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Aus: Ausgabe vom 19.02.2021, Seite 5 / Inland
Ausbeutung auf dem Feld

Dreckige Ernte

IG BAU fordert Sozialversicherungs- und Gesundheitsschutz für Saisonarbeiter
Von Sandra Schönlebe
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Schuften für Armutslöhne, denn der Spargel soll möglichst preiswert auf dem Tisch landen

Der Vorsitzende des Beelitzer Spargelvereins, Jürgen Jakobs, ist zufrieden: »Wir haben reichlich Anfragen aus Polen und Rumänien von Saisonarbeitskräften, die kommen wollen«, sagte er am Dienstag gegenüber dpa. Die Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) schlägt trotzdem Alarm: Sie befürchtet einen Personalengpass bei der Ernte. Grund hierfür sei die Weigerung der Branchenverbände, den überwiegend aus Osteuropa kommenden Saisonarbeitskräften »faire und auf die neuen Coronagefahren ausgerichtete Arbeitsbedingungen« zuzugestehen, wie die Organisation vergangenen Woche in einer Pressemitteilung schrieb.

Die Sonderregelungen für deren Einreise werden wohl laut Bundeslandwirtschaftsministerium in diesem Jahr ähnlich gelten wie 2020. Die Saisonarbeiter sollen dann wieder 115 Tage bleiben dürfen, ohne Sozialversicherungsbeiträge abführen zu müssen. Derzeit ist der abgabenfreie Aufenthalt auf 70 Tage im Jahr beschränkt. Doch das bedeutet auch, dass sie keine Kranken- und Rentenversicherung haben. Angesichts der Mutationen des Virus für die IG BAU eine unhaltbare Situation. Harald Schaum, Vizechef der Gewerkschaft, plädiert deshalb dafür, den »kompletten Ernteeinsatz auf solide Füße zu stellen – mit vollem Sozialversicherungsschutz ab dem ersten Tag auf dem Feld«.

Er fordert das Eingreifen von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), um unkalkulierbare Risiken für die Arbeiter zu verhindern, die sich aus der Weigerung der Betriebe ergäben, höhere Lohnnebenkosten zu zahlen. Die Kräfte aus Polen, der Ukraine oder Bulgarien müssten laut IG BAU auch darauf vertrauen können, dass die Höfe in Gesundheitsschutz investieren. »In den Unterkünften, beim Transport von Feld zu Feld sowie bei der Arbeit auf den Feldern und in den Betrieben muss stärker denn je auf Infektionsschutz geachtet werden«, so Schaum weiter. Die Unterbringung in Einzelzimmern, kostenlose FFP2-Masken, Desinfektionsspender, regelmäßig gereinigte Sanitärbereiche auf den Feldern und in den Unterkünften sowie kostenlose Coronatests gehörten in der neuen Erntesaison zum Standard.

Doch mit dem letzten Spargel ist zwar das Gemüse, jedoch nicht das Problem vom Tisch. Denn auch die folgende Erdbeer- und Blaubeersaison und die Weinlese basieren auf der harten körperlichen Arbeit osteuropäischer Hilfskräfte. Bereits im vergangenen Jahr gab es aufgrund der Pandemie Besonderheiten. Nach dem anfänglichen Aufschrei der Bauern über das Einreiseverbot für Erntehelfer aus Osteuropa ließ sich die Bundesregierung erweichen. Ähnlich einer Luftbrücke wurden Zehntausende Menschen beispielsweise aus Rumänien in voll besetzten Flugzeugen nach Deutschland geflogen. Dann dominierten schlechte Arbeitsbedingungen und Infektionsprobleme die Schlagzeilen.

Die Bezahlung lag in vielen Fällen deutlich unter dem Mindestlohn, die Kräfte wurden oft mit unrealistischen Mengenvorgaben traktiert, ihnen wurden absprachewidrig die Flug- und horrende Unterkunftskosten in Rechnung gestellt. Auch die Arbeitszeiten wurden häufig nicht erfasst, so dass es zu Unterzahlungen kam, gegen die die Arbeiter nichts unternehmen konnten. Immer wieder war von Coronaausbrüchen auf Spargelhöfen berichtet worden. Ein rumänischer Erntehelfer starb am 11. April in der Nähe von Freiburg, wie Spiegel damals berichtete. Der Mann sei an Covid-19 erkrankt gewesen, so das Gesundheitsamt des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald damals. Angesteckt habe er sich vermutlich in Deutschland.

Am Ende der Saison waren zumindest die Bauern dann doch zufrieden. »Unsere Branche gehört nicht zu den Verlierern«, sagte der Vorstandssprecher der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer, Fred Eickhorst, dem NDR Mitte Juni. Der Durchschnittspreis für ein Kilo des stangenförmigen Verkaufsschlagers habe bei 7,77 Euro gelegen. Es bleibt zu hoffen, dass der diesjährige Nettostundenlohn der Erntehelfer deutlich darüber liegt.

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Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

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