Onlineabo Frieden & Journalismus
Gegründet 1947 Montag, 1. März 2021, Nr. 50
Die junge Welt wird von 2466 GenossInnen herausgegeben
Onlineabo Frieden & Journalismus Onlineabo Frieden & Journalismus
Onlineabo Frieden & Journalismus
Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 12 / Thema
Malcolm X

Ein Unbeugsamer

Vor 56 Jahren wurde Malcolm X ermordet. Das neue Buch über den Freiheitskämpfer von Leslie Payne ist so beeindruckend wie das Leben des Biographen
Von Jürgen Heiser
imago0077971920h.jpg
»Unsere Freiheit kann nicht warten!« Malcolm X verdeutlicht auf einer Protestveranstaltung in New York seine Botschaft mit einer Zeitung der »Nation of Islam« (27.7.1963)

Am gestrigen Sonntag war es auf den Tag genau sechs Jahre her, dass an dieser Stelle an die Ermordung des afroamerikanischen Freiheitskämpfers Malcolm X vor 50 Jahren erinnert wurde.¹ Im New Yorker »Malcolm X & Dr. Betty Shabazz Memorial and Educational Center« fand am Nachmittag (Ortszeit) ebendieses 21. Februar 2015 eine Veranstaltung statt, in der sich die Versammelten gemeinsam der Dramatik des Februartages im Jahr 1965 erinnerten. Sie diskutierten die These »Wenn du schwarz bist, bist du im Gefängnis geboren« aus einer der öffentlichen Reden von Malcom X von 1964, ein Jahr vor seiner Ermordung. Und dass der »amerikanische Traum« für den ehemaligen Sprecher der »Nation of Islam« (NOI) ein Alptraum war, es aber auch für die Weißen keinen Frieden gebe, »ohne eine Abrechnung mit den Sünden der Sklaverei und der fortgesetzten Gewaltanwendung gegen die Nachkommen der aus Afrika verschleppten Sklaven«. Sie würdigten die Bedeutung, die El-Hajj Malik El-Shabazz nach wie vor für die schwarze Befreiungsbewegung hatte. Diesen Namen hatte der zum Islam Konvertierte Malcolm X seit seinem Hadsch, seiner Pilgerfahrt nach Mekka, angenommen.

Das im Gedenken an den Menschenrechtsaktivisten sowie seine 1997 verstorbene Ehefrau und Kampfgefährtin Betty Shabazz errichtete Begegnungs- und Bildungszentrum versteht sich als Ort, an dem die vielfältigen Stränge der Erforschung des politischen Vermächtnisses von Malcolm X und der historischen wie aktuellen Freiheitsbewegung der afroamerikanischen Bevölkerung zusammenlaufen. Nicht zufällig ist das Center in dem Gebäude untergebracht, in dem Malcolm X vor den Augen seiner Frau und ihren vier Töchtern auf offener Bühne von gedungenen Mördern erschossen wurde, dem Audubon Ballroom in Manhattans Stadtteil Washington Heights.

Das nördlich von Black Harlem befindliche Konzert- und Veranstaltungsgebäude war nach dem Mord an Malcolm X geschlossen und im Laufe vieler Jahre dem Verfall preisgegeben worden. Auf Initiative von Betty Shabazz sollte es ausgebaut und als Sitz der Stiftung »Malcolm X Educational Foundation« neu eröffnet werden. Im Geiste ihres Mannes sollte es in ein Zentrum für internationale Konferenzen und Bildungsarbeit zu den Menschenrechten verwandelt werden. Die Verhandlungen mit der Stadt New York und anderen interessierten Institutionen zogen sich jedoch sehr lange hin, so konnte die Stiftung das Center erst nach dem Tod von Betty Shabazz am 19. Mai 2005, dem 80. Geburtstag von Malcolm X, eröffnen.

