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Aus: Ausgabe vom 20.02.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Abwägungsfragen

Von Arnold Schölzel
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Am Freitag berichtete u. a. die Süddeutsche Zeitung (SZ), dass die Pharmaunternehmen Pfizer und Biontech im Sommer 2020 ihren Impfstoff der EU zu einem unverschämt hohen Preis angeboten haben. Die Meldung ist neu, nicht überraschend. Warum sollten sich Großkonzerne nicht wie Großkonzerne verhalten? Auf Druck und Erpressung verzichten? Das wäre eine andere Gesellschaft, in der organisierte Kriminalität und Monopole sich unterschiedlich verhalten. Die moralische Aufregung über die erwischten Impfstoffhersteller gab es am Freitag reichlich, weil gratis. Im Deutschlandfunk-Interview warf z. B. die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis den Pharmaunternehmen vor, »sich zu stark am Gewinn zu orientieren« und brachte eine Regulierung ins Gespräch.

Die EU, die nichts gegen Pharmamonopole und deren mafiöse Arbeitsweise hat, ist fein raus: Der Vertrag mit Pfizer/Biontech kam zu einem wesentlich geringeren Preis ein paar Monate später zustande. Wie viele Menschen starben, weil Impfstoff später kam, kann niemand sagen. Kapitalismus, also auch Pfizer/Biontech, hat im übrigen Vorrang vor überhöhten Ansprüchen an das Leben. Sagen jedenfalls Hubertus Bardt und Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Sie veröffentlichten am Mittwoch ein 19seitiges Papier unter dem Titel »Aus dem Lockdown ins neue Normal«, das sich gegen die Anhänger der Zero-Covid-Strategie richtet. Bardt und Hüther sind für die Formel »mit dem Virus leben«, und daher gelte: »Wir müssen ökonomisch abwägen, was gesellschaftlich eine ethische Dimension hat, nämlich die Frage, wie viele Coronafälle und auch Coronatote in einer Welt mit umfassend verfügbarem Impfstoff hinnehmbar sind (Endemie-Fall).« Darüber müsse gesellschaftlich debattiert werden. Der alte Fritz nahm einst auch eine »gewisse Sterblichkeit« (Hüther) in Kauf, fragte seine Soldaten aber unverblümter: »Kerls, wollt ihr ewig leben?« Der CDU-Verteidigungsminister und spätere NATO-Generalsekretär Manfred Wörner sah in den 80er Jahren bei Christen in der Friedensbewegung analog eine »Verabsolutierung des Überlebens« und des Friedens. Heute ist es angemessen, wenn Pfizer/Biontech die ethische Dimension ökonomisch abwägen. Jedenfalls für die unideologischen Forscher des IW.

Für Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt ist dagegen die »Demokratie in Gefahr«, so sein Kommentartitel am Freitag auf Seite eins seiner Zeitung, wenn ein Großkonzern sich wie ein Großkonzern verhält, vor allem aber, wenn er dem Großkonzern, bei dem Poschardt beschäftigt ist, in die Quere zu kommen droht: Der »Internetriese« Facebook habe, heißt es auf derselben Welt-Seite, eine »Nuklearoption« gezündet und blockiere »im Konflikt mit Australien über ein Mediengesetz plötzlich Inhalte«. Da weiß der Springer-Angestellte Poschardt frei nach Lenin plus Ludwig Erhard: »Monopole sind die Feinde einer freien, insbesondere einer sozialen Marktwirtschaft.« Und klammert sich an die EU, um »den Überwachungskapitalismus in die Schranken zu weisen«. Warum er im eigenen Laden nicht damit anfängt und z. B. die Enteignung Friede Springers, Mathias Döpfners und der US-Finanzorganisation KKR, die beide als Mehrheitseigner ins Haus geholt haben, fordert, verrät er nicht. Vielleicht, weil Rettung, genauer: Retterinnen, nahe ist: »Glücklicherweise sind die beiden entscheidenden und starken Frauen der (EU)-Kommission kompetent und sensibel.«

Konkurrenz, lehrt das, belebt Eingreifgelüste. Hier sei vorhergesagt: Das werden die starken Frauen von Brüssel so sensibel wie im Fall Pfizer/Biontech regeln – etwas Profiteinschränkung ist drin, Hauptsache, es wird kein Eigentum angetastet. Reine Abwägungsfrage. Manchmal eben tödlich.

