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Aus: Ausgabe vom 17.02.2021, Seite 12 / Thema
Politische Theorie

In die Dummheit gesiegt

Der Liberalismus ist auch in theoretischer Hinsicht nicht mehr, was er einmal war. Über aktuelle Verfallsformen einer politischen Lehre
Von Marc Püschel
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Zum T-Shirt-Spruch degradiert. Was man sonst von liberaler Theorie liest, ist eher unerfreulich (FDP-Politiker Rainer Brüderle bei der Zeitungslektüre auf einem Parteitag in Köln, 25.4.2010)

Man mag darüber streiten, wann sich der Liberalismus als Tragödie – als Offenkundigwerden des Widerspruchs zwischen seinen Freiheitspostulaten und der kapitalistischen Realität – ereignet hat, doch gewiss ist, dass er in der Gegenwart nur noch als Farce stattfindet. Sich dessen zu vergewissern, reicht bereits ein Blick in die Spalten der sich als Vorreiter der politischen Freiheit gerierenden Welt. Nicht nur, dass uns dort kaum volljährige Junglibertäre, deren Hauptbeschäftigung das Herumpöbeln gegen Linke in den sozialen Netzwerken ist, als hoffnungsvoller Nachwuchs präsentiert werden, auch im fortgeschrittenen Bildungsstand und Alter ist es kaum besser.

Jüngst erst durfte sich etwa Ulrike Ackermann, Politikwissenschaftlerin und laut eigener Aussage »einzige deutsche Freiheitsforscherin«, anlässlich der Gründung des »Netzwerk Wissenschaftsfreiheit« über die Schrecken der »Cancel Culture« auslassen. Als schlimmstes Beispiel wusste die Leiterin des John-Stuart-Mill-Instituts¹ aufzuführen, dass dem Siegener Professor Dieter Schönecker Kritik entgegenschlug, als er zu einer Seminarreihe die neurechten Vordenker Marc Jongen und Thilo Sarrazin einlud, um sie über den »neuen Tugendterror in Deutschland« referieren zu lassen.² Obwohl die einzige Unbill, die Schönecker letztlich erlitt, darin bestand, dass ihm seitens der Universität keine zusätzlichen finanziellen Mittel für die Veranstaltung gewährt wurden und er Absagen von linken Referenten erhielt, entblödete sich der Professor nicht, im Nachhinein im Deutschlandfunk (14.3.2019) von »sozialer und moralischer Tyrannei« zu fabulieren. Ackermann wiederum, die auch zu den Erstunterzeichnern des rechtslastigen »Appells für freie Debattenräume« gehört, beklagte eine wachsende »Selbstviktimisierung«, die etwa in der linken Identitätspolitik stattfinde. Ihr scheint der Widersinn zu entgehen, der darin liegt, sich einerseits über den Zusammenschluss von Gruppen mit derselben Diskriminierungserfahrung zu beschweren, aber sich andererseits als elitärer Professoren- und Intellektuellenverbund zusammenzuschließen, um sich als Opfer der »Cancel Culture« zu inszenieren.

Einzig bei der Aussage »Wir sind in der Krise, weil eine geistige Austrocknung der Eliten stattgefunden hat«, möchte man ihr beipflichten. In der Tat macht das aktuelle Niveau bei den selbsterklärten Freiheitskämpfern des bundesdeutschen Feuilletons auch als Marxist betroffen. Bleibt die Frage, ob es überhaupt noch ernstzunehmende liberale Theorie gibt, die der Beschäftigung lohnt.

Freiheit und Democracy

Der Liberalismus litt schon seit seinen Anfängen im 18. Jahrhundert an dem grundlegenden Denkfehler, Gesellschaft nur vom Individuum und seinen formalen Rechten aus zu denken, und bereits der Verlauf der Französischen Revolution offenbarte den Widerspruch zwischen den bürgerlichen Rechten der Individuen und ihrer tatsächlichen sozioökonomischen Lage. In diesem Sinne kritisierte Hegel in seinen geschichtsphilosophischen Vorlesungen, der Liberalismus setze »allem das Prinzip der Atome, der Einzelwillen entgegen«, und da er nur an dem Formellen der Freiheit festhalte, habe er »allenthalben bankrott gemacht, zuerst die große Firma desselben in Frankreich, dann in Spanien, in Italien …« Dass Hegel hier auf Wirtschaftsvokabular zurückgreift, ist kein Zufall, auch wenn erst Marx und Engels im Kapitalverhältnis die eigentliche Triebkraft erkannten, die den Widerspruch zwischen formaler und reeller Freiheit der Menschen auf die Spitze treibt.

