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Aus: Ausgabe vom 17.02.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Bomben auf Zivilisten

Reihenweise Kriegsverbrechen

Hilfsorganisationen dokumentieren Einsätze französischer Truppen und von Streitkräften des Sahel
Von Jörg Kronauer
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Französische »Mirage 2000«-Kampfjets über Mali

Waren es Terroristen oder eine Hochzeitsgesellschaft? Fest steht: Am 3. Januar gegen drei Uhr nachmittags bombardierten zwei »Mirage 2000«-Jets der französischen Luftwaffe eine Gruppe von rund 40 Männern unweit des Dorfes Bounti in Zentralmali. 19 kamen ums Leben, viele weitere wurden teils schwer verletzt. Man habe vorab sorgfältig Aufklärung betrieben, rechtfertigten sich die französischen Militärs: Die Region sei für dschihadistische Umtriebe bekannt. Man sei sicher, mehrere Dschihadisten identifiziert zu haben; und überhaupt, eine Hochzeitsgesellschaft ohne Frauen und Kinder? Letzteres stimme, bestätigten dagegen Dorfbewohner: Die Dschihadisten, die sich in der Region breit machten, setzten die Geschlechterseparation hart durch, weshalb sich die Männer getrennt von den Frauen und Kindern hätten treffen müssen. Was trifft zu? Die UN-Mission Minusma versucht den Fall aufzuklären. Dafür, dass die französischen Jets tatsächlich eine Hochzeitsgesellschaft bombardiert haben, spricht, dass die meisten Verletzten, die Mediziner der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen anschließend behandelten, ältere Männer waren – nicht gerade typische Terroristen.

Es wäre jedenfalls beileibe nicht das erste Mal, dass französische Soldaten in Mali Zivilisten umgebracht hätten. Die Zeitschrift Jeune Afrique hat mehrere französische Militäroperationen dokumentiert, bei denen erwiesenermaßen oder doch zumindest sehr wahrscheinlich Unschuldige ums Leben kamen: am 8. Juni 2019 etwa, als französische Militärs drei Zivilisten in einem Auto erschossen. Wohl noch gravierender sind zudem Vorwürfe, die Menschenrechtler gegen die Streitkräfte Malis, Burkina Fasos und Nigers erheben, die im Sahel an der Seite der europäischen Invasionstruppen Krieg führen. Human Rights Watch beispielsweise hat inzwischen mehr als 600 Fälle dokumentiert, in denen Soldaten der drei Länder seit Ende 2019 ohne jegliche rechtliche Grundlage Zivilisten exekutierten. Vor allem Dschihadisten heizten das Gewaltklima fürchterlich an, räumte Human Rights Watch ein: Seit Ende 2019 hätten sie allein in Burkina Faso 350 Dorfbewohner umgebracht. Am 2. Januar 2021 seien ihnen mehr als 100 Einwohner zweier Dörfer in der Region Tillabéri im Südosten Nigers zum Opfer gefallen. Doch sei eben auch eine Vielzahl schwerster Verbrechen von Soldaten belegt.

Beispiele? Malische Militärs etwa brachten nach Recherchen der Organisation im Juni 2020 insgesamt 43 Einwohner zweier Dörfer in Zentralmali um und ermordeten im Oktober 22 Menschen bei einem Einsatz in der Region um die zentralmalische Stadt Mopti. In Burkina Faso wurden allein zwischen November 2019 und Juni 2020 rings um die Stadt Djibo im Norden des Landes 180 Leichname entdeckt, viele von ihnen mit gefesselten Händen sowie mit verbundenen Augen; in der Region hatten die Streitkräfte exzessiv durchgegriffen. Die UNO wiederum kann mindestens 50 Morde bestätigen, die burkinische Militärs im Mai 2020 bei grenzüberschreitenden Operationen in Mali verübten. In Niger brachten Einsatzkräfte laut Recherchen von Human Rights Watch zwischen Oktober 2019 und April 2020 mindestens 82 Menschen um und ließen 105, vielleicht gar mehr, spurlos verschwinden. Und das sind nur einige Beispiele; es gäbe zahlreiche mehr.

Der Krieg im Sahel, soviel lässt sich festhalten, ist einer, in dem Kriegsverbrechen reihenweise begangen werden, womöglich auch von Soldaten, die zuvor bei EUTM Mali ausgebildet wurden: Immerhin haben inzwischen rund 16.000 malische Militärs Trainingsprogramme der EU-Truppe, darunter deutsche Einheiten, durchlaufen. Dass die Streitkräfte der Sahelstaaten an der Seite der europäischen Mächte kämpfen, schützt sie vor einer lautstarken Skandalisierung ihrer Verbrechen in der Weltöffentlichkeit – nicht anders als die französischen Militärs, die zu Jahresbeginn mutmaßlich eine Hochzeitsgesellschaft umbrachten.

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