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Aus: Ausgabe vom 20.02.2021, Seite 10 / Feuilleton
Dokuserie

Chronik eines angekündigten Todes

Am 21. Februar 1965 wurde Malcolm X erschossen. Eine Netflix-Serie sucht nach den wahren Hintergründen des Attentats
Von Hannes Klug
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Tödlich verwundet: Malcolm X nach dem Attentat (New York, 21.2.1965)

Es war der 21. Februar 1965, ein Sonntag, als Malcolm X zu seinem letzten öffentlichen Auftritt im Audubon Ballroom im New Yorker Stadtteil Harlem das Podium betrat. Der Saal war voll besetzt, doch Malcolm X kam nicht über die Begrüßung hinaus. Gleich mehrere Attentäter, die sich unters Publikum gemischt hatten, eröffneten das Feuer auf ihn, die Kugeln trafen den Aktivisten und Bürgerrechtler tödlich, er verblutete noch an Ort und Stelle. Eine der wichtigsten Stimmen des Schwarzen Amerika und einer der größten Hoffnungsträger für ein Land, in dem behördlicher wie alltäglicher Rassismus einen großen Teil der Bevölkerung erstickten, war mit Gewalt zum Schweigen gebracht worden. Er war zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt, hinterließ seine Frau Betty Shabazz, vier Kinder und ein Vermächtnis, das bis heute People of Colour und Betroffene von Rassismus auf der ganzen Welt inspiriert und ermutigt.

Singuläre Bedeutung

Die Umstände seines Todes warfen seinerzeit viele Fragen auf, von denen die meisten unbeantwortet blieben, und mehr als das: Inzwischen gilt als unbestritten, dass zwei der drei angeblichen Attentäter, die ein New Yorker Gericht im darauffolgenden Jahr verurteilte, nicht einmal vor Ort waren und unschuldig bis zu 20 Jahre im Gefängnis verbrachten – ganz so, als wollten Polizei und Justiz die Gesetzlosigkeit, die Malcolm X in seinem Land brandmarkte, ein weiteres Mal bekräftigen. Niemand schien sich für die wahren Hintergründe des Verbrechens zu interessieren, und niemand machte sich dafür stark, sie aufzuklären. Selbst als der einzige gefasste und geständige Attentäter Thomas Hagan in einer schriftlichen Aussage schließlich seine vier Mittäter namentlich nannte, löste das in der von Weißen beherrschten breiten Öffentlichkeit kaum mehr als ein Schulterzucken aus. Der Fall war längst abgeschlossen.

Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis es jemandem gelang, tief genug in Akten, Verhöre und Überwachungsprotokolle einzusteigen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen und den Fall, dessen Zusammenhänge vom FBI wie von der New Yorker Polizei verschleiert wurden, neu aufzurollen. Der Journalist, Autor und Historiker Abdur-Rahman Muhammad sichtet Archive, fordert Unterlagen an, studiert Aussagen und behördliche Korrespondenzen, macht Augenzeugen ausfindig und spürt so eine Fülle an verschollenen Hinweisen auf, die sich nach und nach zu einem immer schärfer werdenden Bild dessen zusammenfügen, was an jenem verhängnisvollen 21. Februar tatsächlich geschehen ist. Die sechsteilige dokumentarische Netflix-Serie »Who killed Malcolm X?« folgt diesen jahrelangen Nachforschungen mit der Spannung und Intensität eines True-Crime-Thrillers, vor allem aber auch liefert sie in der Geschichte von Malcolm X selbst das tiefgründige Porträt einer historischen Persönlichkeit, deren Stellung im Kampf um Bürgerrechte und Gleichberechtigung für die Schwarze Bevölkerung bis heute singulär geblieben ist.

So lauten die noch wichtigere Fragen jenseits derjenigen nach den wahren Mördern, wer Malcolm X war und wie der Kampf um Rechte Schwarzer eine Zeit prägte, die zumindest ihr vorübergehendes Ende in brutaler Gewalt fand. Sicher, die Serie erzählt auch den seit der von Alex Haley 1964 niedergeschriebenen Lebensgeschichte und deren Verfilmung durch Spike Lee 1992 weithin bekannten Weg des Bürgerrechtlers vom Drogendealer, Zuhälter und Kleinkriminellen, der Malcolm X in jungen Jahren war, über seine Gefängnisstrafe und die Bekehrung zum Islam anhand von Material, das einen emotionalen Einblick in dessen Werdegang und Motivation eröffnet, noch einmal nach. So wird jedoch auch zunehmend deutlich, wie seine charismatische Persönlichkeit und seine religiöse Selbstfindung als Black Muslim in der hierarchisch organisierten »Nation of Islam« ihn zu einer immer größeren Bedrohung für das weiße Amerika, paranoid abgeschirmt durch das FBI unter J. Edgar Hoover, werden ließen. So wie es der Islam seinen schwarzen Anhängern gestattete, sich neu zu erfinden und eine Identität einzuklagen, die von der weißen Geschichte der Sklavenhaltergesellschaft unabhängig war, so klagte Malcolm X weiße Bigotterie und Heuchelei an und trat kompromisslos und unversöhnlich für Selbstbestimmung und Wehrhaftigkeit der Schwarzen ein, die gleichwohl – entgegen vielen Anfeindungen – nicht Gewalt verherrlichte, sondern auf dem Prinzip der notwendigen Selbstverteidigung basierte.

Viele Feinde

Die Ausstrahlung von Malcolm X, seine Furchtlosigkeit und seine scharfsinnige und allzeit unbestechliche Art zu argumentieren, sein süffisanter Humor und sein feines, herausfordernd strahlendes Lächeln machten ihn für viele zu einer Heldenfigur, die weit über dem politischen Alltag schwebte. Die mal missgünstige, mal hasserfüllte und immer öfter gewalttätige Abneigung gegen ihn beschränkte sich dabei nicht auf Weiße: Er überwarf sich mit Elijah Muhammad, dem Anführer der »Nation of Islam«, und gründete die Organization of Afro-American Unity (OAAU), um eine internationale, im Idealfall weltweite Bewegung schwarzen Denkens und schwarzer Solidarität zu erschaffen. Gleichzeitig brach ihm jedoch die Unterstützung in der eigenen Gemeinde weg, und aus dem feigen Anschlag auf sein Leben wurde so etwas wie die Chronik eines angekündigten Todes, den er selbst am deutlichsten kommen sah.

Was fortlebt

Noch etwas wird durch die unermüdlichen Nachforschungen von Abdur-Rahman Muhammad deutlich: Die Lügen und Vertuschungen der Behörden haben nicht nur Geschichte gefälscht, sondern sie haben Leben zerstört. Muhammad Abdul Aziz, zum Zeitpunkt seiner unrechtmäßigen Verurteilung Vater von sechs Kindern, hat seine Familie und 20 Jahre seines Lebens verloren, während die wahren Mörder niemals auch nur zu ihren Taten befragt wurden. Wie groß der Verlust von Malcolm X war, wird an der Trauer all derer deutlich, in deren Leben er eine nicht zu füllende Lücke hinterließ, und am Zusammenbruch eines politischen Diskurses, den er unerschrocken wie kein zweiter geführt hat. Trotz seines viel zu frühen Endes: Die Errungenschaften und die Bedeutung seiner Lehren für heutige emanzipatorische Bewegungen wie »Black Lives Matter« lassen sich nicht hoch genug einschätzen. Das Versprechen seines Kampfes lebt fort.

»Who killed Malcolm X?«, USA 2020, sechs Folgen à 43 Min., bei Netflix

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