Über diesen Gegensatz hinwegzublicken, führt zu Heuchelei, und darum kann die Geschichte der liberalen Theorie auch gut als eine der Verlogenheit geschrieben werden, wie es Domenico Losurdo in »Freiheit als Privileg« unternahm, worin er auf die enge Einbindung liberaler Vordenker in illiberale politische Praxis verwies. Beispielsweise war der englische Philosoph John Locke – u. a. gedanklicher Vorreiter der Gewaltenteilung – Aktionär der sklavenhandelnden Royal African Company.³ Der Zusammenhang von Freiheit und Sklaverei ist – zumindest in der bisherigen Geschichte – ein notwendiger, denn »Freiheit, das ist immer auch die Freiheit derjenigen, die der Unterdrückung anderer fähig oder willens sind«, und diese Einsicht wird »als die ungeheure Peinlichkeit, die sie für alle Beteiligten ist, bis heute von einem weißen Fleck auf der Landkarte des Liberalismus überdeckt«.⁴ Bei noch unterentwickelten Produktionskräften muss man sich Freiheit und Gleichheit erst einmal leisten können, und das konnten zuerst, sowohl in der Antike als auch in der Frühen Neuzeit, Sklavenhalter. Im geistigen Überbau führte dies zu einem fortwährenden Lavieren oder teils zu einer offenen Apologie der illiberalsten aller Einrichtungen.

Dennoch besitzt der Liberalismus eine bemerkenswert lange intellektuelle Tradition. Das Bürgertum, solange es noch eine vorwärtstreibende gesellschaftliche Kraft gegenüber dem Feudalismus darstellte, bedurfte einer entsprechend fortschrittlichen Theorie. So lieferten seine Denker nicht nur auch für den Marxismus wichtige Vorarbeiten und Anregungen in Sachen Philosophie (Thomas Hobbes, John Locke, Montesquieu etc.) und Politökonomie (Adam Smith, John Stuart Mill), sondern zudem bis ins 20. Jahrhundert hinein relevante Begriffsschärfungen und – sie mögen einem politisch auch noch so fernstehen – neue theoretische Ansätze (man denke etwa an Max Weber). Ebenso auffallend ist die frühere Vielfalt der Lehren, die von einer Art Selbstvervollkommnungsideal, wie es ein Wilhelm von Humboldt vertrat, über Verfassungs- und Wirtschafts- bis hin zu einem sozialen Liberalismus reichten. Ein Denker wie John Stuart Mill verfolgte den Gedanken der Freiheit sogar so konsequent, dass er in seinem Spätwerk »Chapters on Socialism« von 1879 unvoreingenommen die Möglichkeit einer kommunistischen Gesellschaft in Betracht zog.

Doch schon seit geraumer Zeit herrscht Flaute: Der letzte große Ansatz, dem man Originalität und Bedeutung zubilligen kann, ist die 1971 publizierte »Theorie der Gerechtigkeit« des US-Philosophen John Rawls. Die nächste große Strömung in der politischen Philosophie war bereits ein »Backlash« zu Rawls, der unter Rückgriff auf das Gedankenexperiment eines Gesellschaftsvertrags eine Theorie einer auf Gleichheit ruhenden politischen Ordnung entwarf, die als »egalitärer Liberalismus« bezeichnet wurde. Der Kommunitarismus, der in den 1980er Jahren entstand, nahm bereits an, der Liberalismus sei selbstzerstörerisch, und verwies darauf, dass Individuen prinzipiell sozial eingebettet sind. Seine Vertreter tendieren jedoch eher zu konservativen Gesellschaftsmodellen und setzen gegen die kapitalistische Tendenz zur absoluten Vereinzelung der Individuen auf altbewährte Institutionen wie Familie und Religion. Lange Zeit blieben solche Einwände aber »Elfenbeinturm«-Debatten, denn in der öffentlichen Wahrnehmung schien der Niedergang der osteuropäischen sozialistischen Staaten die liberale Fortschrittsidee zu bestätigen. Seinen berühmtesten Ausdruck fand dieser geradezu teleologische Glaube in Francis Fukuyamas Buch »The End of History and the Last Man« von 1992: Mit dem Siegeszug von Marktwirtschaft und bürgerlicher Demokratie sei die Geschichte zu einem Ende gekommen.

