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Aus: Ausgabe vom 19.02.2021, Seite 15 / Feminismus
Reportage

Gegen das »Patriar-Carro«

In Mexiko-Stadt setzen immer mehr Feministinnen im Kampf gegen patriarchale Gewalt auf das Fahrrad
Von Hannah Simón Fröhlich, Mexiko-Stadt
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Protest von Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrern am 12. Februar 2021 in Mexiko-Stadt

Oben, an einem Mast über einer vielbefahrenen Kreuzung, hängt es wie ein Mahnmal: das weiß hergerichtete Fahrrad von Cariño (»Liebling«), wie sie liebevoll genannt wurde. Cariño, Carolina Espinosa, war in der subkulturellen Cumbia-Musikszene von Mexiko-Stadt eine bekannte Persönlichkeit.

Als sie im August 2020 nachts mit ihrem Fahrrad auf dem Weg nach Hause war, fuhr sie auf dem Radweg und war mit Helm, Warnweste und Lichtern ausgestattet. Ein Autofahrer im Vollrausch machte einen unerlaubten U-Turn, erwischte sie und schleifte sie einige Meter weit mit – sie starb noch am Unfallort. Carolinas Tod entfachte in der linken Kulturszene Wut über die Gewalt in der Stadt: Laut der Tageszeitung La Jornada vom 21. Oktober 2020 kamen in Mexiko-Stadt allein zwischen Januar und September mindestens 16 Menschen bei Fahrradunfällen ums Leben. Seit Beginn der Coronapandemie stieg die Zahl derjenigen, die radfahren, um 221 Prozent.

»Das allgemeine Stresslevel ist hoch, und die Autofahrer sind aggressiver denn je«, erzählt Xochitl, die als Selbständige Essen, Waren und Pakete mit dem Fahrrad zustellt. Ich treffe sie mit zwei weiteren Radaktivistinnen. Auch sie kannten Carolina. Sie hatte in zwei Bands gesungen, die bei Auftritten quer durch die Stadt mit ihrer lebhaften Musik auf soziale Probleme des Landes aufmerksam machten, bis die Pandemie kam.

Tatort öffentlicher Raum

Ein wichtiges Anliegen war Carolina der Kampf gegen die patriarchale Gewalt: In Mexiko nimmt diese kontinuierlich zu. Laut der UN-Organisation »Women« ist die Zahl der Femizide im Land im vergangenen Jahr auf durchschnittlich 10,3 pro Tag angestiegen. Zahlen des mexikanischen Instituts für Statistik und Geographie (Inegi) zeigen, dass neben dem Beziehungs- und Familienkreis die höchste Gefahr im öffentlichen Raum besteht.

Besonders junge Frauen in städtischen Räumen sind betroffen. Sie sind laut diesen Statistiken diejenigen, die am meisten von Gewalt in ihrem Leben berichten, fast 70 Prozent. Sexuelle Belästigung in den öffentlichen Verkehrsmitteln ist für Frauen, Kinder, Transpersonen und Menschen, die von der binärgeschlechtlichen Norm abweichen, bitterer Alltag. Bereits kurz nach der Einweihung der ersten U- Bahnlinie in Mexiko-Stadt 1970 wurden die vorderen Waggons der Züge nach Protesten für Frauen reserviert. Das ist bis heute so – ein trauriges Indiz dafür, wie die sexistische Gewalt hier um sich greift.

Xochitl will sich der Belästigung nicht aussetzen, hat aber weder Geld, um ein Taxi zu nehmen, noch besitzt sie selbst ein Auto. Daher hat sie das Fahrrad gewählt: »Ich kann losfahren, wann ich will und muss mich um kein Taxi kümmern, sofern es mal etwas später wird.« Die Radaktivistin Valeria erzählt, wie das Fahrrad sie zum Feminismus geführt hat: »Das Rad gibt uns ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit. Vor allem Frauen aus der Peripherie, die besonders von Gewalt betroffen sind, entdecken dieses Transportmittel mehr und mehr für sich und schließen sich unseren Kollektiven an«, erklärt sie. »Gemeinsam veranstalten wir Workshops, organisieren Demos oder treffen uns für direkte Aktionen gegen sexuelle Belästigung. Außerdem zeigen wir uns gegenseitig Tricks fürs Schrauben am Rad.« Sie erklärt, wie Cariños Tod eine Art Durchbruch für die feministische Radbewegung der Stadt war.

Auf Autos ausgelegt

Auch die Radaktivistin Paulette setzt sich seit einiger Zeit dafür ein, die Stadt zu einem sicheren Ort für alle zu machen. Sie erklärt: »Mexiko-Stadt ist für das Auto gemacht. Seit den 70ern wurde viel investiert in das Image der ›schnellen Stadt‹. Ein Auto zu besitzen verleiht seit jeher Status und eine gewisse Macht.« Sie nennen es »­Patriar-Carro« (Karrenpatriarchat), ein Zustand, in dem unverhältnismäßig in die Infrastruktur für Autos investiert wird, während nur eine Minderheit der Bevölkerung überhaupt ein eigenes Fahrzeug besitzt. Die Automobilindustrie spielt in Mexiko traditionell jedoch eine wichtige Rolle.

Eine am 31. Januar veröffentlichte Recherche der Zeitschrift Corriente Alterna UNAM hat ergeben, dass die Verursacher von Verkehrsunfällen zu 80 Prozent männlich sind. Dabei waren laut dem Report drei von zehn für die Unfälle zur Verantwortung gezogenen Männer alkoholisiert, während 15 Prozent von ihnen Fahrerflucht begingen. Der Begriff »Cochistas« – ein Wortspiel aus Macho und Autofahrer – verdeutlicht die potenzierte Gefahr, der Radfahrerinnen ausgesetzt sind.

Die zunehmende Zahl von Radaktivistinnen ist Ausdruck der größer werdenden feministischen Bewegung in Mexiko in den vergangenen Jahren. Doch nicht nur hier ist das Fahrrad zu einem Symbol und einem Mittel des Widerstands gegen patriarchale Gewalt geworden. Auch in Ecuador, Guatemala oder Chile protestieren immer mehr Feministinnen auf zwei Rädern. Dabei steht das Fahrrad für eine nachhaltige Transformation von Städten, gegen patriarchale und kapitalistische Gewalt, für die Rückeroberung des öffentlichen Raumes und den Kampf für ein würdiges Leben für alle.

Hinweis: Die Zahlen in der vorherigen Fassung bezogen sich nicht allein auf Fahrradunfälle.

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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