Zur »Mission« des Center heißt es auf seiner Website, sie sei »verwurzelt in unserem festen Glauben an Black Power, an unsere Chancen und unsere Souveränität«. Das Shabazz Center fördere »den Gedankenaustausch über die Gleichheit der Ethnien, über Gerechtigkeit und kulturelles Schaffen im Geiste von Malcolm X und Dr. Betty Shabazz«. Begriffe wie »Integrität, Würde, Gemeinschaft, Gleichheit, Gerechtigkeit und Internationalismus« seien zentral in der Arbeit des Shabazz Center.²

Eine neue Perspektive

Seit Jahren veröffentlicht das Shabazz Center regelmäßig eine Bestsellerliste, die dauerhaft von der 1965 erschienenen und von Alex Haley herausgegebenen Autobiographie von Malcolm X angeführt wird. Das Buch ist ein Bestseller nicht nur in den USA, sondern ein Klassiker der Weltliteratur. Überraschend machte am 17. Dezember 2020 eine Neuerscheinung einen gewaltigen Sprung nach vorn auf Platz sechs der Liste: »The Dead are Arising. The Life of Malcolm X« von Leslie »Les« Payne, posthum herausgegeben von seiner Tochter Tamara Payne. Einen Tag nach dem Neueinstieg auf der Bestsellerliste klärte sich auf, um welches Buch genau es sich handelte. Auf seinem Twitter-Account postete das Shabazz Center einen Artikel über ein Interview, das Chefredakteur Tom Beer vom New Yorker Büchermagazin Kirkus Reviews mit der in Black Harlem lebenden 53jährigen Tamara Payne geführt hatte.³

Nun erfuhr man, dass Les Payne, ein mit dem US-amerikanischen Pulitzer-Preis ausgezeichneter Journalist, fast drei Jahrzehnte lang »mit großen Leidenschaft« an der neuen Biographie über Malcolm X gearbeitet hatte. Der Autor war jedoch am 19. März 2018 im Alter von 76 Jahren unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben, noch bevor er die letzte Fassung seines Werkes druckfertig machen konnte. Seine Tochter Tamara hatte das Projekt fast von Beginn an durch Recherchen unterstützt, 2016 gab sie sogar ihren Angestelltenjob auf, um sich in Vollzeit darum zu kümmern. Der plötzliche Tod ihres Vaters sei sehr hart für sie gewesen, erklärte Tamara Payne dem Interviewer. Nach Überwinden des ersten Schocks sei ihr einziger Gedanke dann gewesen, wie sie es schaffen könnte, das Buchprojekt im Sinne ihres Vaters und auch in seinem Sprachduktus zu Ende zu bringen. »Ich wollte, dass seine Stimme in diesem Buch erklingt«, betonte sie.

Der Kirkus-Rezensent Beer sah »The Dead Are Arising« (»Die Toten erheben sich«) durchweg »anders als alle bisher erschienenen Biographien über Malcolm X«. Der Autor habe es aus einer anderen Perspektive geschrieben. »Les Payne war ein altgedienter Zeitungsmann – ein investigativer Reporter, Kolumnist und Redakteur, dessen Leistungen in der Newsday-Redaktion legendär waren.« Für die in Queens und Long Island verbreitete Tageszeitung hatte Payne hauptberuflich gearbeitet, bis er 2006 in den Ruhestand ging. Er habe die Biographie »auf einem Fundament von Interviews aufgebaut«, habe Hunderte von Stunden damit verbracht, »sorgfältig Beziehungen zu den Menschen aufzubauen, die Malcolm kannten«, und lange Gespräche mit ihnen zu führen. Auf diese Weise habe er herausgearbeitet, »was Tamara die ›Farben und Strukturen‹ der Biographie nennt«, so Beer. »Er liebte den Journalismus«, sagte Tamara Payne über ihren Vater. Sein Buch sei »Journalismus auf höchstem Niveau«.

