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Aus: Ausgabe vom 22.02.2021, Seite 1 / Titel
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Hanau ist überall

Protestaktionen und Großdemonstrationen zum Jahrestag des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar 2020. Taten statt Worte gefordert
Von Emre Sahin, Hanau
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»Deutschland, du Einzeltäter«: Demonstration in Berlin am Sonnabend

Ferhat Unvar, einer der beim rassistischen Terroranschlag vom 19. Februar 2020 in Hanau Ermordeten, schrieb 2015 in einem seiner Gedichte: »Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.« Am Wochenende haben Zehntausende Aktivisten mit Aktionen in über 100 Städten gezeigt, dass sie Ferhat, Mercedes Kierpacz, Vili Viorel Paun, Kaloyan Velkov, Fatih Saracoglu, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtovic nicht vergessen haben und werden.

In Hanau selbst fanden am Freitag mehrere Gedenkveranstaltungen statt, unter anderem auf dem Marktplatz. Es versammelten sich auch Angehörige der Opfer und Überlebende. Cetin Gültekin, der Bruder von Gökhan Gültekin, klagte in seiner Rede an, dass »Aufklärung nur durch unsere eigenen Recherchen und durch Journalisten« geleistet worden sei, nicht aber von den Behörden. Er prangerte an, dass die Zahl bewaffneter Neonazis seit dem Anschlag von Hanau in der BRD noch um 35 Prozent zugenommen habe. Metin Unvar, Vater von Ferhat, sagte, er sei weiterhin besorgt, weil der Vater des Attentäters 60 Meter entfernt von ihm wohne. Der 73jährige wird von den Angehörigen als »tickende Zeitbombe« bezeichnet, weil er in den vergangenen Monaten u. a. mehrere rassistische Anzeigen erstattet und die Tatwaffe seines Sohnes von den Behörden zurückgefordert hatte. Die Angehörigen der Ermordeten haben ihn unlängst wegen Beihilfe zum Mord angezeigt.

Im Hanauer Congress Park waren bei der »zentralen Gedenkfeier« auch verschiedene Bundespolitiker zu Gast. Hier hielt der Vater von Hamza Kurtovic, Armin Kurtovic, stellvertretend für die neun Familien eine Rede, in der er die Unzulänglichkeiten der hessischen Behörden kritisierte. Sie hätten zum Beispiel dazu gezwungen werden müssen, sich mit den ihnen bekannten Versäumnissen auseinanderzusetzen, so Kurtovic. Es reiche nicht aus, nur zu sagen: »Hanau darf sich nicht wiederholen«. Einem Anwesenden dürften die Vorwürfe bekannt vorgekommen sein: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). 2006, als Halil Yozgat vom »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) in Kassel ermordet wurde, war Bouffier Innenminister des Landes. Als die NSU-Akten für 120 Jahre unter Verschluss kamen, und als der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU) vom Neonazi Stephan Ernst 2019 umgebracht wurde, amtierte er als Ministerpräsident.

In etlichen Städten, so auch in Berlin, wiesen Aktivisten auf die Rolle der Behörden sowie der von Parteien und Medien hin. Bereits am Donnerstag abend projizierte die Gruppe »Nationalismus ist keine Alternative« den Spruch: »Hanau: Seine Waffe – Eure Munition« auf die Fassaden der Bundesgeschäftsstelle der AfD, des Axel-Springer-Hauses und des Landeskriminalamtes. Diskriminierende Berichterstattung, etwa der Welt über »Clankriminalität« sowie Shishabars und Razzien, bereite rechtem Terror den Boden, so die Gruppe.

Für Sonnabend hatte die Migrantifa Berlin zur einer Demonstration aufgerufen, an der sich nach Angaben der Veranstalter bis zu 20.000 Menschen beteiligten. Eine riesige Menschenmenge zog – pandemiebedingt mit Abstand und Maske – durch Neukölln und Kreuzberg. Die Organisatoren erklärten, dass nicht nur Rassismus von Deutschen zu bekämpfen sei, sondern auch der, der u. a. von Türken ausgehe. Aus dem Lautsprecherwagen ertönte der türkische Slogan: »Fasizme karsi omuz omuza«. Schulter an Schulter gegen Faschismus.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Irmela Mensah-Schramm: Fruchtbarer Boden Aus persönlichen und ganz bestimmten Gründen zog ich es vor, am 19. Februar nach Hanau zu fahren, wo ich – wenn auch schweigend – eine ganz persönliche und sichtbare Aktion der Solidarität und des Ge...

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