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Aus: Ausgabe vom 15.02.2021, Seite 16 / Sport
Wintersport

… und am Ende siegen Niederländer

Die diesjährige Eisschnellauf-WM sollte eine neue Ära einläuten
Von Gabriel Kuhn
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Irgendwie auch Niederländer: Nils van der Poel holte über 5.000 Meter die erste schwedische WM-Medaille

Die Coronakrise führte in allen Wintersportarten zu Änderungen in der Saisonplanung. Um weniger zu reisen, schränkte man die Anzahl der Veranstaltungsorte ein. Im Biathlonweltcup etwa gibt es doppelte Rennwochenenden an ein und demselben Ort. In keiner Sportart jedoch wurde das Prinzip so radikal durchgezogen wie im Eisschnellauf. Die Internationale Eislaufunion entschloss sich, überhaupt alle Großveranstaltungen im Eisschnellauf-Mekka Heerenveen in den Niederlanden abzuhalten.

Zwar finden aufgrund des Klimawandels traditionelle niederländische Langstreckenrennen wie die »Elf-Städte-Tour« mittlerweile auf österreichischen Alpenseen statt, doch tut das dem Status des Eisschnellaufens als Nationalsport in den Niederlanden keinen Abbruch. Der Schlittschuh soll dort erfunden worden sein, und Eisschnellaufrennen werden angeblich seit dem 13. Jahrhundert durchgeführt.

Die erdrückende Dominanz des Landes im modernen Eisschnellaufsport begann vor 20 Jahren. Bei der Weltmeisterschaft 2001 in Salt ­Lake City konnte letztmals eine andere Nation mehr Medaillen holen. Angeführt von der beim SC Turbine Erfurt ausgebildeten Doppelweltmeisterin Gunda Niemann-Stirnemann lag Deutschland im Medaillenspiegel vorn. Seither sind die Niederlande meilenweit voraus und gewinnen bis zu 50 Prozent aller WM-Medaillen. Dank dieser Vorherrschaft sicherten sie sich bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang gar den fünften Platz in der Nationenwertung – vor Schweden, der Schweiz oder Österreich. Bemerkenswert für ein Land, das alle seine Medaillen, insgesamt 20, in einer einzigen Sportart holte.

In Heerenveen steht mit dem Thialf das berühmteste Eisschnellaufstadion der Welt. Mit dem angeschlossenen Trainingszentrum ist es zugleich ein zentraler Baustein des niederländischen Eisschnellauferfolgs. Ausländische Trainer nennen es ehrfürchtig die »Medaillenschmiede«.

Das Thialf fasst 12.500 Zuschauer. Das schafft eine eindrucksvolle Kulisse. Von dieser war bei den diesjährigen Weltmeisterschaften, die von Donnerstag bis Sonntag abgehalten wurden, freilich nichts zu sehen. Wegen der Pandemie war kein Publikum erlaubt. Dabei soll diese WM eine neue Ära einläuten. Inoffiziell als »Super-WM« bezeichnet, soll es von nun an nur noch eine Eisschnellauf-WM pro Jahr geben, anstatt der ebenso verwirrenden wie aufwendigen Trennung in Einzelstrecken-WM, Mehrkampf-WM und Sprint-WM, die den Eisschnellaufsport allzu lange prägte.

Die Athleten aus den Niederlanden dominierten auch in diesem Jahr. Schon wieder kratzte man im Medaillenspiegel an der 50-Prozent-Marke. Vor den abschließenden Wettbewerben am Sonntag, die nach Redaktionsschluss endeten, gab es kein einziges Rennen, in dem man ohne Medaille blieb. Die Niederländerin Ireen Wüst wurde als Teil des siegreichen Trios im Teamwettbewerb zur erfolgreichsten Athletin der Eisschnellauf-WM-Geschichte überhaupt. Sie gewann ihre 22. Goldmedaille.

Die größte Sensation lieferte ein Läufer, der zwar einen niederländischen Namen trägt, aber für Schweden startet. Der 24jährige Nils van der Poel, dessen Großvater im Zweiten Weltkrieg als Flüchtling nach Skandinavien kam, holte über 5.000 Meter die erste schwedische WM-Medaille seit 38 Jahren. Besonders bemerkenswert ist, dass van der Poel nach einer zweijährigen Wettkampfpause erst seit einem Jahr wieder Rennen bestreitet.

Für Gesprächsstoff sorgt immer wieder der Massenstart. Seit 2015 im WM-Programm, ist er vom Shorttrack inspiriert, den Kurzbahnrennen, in denen alle Teilnehmer gleichzeitig starten und im direkten Gegeneinander den Sieger ermitteln. Viele Zuschauer finden das attraktiver als Athleten, die einsam ihre Runden drehen. Allerdings sind in diesem Format Rempeleien und Stürze unvermeidbar und werden nach Ende des Rennens in einem oft minutenlangen Videostudium ausgewertet. Der VAR im Fußball ist nichts dagegen. Beim letzten Weltcuprennen vor der WM erwischte es die Italienerin ­Francesca Lollobrigida, eine Großnichte der berühmten Schauspielerin Gina. Als Dritte ins Ziel gekommen, wurde sie wegen eines Remplers gegen die siegreiche Irene Schouten – natürlich aus den Niederlanden – disqualifiziert. Anstatt an der Siegerehrung teilzunehmen, verließ Lollobrigida in Tränen das Stadion. Bei der WM belegte sie den undankbaren vierten Platz, direkt hinter Schouten. Es gewann Marijke Groenewoud – auch sie aus den Niederlanden.

Vor den Abschlusswettbewerben am Sonntag kamen die deutschen Athleten nicht einmal in die Nähe der Medaillenränge. Top-ten-Plazierungen bei den Herren schafften Patrick Beckert (ESC Erfurt) über 5.000 Meter und Joel Dufter (DEC Inzell) über 500 Meter. Beide belegten jeweils den neunten Platz. Rang zehn im Massenstart der Damen ging an die bald 49jährige Claudia Pechstein. Die für die Eisbären Juniors Berlin startende Gewinnerin von mehr als 40 WM-Medaillen ist eine der schillerndsten deutschen Sportpersönlichkeiten der letzten Jahrzehnte. Pechstein, die aufgrund von Rückenproblemen auf den Start über 3.000 Meter verzichten musste, peilt auch noch ein Antreten bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Beijing an. Es wäre ihre achte Olympiateilnahme.

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