Kirkus bewertete das Buch der Paynes als eine »großartige Biographie und unverzichtbare Ergänzung der Bibliothek des afroamerikanischen politischen Engagements«. Gerade in dem Jahr, in dem nach dem Mord an George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz die Diskussion über den Rassismus in den USA wieder aufflamme, sei es »schwer, keine Verbindung zwischen Malcolm X und dem Aktivismus von ›Black Lives Matter‹ herzustellen«, so Tom Beer. Und für Tamara ­Payne »spricht Malcolm genau in diesem Moment sehr viele Menschen an und macht eine Menge klar«.

Das 612 Seiten starke Werk »The Dead Are Arising« erschien in den USA am 20. Oktober 2020 im Verlag W. W. Norton & Company, dem größten US-Buchverlag, der seit seiner Gründung im Jahre 1923 konzernunabhängig geblieben ist und sich in Belegschaftsbesitz befindet. Im Vereinigten Königreich und somit weiten Teilen des ehemaligen britischen Empires erschien eine Edition bei Penguin Books, die europäische Leserinnen und Leser, die das gedruckte Buch dem E-Book vorziehen, leichter bestellen können.⁴

Die Medien nahmen das Werk indes erst wirklich zur Kenntnis, nachdem es am 18. November 2020 mit dem »National Book Award« in der Sparte Sachbuch ausgezeichnet worden war. Les und Tamara Payne hätten sich »einer vereinfachten Darstellung von Malcolm X, einem der größten und am meisten missverstandenen US-Amerikaner unserer Zeit, verweigert«, heißt es in der Würdigung der National Book Foundation. Das »intensiv menschliche Porträt« sei »mit einer hingebungsvollen Schönheit und kompromisslosen Detailtreue geschrieben«, sei die »am besten zugängliche und fesselndste Erzählung« des Lebens von Malcolm X »seit seiner Autobiographie«.

Der Biograph

Der Lebensweg des verstorbenen Autors wird einleitend von seiner Tochter Tamara skizziert.⁵ Geboren wurde er 1941 in Tuscaloosa, Alabama, also im rassistischen Süden mit seinen Traditionen der Sklavenhaltergesellschaft. Im Alter von zwölf Jahren zog er mit seiner Familie »up North« nach Hartford, Connecticut, dem zur Zeit der Sklaverei gelobten Land, in dem jedoch die »freien Schwarzen« auch im 20. Jahrhundert immer noch Menschen zweiter Klasse waren. »Ich hatte noch nie einen Weißen getroffen, weder im Süden noch im Norden, der sich nicht jedem ›Negro‹, egal welchen Ranges oder Standes, überlegen fühlte«, zitiert Tamara Payne ihren Vater in der Einleitung. »Umgekehrt fühlte sich kein Schwarzer, den ich traf oder von dem ich hörte, jemals wirklich gleichberechtigt mit Weißen.«⁶

Les Payne ging aufs College. Er diente in der US-Armee. Die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre erlebte er als junger Aktivist hautnah. Von Martin Luther King und anderen Protagonisten der Bewegung fühlte er sich mitgerissen. Besonders aber von Malcolm X. Dessen Art und Weise, die Situation der schwarzen Bevölkerung zu analysieren, und »was mit uns als Schwarze in der Gesellschaft vor sich ging, das bewunderte Dad«, erinnerte sich seine Tochter. »Er bewunderte Malcolm, weil der sich auch mit dem auseinandersetzte, wie es uns Schwarzen in unserem Innern geht und wie wir uns selbst sehen.«