Der alte Fritz nahm einst auch eine »gewisse Sterblichkeit« (Hüther) in Kauf, fragte seine Soldaten aber unverblümter: »Kerls, wollt ihr ewig leben?«

Debatte

  • Beitrag von Klaus B. aus B. (20. Februar 2021 um 00:24 Uhr)
    Es wird ja immer irrer. Sympathisiert die junge Welt jetzt auch noch mit der Covid-Zero-Kampagne? Oder habe ich da was falsch verstanden, Kollege Schölzel?
  • Beitrag von Josie M. aus J. (20. Februar 2021 um 12:40 Uhr)
    Die bittere Ironie dieses Artikels zeigt wieder einmal, dass wir Deutschen doch »froh sein können«, dass sich unsere Vertreterinnen in der EU vom gnadenlosen Kapitalismus ein »bisschen (sozialen) Frieden« erschachert und unsere Bevölkerung nicht ganz der Coronaepidemie ausgeliefert haben. Immerhin steht in unserem Grundgesetz noch der Satz: »Eigentum verpflichtet.« Etwas ähnliches fehlt in angloamerikanischen Verfassungen.

    Vielmehr ist beispielsweise in der »Bill of Rights« das Recht auf »Fortune« gesichert. Das scheint unter anderem die Voraussetzung für das Recht auf Gewinn auch für Pharmaunternehmen oder Medienmogule wie Rupert Murdoch zu sein.

    Im Vergleich dazu scheinen zum Beispiel die Eigner und Vertreter des Springer-Konzerns als Waisenknaben abzuschneiden. Und um diesen für sie sicher beklagenswerten Umstand zu kompensieren, besinnen sie sich auf ethische Werte und soziale Verträglichkeit?

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (21. Februar 2021 um 05:14 Uhr)
    Herr Schölzel zitiert wieder einmal fundamental aus dem Rüstzeug der Industriellen und der Klientel der wenigen Herrschenden: »Wir müssen ökonomisch abwägen, was gesellschaftlich eine ethische Dimension hat, nämlich die Frage, wie viele Coronafälle und auch Coronatote in einer Welt mit umfassend verfügbarem Impfstoff hinnehmbar sind (Endemiefall).« Darüber müsse gesellschaftlich debattiert werden. Der alte Fritz nahm einst auch eine »gewisse Sterblichkeit« (Hüther) in Kauf, fragte seine Soldaten aber unverblümter: »Kerls, wollt ihr ewig leben?«

    Ein schlagender Beleg für die denen schwer verständliche Dimension der Gefahr dieser Pandemie. – Sehr treffend auch die Erinnerung an den Kriegstreiber und Massenmörder, der in Berlin Unter den Linden rumsteht, als wäre es die normalste Sache der Welt.

    Ich hoffe sehr, dass sich nun endlich der Ansatz durchsetzt, den ich bereits im Mai 2020 angefragt hatte: dass bei der WHO die besten der besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler endlich zu einer gemeinsamen Forschung und Entwicklung der NÖTIGEN MEDIKAMENTE zusammenkommen. Die dritte Welle hat begonnen – die der verschiedenen Mutationen. Sie kann nur gestoppt werden, wenn nicht auf Konzerninteressen und Einbehaltung der Patente beharrt wird, sondern sofort internationale Kooperationen begonnen werden. Anders kann auf die Mutationen nicht reagiert werden, weil die jetzigen Impfstoffe vor diesen Variationen vielleicht nicht mehr schützen.

    Übrigens: Wann soll der Schutz für Kinder und Jugendliche angegangen werden? M. E. droht hier die nächste Gefahr, die sich mit enormer Geschwindigkeit ausbreiten könnte, wenn Kitas und Schulen wieder geöffnet werden. Sind die entsprechenden Forschungen zu den Impfungen der Jüngeren bereits im Blickfeld? Steht uns dann die vierte Welle bevor?

    Beide Stränge des Schutzes vor der Pandemie müssen angegangen werden: der Impfschutz (auch für die Kinder und die Jugendlichen, die bisher noch kaum betroffen sind) und die Entwicklung der Medikamente. Sind diese Themen denn bereits in den Fokus geraten? Werden sie inzwischen finanziell unterstützt?

    Als ich damals vor einer fünften und sechsten Welle gewarnt hatte, nämlich der Infektion auch aller Menschen ohne Vorerkrankung, aber auch der Gefahr, dass sämtliche Lebewesen mit Atmungsorganen betroffen sein werden, hat sich inzwischen nachweisen lassen. Sogar Fische sind infiziert. – Wir sind in Gefahr und müssen sinnvoll handeln.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Der weise Kanal Fakt ist: Seit dem 10. Oktober 2019 wird Biontech öffentlich als American Depository Shares (ADS) an der amerikanischen Börse Nasdaq Global Select Market unter dem Tickersymbol BNTX gehandelt. Die Ban...

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