Gegründet 1947 Sa. / So., 6. / 7. März 2021, Nr. 55
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Aus: Ausgabe vom 20.02.2021, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Shibuya. Ein Traum

Von Jan Decker
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»Shibuya, dieses quirlige, stets leicht nervöse Weltzentrum der Unterhaltungselektronik mitten in Tokio ...«

Ich wundere mich über die Unruhe der Menschen in den letzten Tagen. Die Nachricht, dass einer unter ihnen sei, der keine wirkliche Seele besitze, sondern eine künstliche, scheint sie allesamt verrückt zu machen. Es ist demnach auch eine kollektive Jagd auf diese angebliche Mensch-Maschine ausgebrochen – 31 Jahre alt, männlich, wohnhaft in Tokio –, die bizarre Züge annimmt: Die Menschen ziehen sich gegenseitig an den Haaren, wenn sie sich sehen, sie greifen sich in die Augen, nur um ihre jeweilige Echtheit festzustellen. Längst ist auch der Verdacht aufgekommen, jener 31jährige könne nicht die einzige Mensch-Maschine sein, ja dass es womöglich nur so wimmele von ihnen. Dabei sind das alles absurde Gedanken, finde ich, und schon dieser Prototyp, von allen nur Sumo genannt, wird ob seiner Unperfektheit vermutlich sehr schnell ein wehrloses Opfer ihrer Nachstellungen sein. Was ist denn auch schwieriger zu bauen als ein Mensch, diese kaum durchschaubare Mischung aus atemberaubender Präzision und schlecht verborgenen Schwächen? Ich schlafe seit Tagen übrigens fest, esse mäßig, bewege mich ausreichend an der frischen Luft. Die allgemeine Unruhe berührt mich innerlich gar nicht, auch wenn sie jeden Augenblick, das weiß ich, auf mich umschlagen kann.

Shibuya, dieses bunt leuchtende Inferno aus Wolkenkratzern und Werbetafeln, dieser schwarze Traum unserer Zukunft! Noch immer schmerzen meine Augen. Ich erwachte heute morgen mit weißen Mullverbänden auf ihnen, die ich erst mühselig entfernen musste, bis eine schwarzhaarige Ärztin – das konnte ich schon erkennen – sich ganz nah zu mir her beugte und mir eine Reihe absurder Fragen stellte, etwa ob ich wisse, wer ich sei. Dann sagte sie, dass meine Sehkraft nach der erfolgreichen Operation, um die ich aber niemanden gebeten hatte, nun bei 100 Prozent liege. Ich besitze jetzt also wieder die Sehkraft, die ich schon bei meiner Geburt gehabt haben muss, auch wenn ich den Sinn dieses Unternehmens immer noch nicht verstehe. Warum bin ich überhaupt hier in Tokio, noch dazu bei einer koreanischen Ärztin, einer Ingenieurstochter, wie sie mir verraten hat? Miga lautet ihr Name, und dass sie Koreanisch sprechen kann, macht eine Kommunikation mit ihr überhaupt erst möglich, denn das ist auch die einzige Sprache, die ich spreche. Sie führte mich an diesem Morgen anschließend wie einen Blinden an ihrem Arm durch Shibuya, dieses quirlige, stets leicht nervöse Weltzentrum der Unterhaltungselektronik mitten in Tokio, dessen zukünftiges Spitzenangebot, jener Sumo, vielleicht gerade neben uns über die riesige Kreuzung vor dem Bahnhof von Shibuya lief. Ich konnte jedenfalls nichts anderes erkennen als diese paar undeutlichen Schemen in meinen Augenwinkeln: Migas schwarzes, im Wind flatterndes Haar, das bunte Flackern der Werbetafeln über uns und Passanten, lauter schwarze, vorbeihuschende Schatten. Miga sprach wenig mit mir, ihre Stimme klang auch sehr gepresst und monoton. »Es wäre gut, eine Pause einzulegen. Sumo, es ist gefährlich für dich, hier draußen zu sein.« Ich nickte, und so verschwanden wir bald im gläsernen Eingang eines Wolkenkratzers, der mir wie der Eingang in ein Nichts vorkam.