Im Juni 1963 war Les Payne einer von nur sechzig afroamerikanischen Studierenden an der University of Connecticut – unter 10.000 eingeschriebenen Kommilitonen. Damals besuchte er einen Vortrag in der Bushnell Memorial Hall in Hartford und hörte Malcolm X zum ersten Mal persönlich sprechen. Das Erlebnis inspirierte ihn zu seinem Essay »The Night I Stopped Being a Negro«, wie er 2018 noch kurz vor seinem Tod auf einer Veranstaltung erzählte. Am Ende des Vortrags von Malcolm X habe er gespürt, »dass sich etwas in mir verändert hatte – unwiderruflich«. Von nun an würden »die Weißen nicht mehr überlegen sein, und die Schwarzen – vor allem ich selbst – würden nicht mehr unterlegen sein«. Diese »kardinale Botschaft« habe Malcolm X stets »kraftvoll vorgetragen vor Millionen von Menschen«. Ihm, Payne, sei es bis dahin unmöglich gewesen, sein »eigenes konditioniertes Gefühl des Selbsthasses wieder zu entfernen, ähnlich einer Tätowierung«. Bis zu diesem Juniabend sei er eingesperrt gewesen. »Aber Malcolm X rüttelte an meinen inneren Kerkern, und meine Ketten fielen von mir ab.« Er habe die Bushnell Hall als »Negro mit einem großen N« betreten, sei aber als »schwarzer Mensch« wieder in die Freiheit hinausgetreten.

Von dort bis zur Arbeit als Journalist, der die gesellschaftlichen Verhältnisse kenntlich machen wollte, war es noch ein Stück Weg. Aber er ging ihn unverdrossen. Juan Gonzales von Democracy Now! nannte Les Payne jüngst »einen der Pioniere unter den afroamerikanischen Journalisten des späten 20. Jahrhunderts, denen es gelang, sich den Weg in die Mainstreammedien zu ebnen«. Er stehe in einer Reihe mit den »Giganten« des Berufs, hob Gonzales hervor, mit Männern und Frauen des investigativen Journalismus, die das Persönlichkeitsbild des »Modern journalist of color« prägten, so Gonzales. Kein Zufall also, dass Payne Mitte der 1970er Jahre die »National Association of Black Journalists« mitbegründete, um die berufliche Lage schwarzer Journalistinnen und Journalisten zu verbessern.

In seiner Zeit als Redakteur bei Newsday war Les Payne für seine Hartnäckigkeit als investigativer Journalist bekannt. Er besaß großes Geschick darin, die Wahrheit selbst aus Quellen herauszubekommen, die sich nur widerstrebend von ihm befragen ließen. »Das werden wir vielleicht nie erfahren«, war einer der Sprüche, die er überhaupt nicht ausstehen konnte. Als Les Payne 1974 mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, gehörte er zu einem Reporterteam, das recherchiert hatte, wie der internationale Heroinfluss von den Mohnfeldern der Türkei über die »French Connection« – französisch-amerikanische Drogenschmuggelringe – bis in die Venen von jungen, vorwiegend schwarzen Drogenabhängigen in den New Yorker Ghettos lief.

Hier liegt eine der inneren Verbindungen, die Payne Schritt für Schritt hinführte zu den tiefergehenden Recherchen im Umfeld von Malcolm X. Viele seiner Arbeiten und Reportagen als investigativer Journalist drehten sich um die Frage, wie die schwarze Jugend in den USA aufwächst, welchen Gefahren sie ausgesetzt ist, aber auch, welche Träume sie hat und nach welchen Chancen sie selbst greifen möchte. »Als mein Vater 1990 mit seinen Recherchen begann«, erklärt Tamara Payne in der Einleitung, »war Malcolm X im Bewusstsein der schwarzen Gemeinde sehr lebendig. Wenn man die 125. Straße in Harlem entlangging, hörte man Malcolms eindringliche Stimme aus den Lautsprechern der Straßenverkäufer, die seine Reden auf Tonträgern verkauften, und man sah immer wieder T-Shirts mit seinem Konterfei. Die Generation des HipHop war von Malcolm X fasziniert, weil er sie direkt ansprach. Seine Botschaften lieferten klare Analysen dessen, was in ihrer unmittelbaren Umgebung geschah.« Schritt für Schritt wurde ihnen durch die Reden und Schriften von Malcolm X klargemacht, »dass der staatlich sanktionierte Rassismus nicht neu ist, vielmehr eine Fortsetzung der koordinierten Vernichtung der schwarzen Bevölkerung Amerikas«.

