »Die Studie des IAB lässt hier einen weiteren Einbruch erahnen, vor allem in Branchen, die besonders von Corona betroffen sind«, erklärte Ansgar Klinger, GEW-Vorstandsmitglied für den Organisationsbereich Berufliche Bildung und Weiterbildung, am Montag im Gespräch mit jW. »Wir befürchten, dass der Anteil der jungen Menschen wachsen wird, die keine Ausbildung machen können.«

IAB-Direktor Bernd Fitzenberger sagte am Montag gegenüber dpa, man sei im vergangenen Jahr mit einem blauen Auge davongekommen. Die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze habe um acht bis zehn Prozent unter dem Vorjahresniveau gelegen – und auch die Zahl der Bewerber sei gesunken. »Die Jugendlichen konnten viel schwerer erreicht werden«, erklärte Fitzenberger. Es habe keine Praktika gegeben, Ausbildungsmessen hätten im Internet stattfinden müssen. Doch angesichts der anhaltenden Krise sei zu befürchten, dass sich diese Situation im kommenden Ausbildungsjahr noch einmal verschlechtere.

Vor allem kleine Betriebe, die von der Pandemie besonders stark betroffen sind, würden ihr Angebot an Ausbildungsplätzen verringern wollen, so die Forscher. Rund jeder vierte dieser Betriebe gebe an, sein Ausbildungsplatzangebot coronabedingt zurückfahren oder ganz einstellen zu wollen. Das Gastgewerbe ist am stärksten von diesem Rückgang betroffen. Hier werden laut Studienergebnisse 28 Prozent der Betriebe weniger oder gar keine Ausbildungsplätze besetzen. Von ausbildungsberechtigten Kleinstbetrieben (ein bis neun Beschäftigte) geben 14 Prozent an, weniger auszubilden, während bei den größeren (250 und mehr Beschäftigte) nur sechs Prozent diese Angabe machten. In der Studie wurden die Unternehmen, die ihr Angebot an Ausbildungsplätzen im kommenden Ausbildungsjahr einschränken oder einstellen wollen, nach den Gründen dafür befragt. 93 Prozent erklären dies mit unsicheren Geschäftserwartungen, 71 Prozent geben finanzielle Gründe an.

Für Klinger von der GEW sind die Leidtragenden dieser Situation in erster Linie die betroffenen Jugendlichen: »Es ist ein gesellschaftlicher Skandal, dass 1,5 Millionen Menschen zwischen 25 und 34 Jahren keine Berufsausbildung haben«, beklagte er. Ihnen werde dadurch gesellschaftliche Teilhabe verwehrt. Sie würden außerdem ökonomisch ausgegrenzt. »Wir fordern deshalb eine Ausbildungsgarantie wie sie beispielsweise in Österreich praktiziert wird. Über- und außerbetriebliche Ausbildung erhalten einen höheren Stellenwert.«

Die IG Metall befürchtet nicht nur, dass viele Jugendliche auf der Strecke bleiben. »Mittelfristig werden die Betriebe bei einer Verbesserung der Konjunktur einen Fachkräfteengpass spüren«, warnte die Gewerkschaft am Montag in einem Statement gegenüber jW. »Wenn Betriebe heute nicht ausbilden und Auszubildende übernehmen, dann werden sie morgen dringend benötigte Fachkräfte extern einstellen und qualifizieren müssen. Vergangene Krisen haben gezeigt, dass dies dann teurer wird«, heißt es weiter. Die derzeitigen Maßnahmen würden außerdem nicht ausreichen, um nachhaltig Ausbildungsplätze zu sichern. »Eine gesetzliche Ausbildungsgarantie, gekoppelt an ein Umlagefinanzierungsmodell, wäre eine echte Strategie, um langfristig die Ausbildungsbereitschaft zu steigern«, so die IG Metall.

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