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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

»Faszination für«

Von Gerhard Henschel
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»Kafka, so oft als Einzelgänger begriffen, gehört wegen seiner Faszination für die Technik zu den Futuristen«, hat der Germanist Jeremy Adler kürzlich in der FAZ festgestellt und zudem angemerkt, worauf seine Kollegin Carolin Duttlinger die »Exaktheit von Kafkas Schreiben« zurückgeführt habe, nämlich »auf seine Faszination für die Fotografie«.

Es mag ja sein, dass Kafka von der Technik im allgemeinen und der Fotografie im besonderen fasziniert war, aber war er tatsächlich auch »für« sie fasziniert? Diese These spricht nicht für die Exaktheit von Adlers Schreiben, und das ist erstaunlich, da er sich sein Leben lang hauptberuflich mit der deutschen Sprache und den größten Meisterwerken der deutschen Literatur beschäftigt hat. Wie könnte Kafka eine Faszination »für« Technik gehabt haben, wenn es doch die Technik war, von der die Faszination ausgegangen sein soll? Und wie kommt Adler überhaupt darauf, dass es eine Faszination »für« etwas gebe?

Die Antwort lautet vermutlich, dass schließlich alle Welt so daherredet und -schreibt: »Faszination für Gemüse«, »Faszination für Chemie«, »Faszination für Vampire«, »Faszination für Fadenwürmer«, »Faszination für historische Dampfrösser« – es gibt in dieser Hinsicht nicht mehr viel, was sich nicht googeln ließe, und der von allen guten Geistern verlassene Duden reicht die umgangssprachliche »Faszination für Raumfahrt« als sprachlichen Baustein an die faszinierte Leserschaft weiter. Weshalb sollte sich also ein emeritierter Literaturprofessor, der seit 16 Jahren der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung angehört, einen größeren Zwang auferlegen, als es Kevin Normalblogger im 21. Jahrhundert zu tun pflegt?

Aber ach – das Übel ist viel älter. 1979 ermahnte der Christdemokrat Gerhard Kunz die Bundestagsabgeordneten, »die Faszination für Europa zu erhöhen«, 1971 zitierte der Spiegel einen US-amerikanischen Unternehmer mit den Worten, in seinem Land existiere »eine Faszination für das organisierte Verbrechen«, und bereits 1948 hatte der Kunstkritiker Franz Roh von einer »Faszination für das Vollkommene schlechthin« phantasiert. Wer noch tiefer gräbt, wird weitere Schätze heben können. Vielleicht ist es jedoch ergiebiger, einer Anregung der Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Lack aus dem Jahr 2009 zu folgen und »Kafkas Faszination für den menschlichen Körper« zu erforschen. Denn kann es für den menschlichen Körper jemals eine größere Faszination gegeben haben als Kafka? Professor Adler, übernehmen Sie!

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