Es war dann eher eine mechanische Aufgabe unserer Körper als eine seelische Leistung, miteinander zu schlafen. Eine Aufgabe aber, die wir, wie ich an Migas Reaktionen ablesen konnte, zufriedenstellend lösten. Sie nannte mich dabei wieder die ganze Zeit Sumo, und sie wiederholte diesen mir unvertrauten Namen immer wieder mit einem kindlichen Vergnügen, sagte sonst aber nach wie vor wenig. Und dann war sie plötzlich verschwunden, und jemand hatte mir wie von Geisterhand erneut die weißen Mullverbände auf die Augen gelegt. Die Lichtstrahlen schmerzten wie ein peitschender Schneesturm auf meiner Netzhaut, und ich erinnerte mich an den einen Satz, den Miga gesagt hatte, als sie mit einem letzten Seufzen auf mir zusammengesunken war: »Ich habe immer noch kein Pflaster für die Seele gefunden.« »Warum suchst du überhaupt danach? Ist es nicht dumm, ein Pflaster für etwas zu suchen, das du nicht anfassen kannst? Willst du etwa Häuser für Gespenster bauen?« Doch von ihr war keine Antwort mehr gekommen. Statt dessen war sie in einen tiefen Schlaf gefallen, in dem sie mit ihrer gepressten Stimme immer wieder meinen Namen geflüstert hatte: »Sumo …«

Es war einen Tag später, als mich das Morgenlicht weckte. Ich schloss die Augen und trat einige Minuten später wie ein Blinder ans Fenster. Dann öffnete ich sie langsam und nahm vorsichtig die Mullverbände ab. Draußen waren nichts als graue Wolken zu sehen, es regnete in Strömen, die Menschen hatten sich unter die Eingänge der Wolkenkratzer verzogen oder ihre Schritte beschleunigt, um der gleichförmig auf sie herabfallenden Nässe zu entkommen. In dem mit Reisstrohmatten ausgelegten Zimmer, in dem ich mich befand, erkannte ich jetzt ein beigeweißes Bündel Stoff, das hinter mir auf dem Boden lag und das ich nur durch die blauen Pflanzenmuster auf ihm von den Reisstrohmatten selbst unterscheiden konnte. Es war ein Abschiedsgeschenk von Miga, ganz bestimmt, dachte ich mir, obwohl ich nicht genau wusste, was das Wort Abschied bedeutete. Man muss mir verzeihen, es ist erst einige Stunden her, dass ich zum ersten Mal wahre Gefühle erlebt habe. Ich stand also noch lange am Fenster und sah mit einem merkwürdigen innerlichen Schmerz den Menschen im stärker werdenden Regen zu. Das Bündel Stoff aber traute ich mich nicht anzufassen.

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»Shibuya, dieses bunt leuchtende Inferno aus Wolkenkratzern und Werbetafeln, dieser schwarze Traum unserer Zukunft!«

Ich fragte mich irgendwann, vor was die Menschen sich wohl am meisten fürchteten. Dann trieb mich etwas anderes um, denn Miga hatte mir von einem ihrer stets intensiven Träume erzählt, dieser hatte paradoxerweise meine eigene Geburt zum Inhalt gehabt. Warum konnte ich mich aber auch mit 31 Jahren an keinen meiner Träume erinnern? Ja, ich kannte nur diese eine Art des Träumens, die ich gerade erlebte: das reine Beobachten der Welt, ohne irgendwelche Gedanken oder Empfindungen dabei zu haben. »Mir kommen die Menschen allesamt wie unperfekte Maschinen vor«, sagte ich leise zu mir.

