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Aus: Ausgabe vom 16.02.2021, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Glyphosat

»Die Regierung lässt jede Menge Ausnahmen zu«

Bayer-Lobbyismus erfolgreich: Neue Gesetzentwürfe zu Glyphosat nicht ausreichend. Ein Gespräch mit Jan Pehrke
Interview: Gitta Düperthal
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Ausbringung von Glyphosat auf einem Feld in der Bundesrepublik (8.6.2020)

Am vergangenen Mittwoch hat die Bundesregierung ein Gesetzespaket zum Umgang mit Pestiziden beschlossen. Einige Medien titelten, das Ende von Glyphosat sei besiegelt. Wie sehen Sie das?

Pflanzenschutzmittel auf Glyphosatbasis sollen vom 1. Januar 2024 an sowieso verboten sein, wenn die EU-Zulassung sowie eine anschließende Übergangsfrist ausgelaufen ist. Derzeit gibt es eine Zulassung bis Dezember 2022. Restbestände dürfen noch bis Ende 2023 verbraucht werden. Bundesagrarministerin Julia Klöckner, CDU, und Bundesumweltministerin Svenja Schulze, SPD, äußerten, es sei danach nicht mehr mit einer erneuten Zulassung zu rechnen. Die Bundesregierung ergreift keine früheren Maßnahmen und lässt jede Menge Ausnahmen zu. Sie will den Einsatz des Ackergifts nur mindern und setzt so Mensch, Tier und Umwelt weiterhin großen Risiken aus. Eine sinnvolle Strategie ist das nicht. Zum Vergleich: Österreich hat versucht, dies früher zu schaffen, und Frankreich hat Beschränkungen erlassen, die einschneidender sind.

Im Ackerbau soll die Anwendung etwa nur noch gestattet sein, wenn mechanisches Entfernen des Unkrauts wegen erodierender Böden nicht möglich ist. Warum reicht Ihnen das nicht?

Tatsache ist doch: Auf den Äckern bleibt Glyphosat weitgehend erlaubt. Etwa wenn das Pflügen, die Wahl einer geeigneten Fruchtfolge oder eines geeigneten Aussaatzeitpunkts nicht möglich ist. Das Mittel darf auch gegen bestimmte Wildkräuter nach wie vor zum Einsatz kommen. Das Verbot gilt für öffentliche Parks und Sportanlagen – sowie für den privaten Gebrauch für Haus und Garten. Selbst da sind noch Ausnahmen zugelassen. Das macht nicht mal ein Prozent des gesamten Verkaufs aus. Die Bundesregierung hat sich dem Lobbydruck von Bayer und Co. gebeugt. Mit CDU und SPD ist nicht mit mehr Umweltschutz zu rechnen. Bündnis 90/Die Grünen kritisieren das. Aber ob sie das nach einem möglichen Erfolg bei der kommenden Bundestagswahl umsetzen oder wie sie sich verhalten, wenn es zur Abstimmung im Bundesrat kommt, ist Spökenkiekerei. Auf hochdeutsch: Alles Zukunftsmusik!

Welche Gefahren drohen durch Glyphosat?

Offiziell geht es hierzulande stets nur um den Aspekt, dass das Mittel die Artenvielfalt gefährde und giftig für Insekten sei. Zwar ist es schlimm, dass die Bienenpopulation Schaden erleidet, problematischer aber sind die Gefahren für die Menschen. Allein in den USA muss Bayer weit über 100.000 Lymphdrüsenkrebskranken eine Entschädigung zahlen. Deshalb fordern wir einen sofortigen Glyphosatstopp.

Mit dem Geld sind für die Erkrankten keineswegs alle Probleme zu lösen …

Immerhin gab es in den USA große Entschädigungsprozesse. Diese Gefahren wurden richterlich bestätigt. Weitere Strafen gab es für Monsanto und Bayer, weil die Konzerne solche Schäden weiterhin verharmlost hätten.

Konventionelle Bauern organisieren Proteste und behaupten, keine Alternativen zum Glyphosat zu haben. Ein Verbot gehe ihnen an die Existenz. Was sagen Sie dazu?

Klöckner hat den »Insektenschutz« mit mehr als 140 Millionen Euro gefördert, vermutlich werden weitere Gelder folgen. Ohne das Pflanzengift auszukommen ist aufwendiger, weil die Bauern dann pflügen müssen. Glyphosat ist quasi eine Rationalisierungsstrategie. Die Industrie arbeitet nicht genug an Alternativen. Die Agrar­konzerne waren mit ihrem Absatz zufrieden, haben kaum Geld in die Forschung gesteckt. Völlig losgelöst von den realen Gefahren wollen sie Profite machen.

Wie werden Sie weiter vorgehen, um Glyphosat zu stoppen?

Das Thema wird weltweit erhalten bleiben. Obwohl auch die Weltgesundheitsorganisation Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hat, wird es in Lateinamerika weiterhin angewendet. Nur Mexiko hat kürzlich ein Verbot erlassen und setzt auf Biodiversität. Deshalb werden wir unsere internationalen Kooperationen ausbauen. Es wird ein langer Weg werden. Bei der Bayer-Hauptversammlung Ende April werden wir das thematisieren.

Jan Pehrke ist im Vorstand der konzernkritischen Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG)

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