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Aus: Ausgabe vom 17.02.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Gipfeltreffen im Tschad

Düstere Prognosen

Wird aus Sahel das neue Afghanistan? Kriegsmaschinerie vor Ort lässt das befürchten
Von Jörg Kronauer
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Soldaten aus Frankreich und Mali während einer Patrouille im Dreiländereck (Januar 2021)

Frankreich fordert verstärkte Anstrengungen im sogenannten Antiterrorkrieg im Sahel. Man habe zuletzt im Kampf gegen dschihadistische Milizen im Dreiländereck zwischen Mali, Burkina Faso und Niger »wirkliche Erfolge« erzielen können, erklärte Präsident Emmanuel Macron am Dienstag auf dem Sahelgipfeltreffen in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena. Macron nahm an dem Treffen, zu dem die Staatsoberhäupter Mauretaniens, Malis, Burkina Fasos, Nigers und Tschads zusammengekommen waren, wie auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) per Video teil. Es gelte nun, die Kräfte noch mehr zu bündeln, um den gesamten dschihadistischen Terror in der Region »zu enthaupten«, verlangte Macron. Nur so ließen sich die jüngsten Erfolge ausbauen, die Paris vergangenes Jahr mit der Aufstockung seiner Interventionstruppe erzielt habe: Neue Aktivitäten seien gefragt.

Erfolge im »Antiterrorkrieg« im Sahel? Sieht man von vereinzelten Positionsgewinnen der Streitkräfte Frankreichs und seiner einheimischen Verbündeten im erwähnten Dreiländereck ab, dann kann davon keine Rede sein. Vielmehr ist der Krieg, der inzwischen seit gut acht Jahren tobt, zu einem einzigen Desaster geworden. Hatte er im Jahr 2013 damit begonnen, dass Frankreichs Truppen den Norden Malis einnahmen und dort dschihadistische Milizen verjagten, so ist seither Rückschlag um Rückschlag gefolgt. Gelang es den ausländischen Truppen nie, Nordmali auch nur halbwegs zu stabilisieren, so griffen die Aufstände zunächst auf das Zentrum des Landes über, wo alte Spannungen zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern eskalierten – nicht zuletzt wegen der voranschreitenden Trockenheit – und attraktiven Nährboden für Dschihadisten boten. Längst haben die Unruhen auch die Landesgrenzen überschritten und den Norden Burkina Fasos sowie Nigers Südwesten erfasst – und sie drohen weiter auszugreifen. Manche befürchten sogar ein Zusammenwachsen mit den Operationsgebieten der sich bislang auf Nigeria beschränkenden dschihadistischen Miliz von Boko Haram.

Aufbau einer EU-Truppe

Was tun? Macron, der Anfang Februar mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vereinbart hat, sich beim Vorgehen im Sahel eng miteinander abzustimmen, setzt unverändert auf das Militär. Bereits Anfang 2020 hatte Paris seine Sahelinterventionstruppe (»Opération Barkhane«) von 4.600 auf 5.100 Soldaten aufgestockt, um wenigstens punktuell gewisse Erfolge erzielen zu können. Barkhane wird logistisch gelegentlich von der UN-Mission Minusma unterstützt, an der sich die Bundeswehr mit bis zu 1.100 Soldaten beteiligt, die allerdings allgemein mit der Stabilisierung von Malis Norden befasst – und ausgelastet – ist. Macron treibt darüber hinaus den Aufbau einer neuen EU-Truppe (»Taskforce Takuba«) voran: Sie soll Spezialkräfte der Sahelstaaten unterstützen und in den Einsatz begleiten. Allerdings schleppt ihr Aufbau sich hin; bisher sind außer 115 französischen lediglich 30 estnische und 30 tschechische Elitesoldaten bei Takuba im Einsatz. Vor einigen Tagen trafen zur Verstärkung die ersten Angehörigen eines 150 Soldaten starken schwedischen Kontingents ein.

Darüber hinaus dringt Frankreich auf stärkere militärische Aktivitäten der fünf Sahelstaaten Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad, die dazu schon 2017 eigens eine G-5-Saheleingreiftruppe gegründet haben. Deren Aufbau, der auch von Deutschland unterstützt wird, geht recht schleppend voran. Am Dienstag hat Tschads Präsident Idriss Déby Itno angekündigt, 1.200 tschadische Militärs in das Grenzgebiet zwischen Mali, Burkina Faso und Niger zu entsenden; allerdings ist das nicht wirklich neu: Déby hatte das bereits vor ungefähr einem Jahr in Aussicht gestellt. Tschads Streitkräfte stecken jedoch schon heute im Krieg gegen Boko Haram fest.

Dauerbelastung

Hofft Paris, mit der aktuellen Truppenaufstockung vielleicht noch den einen oder anderen militärischen Teilerfolg erzielen zu können, so strebt es zugleich eine Entlastung seiner eigenen Militärs an. Der Einsatz französischer Streitkräfte gilt mit der Dauerbelastung im Sahel tendentiell als überdehnt; zudem kostet allein die »Opération Barkhane« den französischen Haushalt seit 2018 annähernd eine Milliarde US-Dollar pro Jahr. Vor dem gestern zu Ende gegangenen Sahelgipfeltreffen war zu hören gewesen, Macron werde womöglich schon in wenigen Monaten die letzte Aufstockung der Barkhane-Truppen rückgängig machen und sie wieder auf 4.600 Militärs, vielleicht sogar noch weniger reduzieren. Weiter aufgestockt werden sollen dafür die »Taskforce Takuba« und die G-5-Saheleingreiftruppe. An der Ausbildung malischer Soldaten beteiligt sich bekanntlich im Rahmen von EUTM Mali auch die Bundeswehr.

Und die Gesamtperspektive? Sie sei »unverändert«, äußerte gestern sogar Thomas Schiller, Leiter des Sahelregionalprogramms der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung: »Es kann nicht mehr schlechter werden.« Schiller ließ sich sogar zu einem Vergleich hinreißen, den unabhängige Beobachter seit Jahren ziehen: Dem Sahel drohe möglicherweise ein ähnliches Schicksal wie Afghanistan. Womit aber Schillers These, es könne »nicht mehr schlechter werden«, widerlegt wäre.

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