Die Arbeit an der Biographie machte Payne klar, dass über Malcolm X noch nicht alles gesagt und geschrieben worden war. Seitdem Alex Haley die mit Malcolm X verfasste Autobiographie herausgebracht hatte, ergingen sich spätere Biographen in Vermutungen, Wertungen und Informationen aus zweiter Hand, die sie neu aufbereiteten und durch die Filter ihrer jeweiligen Meinungen pressten. Oder sie verließen sich auf FBI-Akten, die reichlich Schwärzungen geheimdienstlicher Zensur aufwiesen.

Neue Quellen, neue Einsichten

Les Payne hingegen suchte von Anfang an nach Primärquellen. Also reiste er um die Welt und führte Hunderte von Interviews mit Malcolms Familienmitgliedern, Freunden aus der Kindheit, Schulkameraden, Kumpels aus seiner Zeit als Kleinkrimineller und aus den Gefängnisjahren. Er sprach mit Zeitzeugen wie Polizisten, Bodyguards, FBI-Agenten, Chauffeuren, Polizeiinformanten, Fotografen, Journalistinnen, UN-Vertretern, afrikanischen Revolutionären und Präsidenten. Mit eingeschworenen Feinden ebenso wie mit falschen Anhängern und sogar mit den beiden Männern, die unter der Beschuldigung verhaftet und verurteilt worden waren, Mittäter beim Mordanschlag auf Malcolm X gewesen zu sein, obwohl das FBI wusste, dass sie es nicht getan hatten. Aber sie wurden als Sündenböcke gebraucht, um die wahren Hintermänner des Attentats zu verdecken.

»Als er dem nachspürte, wie Malcolm zu der Person wurde, die er war«, so Tamara Payne, habe ihr Vater »eine außergewöhnliche Menge an biographischen Details erfahren, die neu waren«. Obwohl in den rund 28 Jahren, seit Payne mit seinen Nachforschungen begonnen hatte, weiter viel über Malcolm X geschrieben wurde, sei vieles, was er herausfand, »noch nie zuvor erzählt oder nur grob skizziert worden«. Das Buch wirft neben dem Blick auf die Verhältnisse, in denen das Kind Malcolm aufwuchs, auch ein neues und schärferes Licht auf seine Zeit in der »Nation of Islam« (NOI), auf ihre internen Probleme mit krudem Sektierertum und sexuellen Übergriffen ihres Anführers, des »Ehrwürdigen« Elijah Muhammad einerseits. Andererseits auf die externen Probleme der NOI bezüglich ihrer Geheimtreffen mit dem rassistischen Ku-Klux-Klan. Daran ist wichtig, dass Les Payne die scharfe Trennung, die Malcolm X von der NOI vollzog, als Lösung im Sinne des Wortes, als Akt der Befreiung nachvollziehbar macht, der seine letzte und wichtigste Lebensphase einleitete – seine bewusste Entwicklung zum politischen Subjekt eines panafrikanischen Antiimperialismus.

Was im Buch über diese letzte Phase zu erfahren ist, macht klarer, warum Malcolm X 1965 sterben musste – so wie Martin Luther King nur drei Jahre später sterben musste, als er dabei war, die schwarze Bürgerrechtsbewegung mit der Widerstandsbewegung gegen den Vietnamkrieg zu vereinen. Mit King hatte Malcolm X um 1964 bewusst alte Pfade verlassen und alte politische Differenzen beiseite legen wollen, um neue Wege der solidarischen Zusammenarbeit zu beschreiten und Kräfte zu bündeln.