Der Optimismus hielt nicht einmal 20 Jahre. Statt eines Triumphzugs der Freiheit sehen wir allenthalben Krisenstimmung, wirtschaftlichen Niedergang und ein Wiederaufleben faschistischer Kräfte. Dass der Liberalismus auf dem Höhepunkt seiner geistig-kulturellen und realpolitischen Macht völlig zusammenzubrechen scheint, hat bereits Patrick J. Deneen als einen nur scheinbaren Widerspruch herausgearbeitet. In »Why Liberalism Failed« (Warum der Liberalismus gescheitert ist) von 2018 konstatiert der US-Politikwissenschaftler von einer streng konservativen Warte und in der Tradition des katholischen Kommunitarismus, der Liberalismus habe sich zu Tode gesiegt. Er versage nicht obwohl, sondern gerade weil er nun unumwunden herrsche und dadurch seine immanenten Widersprüche – insbesondere ökonomischer Natur – voll zum Tragen kämen.

Den Freiheitsdenkern hat das vergangene Vierteljahrhundert geistig wenig gutgetan. So meldete sich jüngst Fukuyama zu Wort und behauptete, seine ursprüngliche Vorhersage sei nur falsch verstanden worden. Das Ende der Geschichte sei keine einmal für immer bestehende Form der Regierung, sondern die »ewige Rückkehr zu derselben Regierungsform«, was auch immer das heißen mag. Bemerkenswert an seinen Einlassungen waren lediglich die völlige Abwesenheit neuer Gedanken und seine sprunghafte Argumentation, in deren Verlauf er erst den Irrationalismus der McCarthy-Ära verdammte und im nächsten Atemzug kundgab: »In dem Moment, in dem wir hier miteinander sprechen, infiltrieren die Chinesen jede internationale Organisation und versuchen dort, ihre Leute in Stellung zu bringen.«5

Wort zum Sonntag

Die Lage in Deutschland ist kaum besser. Fast alle Wortmeldungen lesen sich wie Predigten. Das offenkundige Bestreben der meisten liberalen Vor- und Nachdenker geht dahin, den angesichts der deutlich zutage tretenden Übel des Kapitalismus in Verruf geratenen Liberalismus durch eine Sozialdemokratisierung zu retten (nachdem sich die Sozialdemokratie in den vergangenen drei Jahrzehnten tüchtig neoliberalisiert hat, mag man darin eine eigentümliche Ironie der Geschichte erkennen).

So fordert z. B. die Universitätsdozentin Karen Horn: »Für den klassischen Liberalismus hingegen empfiehlt sich eine Position des versöhnlichen Ausbalancierens, des klugen, verantwortungsbewussten Sowohl-als-auch, der Gleichzeitigkeit, wie sie in der vom Philosophen Paul Ricœur entlehnten Lieblingswendung Emmanuel Macrons (»en même temps«) zum Ausdruck kommt. (…) So verstanden, vermag der Liberalismus beispielsweise klar für ein Ja zu der Aufgabe zu stehen, die soziale Frage in den Vordergrund zu stellen, verzahnt mit der wirtschaftlichen Freiheit, die erst die Basis für Chancengleichheit und gemeinsame Sicherung schafft.«⁶ Anders gesagt: Der Liberalismus lässt ein wenig Sozialdemokratie zu, um sich retten zu lassen. Das bleibt dann ebenso vage wie der vom Soziologen An­dreas Reckwitz aufgestellte Wunsch nach einem »neuen, einbettenden Liberalismus«, der auch das Soziale berücksichtige.

Geradezu traurig inhaltsleer sind auch die Schlussfolgerungen, die Vittorio Hösle, einer der wichtigsten deutschen Philosophen (Dampfplauderer wie Peter Sloterdijk nicht einberechnet), in seinem Buch »Globale Fliehkräfte« zieht. Einer klugen, teils materialistischen Erörterung des Niedergangs des Westens folgt hier am Schluss nicht mehr als: »Letztlich ist die Herausbildung einer rationaleren Form von Universalreligion, die gleichzeitig im Prinzip allen zugänglich ist, das eigentliche Desiderat einer globalisierten Welt. Diese verlangt nach einer gemeinsamen spirituellen Grundlage – der rationale Eigennutz allein ist dazu nicht ausreichend.«⁷ Die liberale Ratio schweigt, was bleibt, ist Hoffnung und Glaube.