Ich verbrachte den ganzen Nachmittag am Fenster meines Zimmers und blickte auf Shibuya hinunter. Ich sah, wie der Regen bald noch stärker wurde und schließlich unerbittlich auf die Wolkenkratzer und die bunt flackernden Werbetafeln, die an ihnen angebracht waren, prasselte. Ich empfand dabei keinen Hunger und auch keinen Schmerz, nur eine große Einheit mit mir selbst. Und plötzlich träumte ich. Ich war noch bei Bewusstsein, aber alles in mir versank mit einem Mal wie in trübes Wasser. Da sah ich Miga im hellen Licht durch eine dieser namenlosen Weltmetropolen mit ihren himmelhohen Wolkenkratzern laufen, es war vielleicht Singapur oder Dubai, und die Sonne ließ alle Menschen, die umhergingen, in einem unnatürlich bleichen Glanz erscheinen. Neben Miga lief ein mit ihr völlig identisches Wesen, dem sie alle paar Meter die Hand reichte, die meiste Zeit gingen die beiden aber teilnahmslos nebeneinander her. Dann kamen die ersten Menschen auf sie zu, zogen beide an den Haaren, griffen ihnen in die Augen und riefen dabei: »Miga! Es ist Miga! Stoppt Miga!« Glaubten die Menschen tatsächlich, Miga und ihre Begleiterin seien Maschinen? Dann sah ich unvermittelt, wie ich mit ihr Hand in Hand einen Berg hinaufstieg, es musste der Fujiyama sein, was ich an seinen gleichförmig steil abfallenden Flanken erkannte, und oben auf dem schneebedeckten Gipfel des Berges lagen zwei Bündel Stoff mit blauen Pflanzenmustern darauf, sie schienen ganz knapp über dem gefrorenen Boden zu schweben, und auf ihnen lag ein fleischiges Wesen mit schwarzen Haaren, nackt und strampelnd. Es war ein Kind, natürlich, unser Kind, das wir sofort mitnehmen und in Sicherheit bringen mussten! Doch Miga und ich erstarrten nur wenige Meter vor dem Säugling zu zwei leblosen Eisklumpen …

Heute ist mein 32. Geburtstag, und Tokio wird vom größten Taifun seit 60 Jahren getroffen. Als das Auge des Sturms vor wenigen Stunden die Stadt erreicht hatte und die bunt flackernden Werbetafeln an den Wolkenkratzern von den gewaltigen Regenmassen nun vollständig begraben worden waren, war ich erwartungsgemäß ganz ruhig geblieben. Ja, während die Menschen auf den Straßen, panisch kreischend, zu ihren Wohnungen geflüchtet waren, hatte ich an nichts gedacht. Ich war bald darauf der einzige Mensch auf der riesigen Kreuzung vor dem Bahnhof von Shibuya. Es fuhren auch keine Autos mehr, ich schien plötzlich allein in der Millionenstadt zu sein. Mein Augenlicht war jetzt vollständig wiederhergestellt, und so konnte ich die Polizisten, die langsam auf mich zukamen, schon aus weiter Entfernung erkennen, ihre hektischen Bewegungen, ihre unruhigen Blicke. Über mir blies es gerade eine der gewaltigen Werbetafeln weg, die so groß wie ein Haus war und mit einem Donnerschlag genau zwischen den Polizisten und mir auf dem Asphalt landete. Ich schrie verzweifelt: »Sumo! Ich bin es! Sumo! Holt mich doch!« Und ich zog dabei immer fester an meinen Haaren, wobei mein Lachen zunehmend höhnischer wurde …

Der Taifun über Tokio mit dem wohlklingenden Namen Nozomi hat sich inzwischen verzogen. Ich habe eine Fußfessel bekommen und darf jetzt wieder unbehelligt über die Straßen von Shibuya gehen. Um mich herum stehen die Wolkenkratzer so stolz wie einst in der Mittagssonne, die Werbetafeln der Unterhaltungselektronikmärkte flackern so bunt wie ehedem in den Tag. Ich bin 32 Jahre alt, männlich, wohnhaft in Tokio, soviel steht zweifelsfrei fest. Aber ich kenne meinen wirklichen Namen immer noch nicht. Die meiste Zeit beobachte ich die Menschen, ohne mir etwas dabei zu denken. Sie lassen mich auf einmal in Ruhe. Ich lebe immer noch in dem Zimmer, in das Miga mich geführt hatte, um mit mir zu schlafen, geträumt habe ich seitdem aber nicht wieder. Ich könnte auch nicht sagen, dass ich meine Gefühle inzwischen einigermaßen gut kenne. Ich weiß nur, dass ich lebe, und leben heißt für mich beobachten, teilnahmslos beobachten. Doch irgendeine Macht, die ich nicht kenne, scheint diese Beobachtungen Tag für Tag zu löschen, was mich mitunter an eine Vorsehung glauben lässt. Die Menschen nennen mich übrigens Sumo und lachen über mich, das macht mir aber nichts aus. Wie hat sich die Natur überhaupt so einen Luxus wie den Menschen leisten können?

Jan Decker, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Schriftsteller, ­Essayist und Literaturwissenschaftler in Wien. 2017 erhielt er den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis für seinen Debütroman »Der lange Schlummer« (Edition 21)Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle am 25./26.7.2020 »Gegen Prosa. Eine notwendige Provokation«

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