In beiden Mordfällen wird auch nach Jahrzehnten weiterhin alles dafür getan, die wahren Täter nicht auffliegen zu lassen. Les Payne widmet dieser wichtigen Frage die letzten beiden Kapitel seines Buches, in denen die jahrelange akribische Recherchearbeit zu den genauen Umständen des Anschlags im Audubon Ballroom im Februar 1965 neue Verbindungslinien aufzeigt.

Payne arbeitet am Beispiel der »zwei Karrieren des Gene Roberts« detailliert heraus, wie tief Polizei und US-Geheimdienste in die Umgebung von Malcolm X, seiner Organization of Afro-American Unity (OAAU) und in die Strukturen der NOI vorgedrungen waren. Les Payne führte lange Gespräche mit Roberts, der 1965 für Malcolm X als Bodyguard tätig war. Was in der OAAU niemand wusste: Der ehemalige Marinesoldat und Collegestudent war auf sie angesetzt. Nach Sicherheitschecks hatte das New Yorker Police Department ihn eingestellt. In den 1960er Jahren wurden Schwarze nicht für den normalen Polizeidienst angeheuert, sondern sie waren wegen ihrer Hautfarbe als Informanten und für Undercover-Aktivitäten interessant. Roberts passte in das Schema, und so bekam er den Auftrag, die von Malcolm X gegründete OAAU zu infiltrieren. Er schaffte es sogar, die wichtige Position als einer der Leibwächter einzunehmen.

Payne schließt aus, dass Roberts unmittelbar am Mordkomplott beteiligt war. Dessen Job sei vielmehr ein Beispiel dafür gewesen, dass es im Audubon Ballroom von Agenten und Informanten nur so wimmelte. »Auf Malcolm X wurde geschossen, und ich glaube, er ist tot«, gab ein Informant telefonisch aus dem Ballroom an das New Yorker »Field Office« des FBI durch. »FBI-Direktor J. Edgar Hoover war in dieser Sache schnell auf dem laufenden. Und er leitete die Nachricht umgehend an Präsident Johnson weiter.«⁷ Hoover habe im Grunde mehr Interesse an Martin Luther King gehabt, weil Kings einflussreichere Bürgerrechtsbewegung Washington offen herausgefordert hatte. Allerdings hätten in die NOI eingeschleuste FBI-Agenten die Spaltung zwischen Malcolm X und Elijah Muhammad forciert. »FBI-Beamte sahen in Malcolm eine viel größere Bedrohung, seit er die NOI verlassen hatte. Seine jüngsten Reisen ins Ausland und sein Plan, die Vereinigten Staaten vor den Vereinten Nationen wegen Menschenrechtsverletzungen anzuklagen, hatten die gesteigerte Aufmerksamkeit des US-Außenministeriums auf sich gezogen.«⁸ So ging die Order an den US-Auslandsgeheimdienst CIA, die Überwachung der internationalen Kontakte des »schwarzen Anführers«, seiner konkreten Pläne und seiner Bewegungen stark zu intensivieren. FBI und CIA hätten in gewisser Weise konkurriert. Jedoch hätten beide über »wichtige Informanten in beiden Gruppen« verfügt.

Les Paynes vielfältige Gespräche mit damaligen Beteiligten entwirren zum Teil die komplizierte Faktenlage, lassen aber weiterhin keine eindeutigen Schlüsse zu. Payne belegt allerdings, warum das so war: »Die genaue Offenlegung der Ereignisse und sogar die nachfolgende Strafverfolgung – oder eben Nichtverfolgung – der Attentäter wurde der Entschlossenheit der Polizeibehörden geopfert, ihre Spuren zu verwischen und ihre verdeckten Mitarbeiter zu schützen.«⁹ Es bleibt, was Payne als »Ablenkung von der Wahrheit über den Mord an Malcolm X« bewertet: »Es war eine Fallstudie über das Verwischen der Spuren der Polizei, der US-Bundesregierung und des FBI – reine Vertuschung.«¹⁰