Originalität muss man dagegen immerhin der neuesten Liberalismus-Einführung für Studenten zuschreiben, die direkt jeden Vergleich mit der Wirklichkeit abwehrt: »So wie man die Plausibilität des Sozialismus nicht daran bemessen sollte, wie seine Ideen in den Ländern des sogenannten Ostblocks umgesetzt wurden, sollte man auch den Liberalismus nicht schon deswegen verdammen, weil in Staaten, die sich als liberal bezeichnen, bestimmte soziale Gruppen nach wie vor strukturell diskriminiert werden.«⁸ Der Liberalismus, wollen uns die Autoren mitteilen, sei nur noch nicht richtig umgesetzt worden.

Das Buch, das in der ersten Jahreshälfte 2020 die größte Begeisterung hervorrief, war »Furcht und Freiheit« von Jan-Werner Müller. Der Princeton-Professor trat an, einen »anderen Liberalismus« zu begründen, doch bietet letztlich kaum mehr als eine Schrumpfversion altbekannter Theorien. Er knüpft dafür an die Schrift »Der Liberalismus der Furcht« (1989) der US-Politologin Judith Shklar an: »Sie plädierte leidenschaftlich dafür, sich politisch auf die Vermeidung des Schlimmsten zu konzentrieren – aus ihrer Sicht waren das alle Situationen, in denen Menschen andere Menschen grausam behandeln.«⁹ Aus einer Theorie, die auf existentielle Sicherheit als Grundvoraussetzung eines freien Lebens abziele, lasse sich ein »Liberalismus von unten« (eine Formulierung des Philosophen Axel Honneth) gewinnen.

Das klingt nach einem hübschen Gedanken, bleibt aber ebenso abstrakt wie alle anderen Einlassungen. Neben einem Parforceritt durch die Ideengeschichte geht es Müller vor allem um eine Auseinandersetzung mit rechten Populisten, dabei versteift er sich aber in der typisch liberalen Haltung, auch noch seine rechten Gegner irgendwie einbinden zu wollen. Denn Populisten wie die AfD auszuschließen sei »aus einer demokratietheoretischen Sicht zutiefst problematisch«.

Müller erkennt zwar an, dass Furcht in einer Gesellschaft nicht nur vom Staat, sondern auch von privaten Unternehmen ausgehen kann, und behauptet: »Vermachtete Märkte und oligarchische Formen des Rentierkapitalismus sind Herausforderungen, auf die auch der Liberalismus der Furcht antworten kann.« Doch was Müller liefert, sind lediglich Phrasen, keine Antworten. Nichts führe »an dem Imperativ vorbei, erst einmal den Opfern zuzuhören«, den Mächtigen müsse man »Grenzen setzen«, die Welt der Arbeit und der Industrie dürfe für den Liberalismus »keine Leerstelle bleiben«, Unsicherheit »muss man aushalten können« und zuletzt: »Die Antwort auf die Defizite des Liberalismus ist die Demokratie.« Zu dem Kernproblem, dass sich innerhalb einer freien Gesellschaft von Warenproduzenten Klassen nach dem Besitz der Produktionsmittel und damit ein Widerspruch zwischen formaler und realer Freiheit herausbilden, hat er nicht mehr zu bieten als: »Die Möglichkeit, eine Gesellschaft als Ganze könnte sensibler für Leiden werden und mehr Solidarität entwickeln, kommt gar nicht erst in den Blick.«

Schlussendlich fordert er Anstand ein und klagt: »Angesichts der zunehmenden Verrohung westlicher Gesellschaften, wo man inzwischen Minderheiten wie Eliten buchstäblich zum Abschuss freigibt, ist diese Forderung nicht trivial.« Man bekommt einen Eindruck vom Ausmaß des geistigen Niedergangs, wenn man bedenkt, dass dieses eines der besten Bücher des letzten Jahres sein soll.

