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Aus: Ausgabe vom 20.02.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bildreportage

Auf einen Schlag

Von heute auf morgen hat die Coronapandemie alles verändert. Eine Dokumentation in Bildern
Von Daniel Biskup
Dazwischen liegen 170 Tage: Das Coronatestzentrum in Augsburg (l.) und der erste fotografische Tagebucheintrag (r.) in einem Supermarkt der bayerischen Stadt kurz nach Ladenöffnung
Tag 233: Im Christian-Dierig-Altenheim in Augsburg werden am 24. Dezember alle Besucher einem Schnelltest unterzogen. Tag 74: Das Kino Starlight in Weilheim wartet nach Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen auf Gäste
Tag 38 der Ausgangsbeschränkung in Bayern: Schulstart einer Abiturklasse in Diedorf. Tag 72 nach Aufhebung der Beschränkungen in Brandenburg: Jugendliche in den Sommerferien in Ribbek

Es ist der 12. März 2020. »Bitte verzichten Sie auf soziale Kontakte.« Als ich diesen Satz um 21.16 Uhr höre, sitze ich nur vier Meter von der Bundeskanzlerin entfernt im
Presseraum des Kanzleramtes. Als sie diesen Satz ausspricht, sieht Angela Merkel
erschöpft, müde und fast traurig aus. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik gab
es einen Satz, der in der Folge das Leben aller Menschen in unserem Land so nachhaltig
verändern sollte wie dieser. Die Sätze von Günter Schabowski zur Öffnung der DDR-Grenze am 9. November 1989 veränderten nachhaltig das Leben aller Ostdeutschen – aber nicht
das der Westdeutschen.

Noch zwei Stunden vor Merkels Pressekonferenz zum Umgang mit dem Coronavirus war ich bei der Eröffnung der Ausstellung »30 Jahre freie Volkskammerwahl« im gegenüberliegenden Paul-Löbe-Haus gewesen. Hier konnte man schon die aufkommenden Veränderungen beobachten. Alle Gäste wurden mit Abstand plaziert, auf Händeschütteln wurde weitgehend verzichtet.
Die ehemalige Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl bedauerte, dass sie an
diesem Abend nicht so viele liebe Freunde herzlich umarmen könne, und
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ahnte schon bei seiner Eröffnungsrede, dass dies
für einen längeren Zeitraum die letzte Veranstaltung dieser Art im Bundestag sein würde.

In den folgenden Tagen geht es dann Schlag auf Schlag: Kinos, Klubs, Theater und Museen
werden geschlossen. Die Cafés und Restaurants, die noch offen sind, haben immer
weniger Gäste. So sitze ich am 13. März fast allein im Café Einstein in der Berliner
Kurfürstenstraße. Auch hier hat man sofort reagiert und plaziert die wenigen Gäste mit
Abstand voneinander. Ich mache das erste Foto meines späteren Coronatagebuchs auf Instagram. Es zeigt eine Reihe leerer Tische mit der Berliner Boulevardzeitung B. Z., die wohl als einziges Blatt in Deutschland den historischen Satz von Merkel in großen Buchstaben auf die Titelseite gedruckt hat. Mein zweites Foto an diesem Tag zeigt einige der wenigen Touristen in der fast schon menschenleeren Stadt: ein chinesisches Paar am Checkpoint Charlie. Sie sind die einzigen, die einen Mundnasenschutz tragen und mir wünschen: »Stay healthy« (Bleib
gesund).

Daniel Biskup ist Fotojournalist und Dokumentarfotograf. Er porträtiert Politiker wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Angela Merkel, aber auch häufig das Leben nicht prominenter Menschen.

daniel-biskup.de

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