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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Zentralamerika

Fehlstart ins neue Jahrhundert

Imposante Leistung: Peter Gärtners Standardwerk über Geschichte und Gegenwart Zentralamerikas
Von Dieter Boris
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Vertreter der Frente Sandinista de Liberación Nacional kurz vor dem Sturz der Somoza-Diktatur (7.7.1979)

Während in den 1970er und 1980er Jahren des vorigen Jahrhunderts bestimmte politische Ereignisse in zentralamerikanischen Ländern häufig auch in den Medien der Bundesrepublik an prominenter Stelle auftauchten (insbesondere solche mit Bezug zu den »Bürgerkriegen« in Nicaragua und El Salvador), finden sich seit etwa drei Jahrzehnten nur noch in Ausnahmefällen (bei Naturkatastrophen oder im Falle von Karawanen verzweifelter Migranten, die in die USA wollen, bei Gewalt- und Kriminalitätsexzessen usw.) ausführlichere Berichte aus den Ländern »zwischen zwei Kontinenten«.

Um so begrüßenswerter ist es, dass nun ein umfangreiches und äußerst solides Werk zu Zentralamerika von dem Leipziger Lateinamerika-Experten Peter Gärtner herausgebracht wurde. Das fast tausend Seiten umfassende, reichhaltig und liebevoll ausgestaltete De-facto-Handbuch versucht, die Region Zentralamerika sowohl als Einheit und Gesamtheit als auch die jeweiligen Länder in ihren Besonderheiten sachlich zu beschreiben und vertieft zu analysieren. Während – nach einem ersten einführenden Überblickskapitel – das zweite und dritte Kapitel den wichtigsten historischen Etappen gewidmet ist (vorkoloniale und koloniale Zeit, Unabhängigkeitsperiode und Weltmarkteinbindung im 19. Jahrhundert), behandelt das vierte Kapitel vier »Modernisierungsanläufe«, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben – »und ihr Scheitern«.

Es werden hier verschiedene Demokratisierungsversuche nach dem Zweiten Weltkrieg mit unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Ergebnissen thematisiert. Neben dem relativ positiven Ausnahmefall Costa Rica – auf der Basis besonderer gesellschaftlicher Ausgangsbedingungen – steht das Scheitern der guatemaltekischen Revolution (1944–1954) vor allem infolge tatkräftiger US-Unterstützung für die Konterrevolutionäre im Mittelpunkt. Die revolutionären Wellen der 70er und 80er Jahre, die von bedeutenden Guerillaaktivitäten vor allem in Nicaragua, El Salvador und Guatemala begleitet waren, werden minutiös analysiert und bewertet. Auch hier waren die Ergebnisse durchaus heterogen: Von einem zunächst zeitweisen (1979–1990) Erfolg der sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) in Nicaragua über eine quasi Pattsituation in El Salvador (festgeschrieben im Friedensvertrag von 1992) bis hin zu einem Fehl- und Rückschlag in Guatemala, der mit Massenmorden an der indigenen Bevölkerung einherging. Der Friedensvertrag zwischen dem Präsidenten und der führenden guatemaltekischen Guerillaorganisation URNG wurde 1996 unterzeichnet.

Das vorletzte Kapitel ist mit »Fehlstart ins 21. Jahrhundert« überschrieben und konzentriert sich unter anderem auf die seither forcierte Ressourcenplünderung, die ansteigenden Migrationswellen sowie die »Selbstmodernisierung der Oligarchie« einerseits und die wachsende Opposition gegen Megaprojekte und Extraktivismus, die sich weiter entfaltende Indigenen-, Frauen- und Ökologiebewegung andererseits. Das letzte, sechste Kapitel schließlich resümiert auf einem theoretisch hohen Niveau noch einmal die Verläufe und Resultate der jüngeren historischen Entwicklung und wagt einen nüchternen Blick in die nahe Zukunft. Die – auch innerhalb der Linken insgesamt recht unterschiedlich beurteilten – neuesten Entwicklungen in Nicaragua werden beispielhaft mit einigen, hierzulande wenig bekannten Differenzierungen thematisiert.

Das imposante Werk Gärtners enthält natürlich viel mehr, als sich in einem sehr kurzen Überblick darstellen lässt, so etwa auch Einzelstudien über neue »Akkumulationsachsen« in Zentralamerika und regionale Konzentrationsprozesse im Bankensektor, die als Beispiel besonders innovativer Forschungsansätze angesehen werden können. Gleichzeitig ermöglichen das sehr detaillierte Inhaltsverzeichnis, die Chronologie am Ende, ein Glossar, viele Tabellen und Karten einen auswählenden Zugriff beim Lesen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis von fast siebzig Seiten erspart den Gang in eine Spezialbibliothek.

Kurzum, es handelt sich um eine herausragende Studie, die von »Laien«, Studierenden und »Experten«, die an Zentralamerika interessiert sind, gleichermaßen mit großem Gewinn gelesen werden kann.

Peter Gärtner: Zwischen zwei Kontinenten. Geschichte und Gegenwart Zentralamerikas. Aschendorff, Münster 2020, 943 Seiten, 88 Euro

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