Notwendiger Verfall

Doch warum eigentlich hat das Bürgertum keinen Gedanken mehr zu bieten? Natürlich könnte man auf die allgemeine Krise des Kapitalismus verweisen, doch gibt es zumindest vier spezifische Aspekte. Erstens ist die »innere Landnahme« des Liberalismus abgeschlossen. Zwar ist sein Ideal – gleiche Rechte für alle Bürger – bereits mit der Französischen Revolution erhoben worden, doch wurde dieses Prinzip erst schrittweise in den letzten zwei Jahrhunderten durchgesetzt. Gerade in den liberalen Weltgegenden fand die völlige rechtliche Gleichstellung von Schwarzen und Frauen gegenüber weißen Männern erst in den 1960er und 1970er Jahren statt, die Gleichstellung von Minderheiten mit von der Mehrheit abweichenden sexuellen Orientierungen erfolgte zudem noch später. Für den Liberalismus aber hieß das: solange noch nicht gleiches Bürgerrecht für alle durchgesetzt war, blieb er als politische Forderung, die es auch theoretisch zu begründen und vertreten galt, aktuell. Diese Legitimität ist abhandengekommen. Der Liberalismus hat erreicht, was er versprach. Es gibt nichts mehr, was er als exklusives Ziel anstreben kann. Er muss stagnieren – und im Gegensatz zum älteren Liberalismus auch jedes emanzipatorische Moment verlieren. John Stuart Mill etwa war noch einer der berühmtesten Frauenrechtsvertreter.

Zweitens ging dem Liberalismus nach 1990 der geistige Gegner verloren. Mit dem Wegfall des Ostblocks und der Marginalisierung der Marxisten im Westen schwand die äußere Notwendigkeit, liberale Theorie zu stärken und auszubauen. Bloße geistige Besitzstandwahrung und Antriebsverlust statt Kreativität aus Herausforderung wurde bei den »Siegern der Geschichte« die Regel – das beste Beispiel für die Dialektik, angesichts des umfassendsten Sieges zugleich die größte Niederlage zu erleiden.

Drittens bleiben seine modernen Gegner für den Liberalismus nahezu unangreifbar, solange sie sich als Vertreter seines eigenen Prinzips ausgeben. Von Politikern wie Donald Trump und Jair Bolsonaro bis hin zu ganzen Parteien wie der niederländischen »Partei der Freiheit« oder der FPÖ inszenieren sich Rechte als Verteidiger der Freiheit, womit ihnen auch der Brückenschlag ins liberale Milieu gelingt. Ideologisch kann mit dieser kruden Mischung nichts Neues gelingen. Statt dessen gelangt der Liberalismus ironischerweise wieder an seinen historischen Ausgangspunkt: Freiheit wird zu einem Privileg der europäischen Bevölkerung, das es gegen »unzivilisierte« Migranten, denen es an »unseren« Werten mangele, zu verteidigen gilt. John Locke nannte sie noch schlicht »die Wilden«.

Doch auch auf der anderen Seite kann sich der Liberalismus theoretisch nicht so recht abgrenzen, solange linke Politik vorrangig als Identitätspolitik betrieben wird. Denn die ist eine Rebellion gegen die Widersprüche des Liberalismus mit dessen eigenen Mitteln, insofern nur die von der bürgerlichen Ordnung garantierten Rechte auch tatsächlich eingefordert werden, ohne sich dabei um die von den Produktionsverhältnissen stetig reproduzierte Ungleichheit zu kümmern.

Viertens lässt sich auch der Wirtschaftsliberalismus nicht mehr sinnvoll begründen. Solange der Keynesianismus der Kriegs- und Nachkriegszeit das vorherrschende Modell war, konnte der Liberalismus immer noch propagieren, mehr Freiheit für das Kapitel sorge für mehr Wohlstand. Mit der Privatisierung der Wirtschaft, die vor dem Crash von 2008/2009 ihren Höhepunkt erreichte, gehen dem Liberalismus die Argumente aus. Dafür flüchten sich seine Vertreter in Kulturkämpfe und erregen sich bevorzugt z. B. über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der Liberalismus hat nicht nur soweit gesiegt, dass ihm wirtschaftspolitisch keine Aufgaben mehr verbleiben, er kann auch keine fortschrittweisende Perspektive mehr bieten. Die globale Verflechtung, die Dimensionen der Aufgaben, die der Menschheit bevorstehen (Klimawandel, Forschung in der Größenordnung des CERN, Terraforming oder Kolonisation des Mars usw.) und der Grad der Monopolbildung haben ein Ausmaß erreicht, das privatwirtschaftlich nicht mehr zu bewältigen ist.

Einsicht, doch wozu?