Den beiden Paynes geht es gar nicht so sehr um den letzten Nachweis einer Täterschaft. Schon lange steht das Interesse staatlicher Stellen in der damaligen gesellschaftlichen Situation wie der berühmte Elefant im Raum. Und wenn in der Welle von Protesten rund um das jüngste US-Wahltheater und Akten weißen Überlegenheitswahns und rassistischer Polizeigewalt immer wieder Bilder und Zitate von Malcolm X aufgetaucht sind, erinnern sie daran, dass sein politisches Handeln und seine Lehren, die er aus dem Klassenkampf und dessen Internationalisierung zog, wichtiger sind als die Umstände seines Todes und die Frage, wer die Meuchelmörder auf ihn gehetzt hat. Es ist deshalb ratsam, den unbeugsamen Menschen in den Vordergrund zu stellen, der sich aus einem zentralen Grund nicht unterwerfen wollte: »Als schwarzer Amerikaner fühle ich mich in erster Linie für meine 22 Millionen schwarzen Mitmenschen verantwortlich, die aufgrund ihrer Hautfarbe unter den gleichen Demütigungen leiden wie ich. Ich glaube nicht, dass mein eigenes persönliches Problem jemals gelöst wird, solange nicht das Problem für alle 22 Millionen von uns gelöst ist.«¹¹

Anmerkungen

1 Vgl. »Streiter gegen Rassismus« von Jürgen Heiser, in: junge Welt, 21./22. Februar 2015

2 https://theshabazzcenter.org/

3 Tom Beer: »A Father and Daughter Raise Up Malcolm X«, in: ­Kirkus, online veröffentlicht am 20.10.2020

4 Les Payne/Tamara Payne: »The Dead Are Arising«, USA: Liveright Publishing/Imprint of W. W. Norton & Company, New York 2020; diesem Artikel liegt die UK-Edition zugrunde: Viking/Imprint of Penguin Books, London 2020

5 Vgl. »Introduction by Tamara Payne«, in: »The Dead Are Arising«, a. a. O., S. xi-xix; Amy Goodman & Juan Gonzales im Interview mit Tamara Payne, Democracy Now!, 2.12.2020

6 Les Payne: »The Night I Stopped Being a Negro«, in: »When Race Becomes Real«, Lawrence Hill Books, Chicago 2002

7 »The Dead Are Arising«, a. a. O. S. 482

8 Ebd., S. 483

9 Ebd.

10 Ebd., S. 494

11 Ebd., S. 523. Laut dem Zensus von 2010 umfasst die schwarze Bevölkerung in den USA heute rund 40 Millionen Menschen.

Anlässlich des Todestags von Malcolm X erschien im Feuilleton der jungen Welt vom 20./21. Februar eine Besprechung der neuen Netflix-Serie »Who killed Malcolm X?«.

Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 20. Oktober 2020 über faschistische Milizen in den USA.

Für Frieden & Journalismus!

Die junge Welt benennt klar, wer imperialistische Kriege vorbereitet und wer zum Weltfrieden beiträgt.

Mit einem Onlineabo unterstützen Sie unsere Berichterstattung, denn professioneller Journalismus kostet Geld.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Aufeinander zugehen. Viele junge Schwarze setzen sich für Bernar...
    11.04.2016

    Die Stimme der Schwarzen

    Die Black Community in den USA steht mehrheitlich auf seiten der Demokratischen Partei. Doch das war nicht immer so
  • An diesem Ort in New York wurde Eric Garner im Juli von einem we...
    05.12.2014

    Mord bleibt ungesühnt

    USA: Erneut lehnt eine Grand Jury die Anklage gegen einen weißen Polizisten ab, der einen Afroamerikaner erwürgt hatte

Regio:

Für Frieden & Journalismus! Jetzt das Onlineabo bestellen