Auf eine Ausnahme von der Regel der Verdummung sei jedoch verwiesen. Zur Jahresmitte 2020 legte der Berliner Rechtswissenschaftler Christoph Möllers mit »Freiheitsgrade« ein Buch vor, das im Bildungsbürgertum nicht weniger Begeisterung als Jan-Werner Müller hervorrief. Und anders als dieser kann Möllers in der Tat bemerkenswerte Einsichten präsentieren. Zwar hat sein Werk eher fragmentarischen Charakter und behandelt in 348 Minikapiteln alle möglichen Fragen von Freiheit, Demokratie, Staat, Politik und Recht, doch schafft er es, die Widersprüche des Liberalismus erstaunlich klar zu benennen: »Hinter diesen Widersprüchen steht ein liberales Grunddilemma, eine Theorie der politischen Vergemeinschaftung zu suchen, die von Gemeinschaft absehen will.«¹⁰ Demgegenüber hält er fest: »Es gibt keinen Primat der individuellen vor der gemeinschaftlichen Freiheit, schon weil sich auch Individualität nur als soziales Phänomen beschreiben lässt.« Politische Gemeinschaften seien daher – hier verweist er auf Marx – nicht einfach als Summe von Individuen zu denken.

Die liberale Theorie sieht er aus drei Gründen in der Krise: Aufgrund der Folgen sozialer Ungleichheit für breite Schichten der Bevölkerung, aufgrund der Machtkonzentration bei den Oberschichten und aufgrund des fehlenden echten Wettbewerbs – denn dieser verlangt Chancengleichheit, die es aber nur »auf Grundlage regelmäßiger fundamentaler sozialer Nivellierungen« geben kann. Daher lasse sich das »liberale Ziel eines fairen Wettbewerbs nur mit Mitteln erreichen lässt, die nicht als liberal gelten«.

Ebenso widersprüchlich stellt sich das Freiheitsproblem dar: »Diese große Frage der liberalen Theorie lautet, ob unsere Freiheit mehr durch private Macht oder durch politische Herrschaft gefährdet ist.« Das große Problem sozialer Abhängigkeiten für individuelle Freiheitsspielräume erkennt er an und folgert sogar: »Die Güterzuordnung ist daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie es auch jenseits der Politik gestattet, Macht über Personen auszuüben. In einer liberalen Ordnung darf die Güterzuordnung gar keine politische und nur beschränkt soziale Macht erzeugen.« Doch was nutzt all das? Möllers fordert zwar, liberale Kapitalismuskritik müsse eine Selbstverständlichkeit sein, und gelangt fast bis dahin, von der Vergesellschaftung der Produktionsmittel zu sprechen (bei ihm noch verschämt »Güterzuordnung«), aber dann folgt: nichts.

Der politische Liberalismus, wie ihn der Durchschnitt fasst, endet also in Belanglosigkeiten und Inkohärenz. Doch wird er klug aufgefasst, bietet er nur eine Annäherung an Erkenntnisse, die der Arbeiterbewegung schon seit 170 Jahren bekannt sind, und nichts darüber hinaus. Vielleicht sollten die Marxisten einmal über ein geistiges »Decoupling« (Entkoppeln) nachdenken.

Anmerkungen

1 Dabei handelt es sich lediglich um einen Verein in Heidelberg, den Ackermann 2009 selbst gegründet hat und der finanziell unter anderem von dem »Vodafone-Institut für Gesellschaft und Kommunikation« ausgehalten wird.

2 Vgl. Die Welt, 11.2.2021

3 Vgl. Domenico Losurdo: Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus. Papyrossa-Verlag, Köln 2010, S. 37

4 Felix Bartels: Kein Wort über Gauck! Statt dessen ein paar über den Liberalismus, 23.2.2012, auf www.felix-bartels.de/2012/02/23/kein-wort-ueber-gauck

5 Interview mit Foreign Policy, 18.1.2021

6 Tagesspiegel, 3.5.2020

7 Vittorio Hösle: Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2019, S. 200

8 Christine Bratu/Moritz Dittmeyer: Theorien des Liberalismus zur Einführung. Junius-Verlag, Hamburg 2017, S. 12

9 Jan-Werner Müller: Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019, S. 19

10 Christoph Möllers: Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik. Suhrkamp-Verlag, Berlin/Frankfurt a. M. 2020, S. 25

Marc Püschel schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 28. Oktober 2020 über die Volksrepublik China als Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel.

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